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Kein Taifun, kein Thema: Warum deutsche Medien Taiwan missachten

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Erst eine Katastrophe garantiert Medien-Aufmerksamkeit.

Das gilt in Deutschland nicht nur für die Philippinen, sondern auch für ihren Nachbarn im Norden, Taiwan.

Wenn in Taiwan Tibeter ungestört auf die Straße gehen, Kernkraftgegner für den Atomausstieg nach deutschem Vorbild demonstrieren oder die einzigen wirklich freien Wahlen der chinesischsprachigen Welt abgehalten werden, dann ist das zwar durchaus bedeutsam. Doch nicht nur die Bundesregierung lässt Taiwan vor der Tür stehen. Auch deutsche Zeitungsleser, Radiohörer und Fernsehzuschauer erfahren davon nur im Ausnahmefall.

Genau das versuche ich durch meine Arbeit als Taiwanreporter zu ändern. Doch meine Zeit ist begrenzt, und ich kann mich nicht um alle Themen kümmern. Außerdem wartet keine Redaktion händeringend auf Nachrichten aus Taiwan, und ich muss für jede Geschichte das Interesse von neuem anfachen. Manchmal klappt das, manchmal nicht.

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Taiwan bietet politische Brisanz, bewegte Geschichte und eine beeindruckende demokratische Entwicklung. Aber es kommt kaum vor.

Es liegt im toten Winkel der deutschen Medien.

Dafür sind ausnahmsweise keine chinesischen Schikanen verantwortlich. Taiwan erfüllt aus deutscher Sicht drei Ausschluss-Kriterien: Es ist klein, weit weg, und das Vorwissen ist begrenzt.

Gefühlt liegt Taiwans Relevanz irgendwo zwischen Ost-Timor und dem Kosovo: Da war mal was, man kann es auch grob verorten, schlägt aber nicht täglich gespannt die Zeitung auf, um Neues zu erfahren.

Taiwan ist ein TV-Lückenfüller.

Taiwans Präsidentenwahl 2012 war der 20-Uhr-Tagesschau genau einen 25-sekündigen Bilderteppich wert (bei 11:39). Kein ARD- oder ZDF-Fernsehkorrespondent war angereist.

In den vier Jahren seit der vorangegangenen Präsidentenwahl 2008 hatte das ARD-Nachrichten-Flaggschiff laut Online-Archiv Taiwan immerhin an 14 Tagen erwähnt:
  • Fünfmal 2008 im Kontext „Tauwetter mit China"
  • Einmal 2010 anlässlich von US-Waffenlieferungen
  • Achtmal mit spektakulären Bildern von Taifun-VerwüstungenAls der Taifun „Morakot" 2009 ganze Dörfer begraben hatte, lieferten Agenturbilder aus Taiwan tagelang das Material für die beliebte Rubrik „die Naturkatastrophe vor dem Wetterbericht". Mit „nur" 500 Toten reichte es zum Glück nicht für ein Brennpunkt-Thema, wie es sich derzeit auf den Philippinen abspielt.

Ich habe selbst für "Tagesschau" und "Heute" gearbeitet und spreche aus eigener Erfahrung: Es liegt nicht am bösen Willen der Redakteure. Die Kollegen zerbrechen sich Tag für Tag den Kopf darüber, die komplizierte Welt in maximal 15 Minuten so auf den Punkt zu bringen, dass der Zuschauer nicht verwirrt zurückbleibt.

Die Zeit ist knapp, Informationen müssen beim ersten Hören hängen bleiben, und im Idealfall transportieren die Bilder die Geschichte. Versuchen Sie unter diesen Bedingungen einmal, Taiwans Politik in 30 Sekunden angemessen zusammenzufassen.

Vermittelt wird ein schiefes Taiwan-Bild.

In Tageszeitungen und Online-Newsportalen stammen Taiwan-Meldungen auffallend häufig aus der Rubrik „skurril und abwegig". Da ist Taiwan ein Land, in dem ständig Barbie-Restaurants eröffnen, Frauen die Ehe mit sich selbst eingehen und die Regierung Hundekot-Sammelprämien auslobt.

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Solche Meldungen sorgen für Aufmerksamkeit, lassen sich in wenigen Zeilen vermitteln und flattern den Redaktionen über internationale Agenturen frei Haus auf den Tisch. Nur das Verständnis für Taiwan fördern sie nicht.

Wichtige Geschichten schaffen es seltener in deutsche Medien. Korrespondenten beobachten Taiwan meist von Peking, Shanghai oder Tokio aus. Vor der eigenen Haustür finden sie genügend Themen und verirren sich selten nach Taiwan. Internationale Medienunternehmen sind besser vertreten: Reuters, BBC, Bloomberg, AP, AFP, das Wall Street Journal, die Financial Times und Medien aus Japan und Hongkong haben eigene Leute vor Ort.

Die deutsche Fixierung auf China ist für Taiwan Vor- und Nachteil zugleich. Lässt sich ein Thema in Beziehung zu China setzen, steigert das die Chance auf einen Bericht. Doch wird Taiwan dann oft nicht in seinem eigenen Recht dargestellt, sondern reduziert auf eine Rolle als Kontrastfolie zur Volksrepublik - wahlweise als Gegenentwurf oder Zukunftsmodell.

Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten.

Wenn Ärger in der Luft lag, war das für deutsche Medien immer ein Grund, genauer auf Taiwan zu blicken. Seit einigen Jahren aber entwickeln die Beziehungen zu China sich vordergründig harmonisch, das wahre Konfliktpotential bleibt verborgen. So liegt es derzeit vor allem an der Regierung in Peking, ob sie durch Säbelrasseln und ungeschickt vorgetragene Machtansprüche die Aufmerksamkeit auf Taiwan lenkt oder nicht.

Damit Taiwan sich selbst stärker ins Gespräch bringt, müsste es eher die Gegensätze zu China betonen als die Gemeinsamkeiten. Denn sein attraktivster Exportartikel, die lebendige Demokratie mit ihrer freien Zivilgesellschaft, ist in der Welt noch lange nicht gut genug bekannt.

Dieser Text stammt aus Klaus Bardenhagens "Formosa! Das ist Taiwan". In dem Buch beschreibt er, warum Taiwan aus deutscher Sicht wichtig ist. Der Reporter schlägt den Bogen von der unseligen „Gift im Bubble Tea"-Kampagne in deutschen Medien bis zum Interview mit Politiklegende Egon Bahr.

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Mehr Informationen und Bestellung (auch als E-Book): http://www.intaiwan.de/buch

Blog: http://www.intaiwan.de