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"Die Politik hat nichts getan, um Milchbauern vor dem Ruin zu bewahren"

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Anders Andersson via Getty Images
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Es sind dramatische Zahlen: 4000 Milchbauern mussten im vergangenen Jahr in Deutschland ihren Betrieb aufgeben.

Seit die EU 2015 die Milchquote abgeschafft hat und jeder Bauer so viel Milch produzieren kann, wie er möchte, sind die Preise abgestürzt. Arbeitsplätze sind in Gefahr, gerade auf dem Land, wo es ohnehin so wenige gibt. Nutzlandschaften drohen zu verkümmern. Traditionen sowieso.

Kirsten Wosnitza bewirtschaftet zusammen mit ihrem Mann Gerd-Matthias Albertsen einen Hof im nördlichen Schleswig-Holstein. Sie erzählt, was es heißt, nur noch 20 Cent für den Liter Milch zu bekommen.

Mein Mann und ich bewirtschaften einen Hof mit 120 Kühen. Milchbauer zu sein, das ist der beste Beruf ist, den man sich denken kann.

Als ich aber im Sommer meine Abrechnung gemacht habe, habe ich das erste Mal Angst vor der Zukunft verspürt. Ich mich gefragt, ob es überhaupt noch Sinn macht, Milchbäuerin zu sein.

Damals haben wir von der Molkerei noch 20 Cent für den Liter Milch bekommen. Halb so viel, wie wir brauchen. Verdammt, habe ich gedacht, wie lange soll das noch so weitergehen?

Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) hat schon lange vorausgesagt, dass nach dem Ende der Milchquote die Preise stark sinken würden - und ist oft genug dafür belächelt und kritisiert worden. Aber dass die Preise so lange so niedrig sein würden, kleine und große Betriebe treffen würde, das hat mich schockiert.

In der Krise mussten wir auf unsere Altersvorsorge zurückgreifen

Während der Krise hat uns für viele notwendige Dinge das Geld gefehlt. Man versucht natürlich immer, nichts anzutasten, was mit den Tieren direkt zusammenhängt. Sie müssen weiter das beste Futter und eine gute medizinische Versorgung bekommen. Das ist schließlich mein Anspruch als Landwirtin.

Aber so manche Reparaturen oder gar neue Investition haben wir - wie so viele Kollegen - aufgeschoben. Unser Melkstand zum Beispiel ist schon 30 Jahre alt, alle 25 Jahre muss eigentlich dringend in neue Technik investiert werden. So aber verbringen wir vier bis sechs Stunden pro Tag allein nur im Melkstand. Die Zeit benötigen wir eigentlich für andere Dinge auf dem Hof.

Geld, das wir für Investitionen zurückgelegt hatten, ist jetzt aufgebraucht.

Besonders heikel: Wir mussten in der Krise sogar auf einen Teil des Geldes zurückgreifen, das wir für unsere Altersvorsorge gespart hatten.

Wir sind relativ spät in den Betrieb eingestiegen und können von der gesetzlichen Rentenversicherung nur einige hundert Euro erwarten. Wir haben nur zehn Hektar Land als Eigentum, die als Altersvorsorge nicht ausreichen werden.

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Bauern laufen Gefahr, sich selbst auszubeuten

Dabei stehen wir noch nicht einmal so unter Druck wie Kollegen, die Kinder haben. Sie müssen ihnen ein Studium oder eine Ausbildung finanzieren - oder die ihren Hof so entwickeln, dass ihre Kinder eine Perspektive darin sehen, ihn zu übernehmen.

Gerade die kleineren und mittleren Betriebe sind in einer Krise ganz schnell in Gefahr, sich selbst auszubeuten. Sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr im Kuhstall zu stehen. Ob das die nächste Generation noch mitmacht?

Wir brauchen mindestens einen Preis von 40 Cent

Momentan bessert sich die Situation leicht. Wir haben von unserer Molkerei für November 35 Cent pro Liter bekommen. Für Dezember ist der Preis schon wieder auf 33 Cent gesunken. Wenn das so bleibt, kann niemand die Löcher stopfen, die in den letzten beiden Jahren entstanden sind.

Im Grunde bin ich nicht bereit, für einen Preis von unter 40 Cent zu produzieren. Jedenfalls nicht, wenn ich nachhaltig arbeiten will. Hohe Milchqualität, Umwelt-, Natur- und Tierschutz haben ihren Preis.

Wer ist schuld an der Misere?

Die Milchindustrie, die EU-Kommission, die Bundesregierung und Teile der Wissenschaft haben immer gesagt, dass die Nachfrage nach Milch weltweit wächst - und das Angebot übersteigt. Wie eine Möhre hat man uns dieses Versprechen vor die Nase gehalten.

Viele Bauern haben daran geglaubt und viel Geld in die Erweiterung und Modernisierung ihrer Betriebe investiert.

Dann brach die Nachfrage aus China ein und Russland verhängte ein Embargo für Milch aus Europa. Gleichzeitig fiel die europäische Milchquote.

Den Verbrauchern ist unsere Lage offensichtlich nicht egal. Immer, wenn wir auf Messen sind, fragen uns die Menschen, welche Milch sie kaufen sollen. Das freut mich. Und ich rate ihnen, Milch aus ihrer Region zu kaufen.

Aber die Verbraucher können in der Krise nur wenig machen. Nur knapp 20 Prozent der Milchproduktion werden überhaupt zu Trinkmilch verarbeitet.

Wir brauchen eine politische Veränderung.

Wir müssen ändern, dass viele Bauern so fest an Molkereien gebunden sind. Die Molkereien reichen sinkende Preise und damit das Risiko einfach an die Bauern durch.

Wir brauchen ein Instrument, das verhindert, dass ein gesättigter Markt in Europa mit noch mehr Milch geflutet wird. Zum Schluss der Krise hat es ja funktioniert: Es gab Geld für die Milchbauern, die ihre Produktion drosseln.

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Mein Mann und ich haben die Hoffnung nicht aufgegeben. Schließlich haben nicht wir Milchbauern, sondern auch unsere Dörfer und die Verbraucher eine Menge zu verlieren.

Das Protokoll wurde aufgezeichnet von Leonhard Landes.

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