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Keep calm but don't carry on! Ein paar Gedanken zum „Brexit"

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KEEP CALM
dpa
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1. Internationale Beziehungen sind Beziehungen zwischen Menschen. Sie funktionieren auch so.

2. Wer miteinander in hÀufigem Kontakt steht, regelt Beziehungen gerne vertraglich.

3. FĂŒr besonders enge Beziehungen mit vielen gegenseitigen Verpflichtungen gibt es StandardvertrĂ€ge, zum Beispiel: Ehen.

4. EU-Mitglieder sind miteinander weit ĂŒber das ĂŒbliche Maß hinaus verbunden. Sie sind quasi miteinander verheiratet. Aus einer Mischung aus Emotion und NĂŒtzlichkeitsabwĂ€gungen heraus geboren, ist ein umfassendes Regelwerk des Miteinander entstanden.

5. Jetzt lĂ€sst sich Großbritannien scheiden. Scheidungen kommen vor und sind manchmal ein guter Ausweg. Wann? Wenn man die Beziehung unter keinen UmstĂ€nden fortfĂŒhren will. Wenn man miteinander nicht mehr sein möchte und die vertraglichen Vorteile die fehlende Basis nicht mehr ersetzen.

6. Großbritannien will aber gar nicht ohne Europa sein. Sogar die „Brexit"-AnhĂ€nger wollen nicht die Beziehungen zu Europa abbrechen. Sie kritisieren das Konzept der Union. Die QualitĂ€t der Bindung, sagen sie, sei vom Konstrukt „EU" unabhĂ€ngig, und die rechtlichen Aspekte könne man auch in EinzelvertrĂ€gen festhalten.

7. Mit der gleichen Argumentation weisen einige meiner Freunde die Ehe als Konzept zurĂŒck und betrachten sie als staatliche Einmischung in ihr Privatleben. Die mit der Ehe einhergehenden Rechte und Verpflichtungen könne man auch vertraglich regeln.

8. Diese Behauptung ignoriert erstens, dass BĂŒndnisse auch emotionale Wirkung haben, weil sie durch die Notwendigkeit des fĂŒreinander Eintretens auf beiden Seiten das GefĂŒhl der VerlĂ€sslichkeit erhöhen. Vor allem aber ignoriert sie die ungeheure Vereinfachung, die solche Regelungen komplexer VerhĂ€ltnisse den Beteiligten bieten. Alles einzeln vereinbaren - zudem ohne die Grundlage des auf Dauer angelegten BĂŒndnisses - viel Spaß!

9. Es erscheint aber viel dynamischer, gegen das Althergebrachte zu sein; zumal, wenn es in seinen Erscheinungsformen offensichtliche Defizite aufweist. Der Protestler nimmt deshalb fĂŒr sich die Rolle des modernen Revoluzzers in Anspruch und hat es damit leichter, zu mobilisieren.

10. Wenn Menschen sich aber trennen, nicht, weil sie keine gemeinsame Zukunft sehen, sondern weil sie sich durch die Form der Beziehung bevormundet fĂŒhlen, ist das tragisch, weil unnötig. Und besonders zweifelhaft ist es dann, wenn sie einen großen Teil der Beziehung nachher fortfĂŒhren wollen, weil sie den eigentlich ganz gut finden. Vertragen Sie sich aber mal ganz schnell wieder mit dem, den Sie gerade vor's Schienbein getreten haben!

11. Viele, viele Nachteile also. Jetzt ist es aber soweit: Sie stehen vor der Entscheidung - gehen oder bleiben? Jahrelang haben Sie sich in die Nachteile Ihrer Beziehung hineingesteigert. Und von außen sagen Ihnen ganz viele, die Sie fĂŒr weniger mutig und fortschrittlich, sprich: fĂŒr konservativer halten: Bleib! - denn es gibt keine vernĂŒnftige Alternative! Mach weiter wie bisher!
Was ist Ihre Reaktion?

12. Was ich sagen will, ist: Der Brexit ist traurig, und ich glaube, denjenigen, die den pseudo-mutigen Populisten gefolgt sind, wird das auch noch auf bittere Weise bewusst werden. Aber wenn wir immer nur Katastrophenszenarien zeichnen als Ergebnis solcher Abstimmungen, aber keinen positiven Gegendiskurs entwickeln; wenn wir keine Weiterentwicklung, keine VerĂ€nderung, keine Diskussion in Aussicht stellen; wenn dieselben Politiker, die das ganze Jahr ĂŒber BrĂŒsseler BĂŒrokratie schimpfen, im Angesicht des „Brexits" plötzlich mit dem Untergang des Abendlandes drohen, dann haben wir gegen Bewegungen, die sich als die Speerspitze des Wandels prĂ€sentieren, schlechte Chancen. Es gibt immer eine Alternative, und WĂ€hler sind geneigt, das im Zweifelsfall auch zu beweisen. Tun wir also nicht so, als gĂ€be es eine moralische Verpflichtung, auf die eine oder andere Weise zu stimmen und stellen wir beim nĂ€chsten Referendum das „undenkbare" Ergebnis als das hin, was es ist: ein denkbares, aber schlechtes. Hysterie hilft nicht. Kommunizieren wir selbst aktiver und konsistenter, und zwar nicht nur dann, wenn der WĂ€hler mit dem Wahlzettel droht.

13. Und jetzt? Üben wir uns den Jubelnden gegenĂŒber in Gelassenheit und sagen wir ganz ruhig: Das war scheiße, Kinder. Und ihr werdet es auch noch merken.

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