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Es geht nicht um die Türkei, sondern um Deutschland

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TRKEIDEUTSCHLAND
dpa
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Die deutsche Bundesregierung hat den Militärputsch in der Türkei als Unrecht verurteilt und zur Einhaltung der demokratischen Ordnung geraten. Aufseiten der deutschen Bevölkerung nehmen nun die Forderungen nach einer kritischen Stellungnahme der Bundesregierung zu. Viele Stimmen appellieren an die Rechtsstaatlichkeit, die Erdogan scheinbar aus den Augen verloren hat.

Die kürzlich beschlossenen Maßnahmen des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, hinsichtlich der Entlassung der über 2700 Richter und der aufstachelnden Diskussion um die Wiedereinführung der Todesstrafe, lösen heftige Kritik in Europa und der Welt aus. Doch der Blick in unsere eigenen Reihen ist dabei alarmierend genug.

Auf der Facebook-Seite von Mehmet Alparslan Çelebi, stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, äußert sich dieser zu der Selbstjustiz und den Gewalttaten gegenüber Soldaten des Türkischen Militärs in einem Kommentar folgendermaßen:

"Wenn Menschen, die ihre nächsten verloren haben, ausrasten und wie im Bild oben reagieren, ist das juristisch und islamisch gesehen falsch, menschlich gesehen, kann das passieren." Fotos zeigten türkisch Soldaten, die von aufgebrachten Erdogan-Unterstützern gewalttätig attackiert wurden.

Selbstjustiz darf nicht gerechtfertigt werden

Eine Äußerung, die nicht nur erschreckt, sondern einer Relativierung von Selbstjustiz, Vergeltung und Gewalt innerhalb eines demokratischen und rechtsstaatlichen Systems entspricht. Derartige Vergehen, getrieben von Rachegedanken, sollten gerade von einem in der Verantwortung stehenden Vorstandsmitglied des Zentralrats der Muslime verurteilt, statt "menschlich" gerechtfertigt werden.

Wie also, soll Deutschland Rechtsstaatlichkeit repräsentieren, wenn seine eigenen Staatsbürger und Amtsträger, das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit in ihren Äußerungen verletzen?

Selbstjustiz, so unvorstellbar wie manche Situationen auch zu sein mögen, darf nicht "menschlich" sein, sie ist unmenschlich und nicht akzeptabel. Das Gerechtigkeitsverständnis in Deutschland definiert sich zurecht nicht durch hasserfüllte Selbstjustiz, sondern durch Instrumente der Rechtsstaatlichkeit.

Von dem Vertreter einer der wichtigsten islamischen Dachverbände in Deutschland, der zugleich Christdemokrat ist, müsste eine klare Haltung zu rechtsstaatlichen Prinzipien, sowie eine Verurteilung der Gewalttaten zu erwarten sein.

Viele Migranten-Communities reagieren emotional

Erschreckende Reaktionen deutscher Staatsangehöriger zu dem derzeitigen Konflikt in der Türkei, gewähren Einblick über eine bestehende Loyalität gegenüber Stellungnahmen, Aufforderungen und Reaktionen aus dem Ausland. Diese widersprechen häufig dem deutschen Wertverständnis.

Äußerungen einiger Mitbürger zur Armenier-Resolution, führten zu Polizeischutz von türkisch-stämmigen Abgeordneten. In Gelsenkirchen, erfolgte ein Angriff auf einen Jugendtreff der Gülen-Bewegung. Die Vorfälle häufen sich.

Die angesprochene Personengruppe spiegelt natürlich nicht die Gesamtheit der Migranten-Community wider. Es gibt auch viele, die sich offen gegen bestimmte Unvereinbarkeiten aussprechen.

Es gibt aber auch jene, die bewusst ruhig bleiben, weil sie sich selbst oder ihre Familie davor bewahren möchten, dem Druck der Mehrheit innerhalb einer Community ausgeliefert zu sein. Wie kann es sein, dass sich ein Vater in seiner Gemeinde für die freie Meinungsäußerung seines Kindes rechtfertigen und sich klar zu einer Seite bekennen muss?

Dieses Phänomen ist nicht nur eines der türkisch-stämmigen Community. Es lässt sich in vielen anderen Migranten-Communities ebenso wiederfinden. Ein Blick in deutsche Schulklassen reicht aus, um die kulturelle Vielfalt der heranwachsenden Generationen in Deutschland zu erkennen.

Viele Kinder wachsen mit unterschiedlichen Kulturen auf. Viele der Flüchtlinge, die gekommen sind, werden bleiben. Und die Frage, die wir uns künftig stellen sollten ist nicht die, ob wir uns zu einem ausländischen Präsidenten bekennen oder nicht, sondern jene, wie wir als Deutsche in diesem Land miteinander leben möchten.

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