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Mein Status Quo zur Flüchtlingskrise: Hilfsbereitschaft, aber auch Angst, etwas falsch zu machen

28/08/2015 12:34 CEST | Aktualisiert 28/08/2016 11:12 CEST
Getty

Was bei mir hängen geblieben ist

Es soll Enteignungen von Wohnungen geben, damit Flüchtlinge eine Unterkunft bekommen.

Es werden als Flüchtlingsheime geplante Gebäude abgefackelt.

In Sachsen verhalten sich Menschen widerwärtig.

Einige Personen des öffentlichen Lebens haben befriedigend harte Worte zu den Vorfällen in Sachsen gefunden.

Was ich in den Nachrichten gelesen habe

Wie Oliver Kalkofe auf Facebook von "Amöbenhirn-Minipimmel-Verbrecher" spricht.

Wie Sigmar Gabriel von einem „Pack, das eingesperrt werden muss" spricht.

Flüchtlinge müssen im Gleisbett schlafen.

Was ich von anderen Menschen gehört habe

„In einer Flüchtlingsunterkunft waren alle Abflüsse verstopft, weil sie dort ihre Pässe im Klo runtergespült haben, um nicht ausgewiesen werden zu können."

„Es werden auch Flüchtlinge aus Ländern aufgenommen, in denen gar kein Problem herrscht, also kein Krisengebiet, kein Krieg oder so."

„In der Nähe einer Flüchtlingsunterkunft wollen einige Läden schließen, weil die Flüchtlinge dort zu viel klauen. Ein Bäcker, ein Supermarkt, und so ein Sportgeschäft. Eine Gruppe von acht oder zwölf Menschen kommt rein, die nehmen sich was die wollen und gehen wieder. Und drin ist nur ein Mädchen, das hinter der Kasse steht. Was soll die machen?"

Was ich selbst gesehen habe

In meinem Heimatdorf, das aus nur einer Straße besteht, sind seit einigen Wochen in einem alten Pflegeheim Flüchtlingsfamilien mit kleinen Kindern untergebracht. Außer einmal, als sie abends auf der Bank vor der Kirche saßen, habe ich die Flüchtlinge noch nirgends gesehen.

Meine Mutter hat Kinderspielzeug gesammelt und dort vorbeigebracht. Nach dem zweiten Klingeln öffnete ein netter Mann, er hat sich gefreut und Ok gesagt.

Was ich mir wünsche: Transparenz und Antworten

Ich wünsche mir Transparenz, um unnötigen Trotz und Widerwillen zu umschiffen. Ich wünsche mir Antworten, um die Vorgänge besser verstehen und bewerten zu können. Was passiert mit Flüchtlingen, die organisiert stehlen? Was passiert mit Flüchtlingen aus Ländern, die einfach nur nach Deutschland wollten? Was passiert mit Flüchtlingen, die eine Unterkunft in Deutschland wirklich dringend brauchen, weil ihr Land in Schutt und Asche liegt? Gibt es eine sinnvolle Unterscheidung, oder werden diese Menschen als „Flüchtlinge" diskriminiert und alle gleich behandelt?

Was ist aus all den Flüchtling-Willkommens-Aktionen geworden? Wie sind die abgelaufen? Was ist dabei passiert?

Wie kann ich helfen? Was brauchen diese Menschen? Oder soll ich sie lieber in Ruhe lassen?

Hilfsbereitschaft ja, aber auch Angst, etwas falsch zu machen

Eine Nachbarin fragte mich in nachdenklichem Ton neulich etwas, was mich sehr berührt hat.

„Ich würde gern ein paar aussortierte Kleider zur Flüchtlingsunterkunft bringen, meinst du, die können das brauchen? Ich will nicht, dass das Rote Kreuz da Putzlappen draus macht, wenn die das noch wirklich brauchen können. Aber was mach ich, wenn die sagen ‚Hau ab du, deine Almosen wollen wir nicht!'?"

Man merkt: die Menschen wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Hilfsbereitschaft ist da. Aber auch die Angst, etwas falsch zu machen.

Ich wünsche mir, dass Angst und Trotz einer Klarheit weichen, die es möglich macht, wieder menschenfreundlich zu handeln. Dazu muss sich auch die Berichterstattung wandeln. Negativschlagzeilen und Forderungen führen zu Stumpfsinn und Widerwillen. Einen Artikel mit der Überschrift: KLARHEIT: DAS BRAUCHEN DIE FLÜCHTLINGE WIRKLICH werde ich nicht lesen.

Ich wünsche mir einen weniger verklemmten Umgang mit der Flüchtlings"krise". Flüchtlingen helfen zu müssen, ist eine Sache. Menschen zu helfen, eine andere. Und zu Letztgenanntem sind bestimmt viele bereit. Auch weil die Formulierung eine freundlichere ist.

Das Schönste, was ich heute zum Thema Flüchtlinge gelesen habe, war Folgendes:

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Gefunden auf https://twitter.com/_Worfetzen_/status/636811413542060032/photo/1

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

Seit dieser Aktion erreichen uns täglich weitere Dutzende Beiträge zu diesem Thema. Wenn Sie sich an der Diskussion mit einem eigenen Artikel beteiligen wollen, schreiben Sie an blog@huffingtonpost.de.

Es ist Zeit, dass wir in Deutschland ein Zeichen setzen. FÜR Weltoffenheit, FÜR Toleranz und FÜR Menschen in Not

Joko und Klaas haben Flüchtlingshassern etwas Krasses zu sagen