BLOG

Ich flüchte vor Verantwortung. Und Sie?

26/08/2015 10:43 CEST | Aktualisiert 26/08/2016 11:12 CEST
Screenshot Youtube

Ich bin ein Flüchtling. Ich flüchte vor Verantwortung. Ich flüchte vor Meinungen. Ich flüchte vor dem Weltgeschehen.

Ich bin es leid, für alles verantwortlich zu sein

Für Griechenland. Für China. Für den Dax, die Ölpreise, für die Flüchtlinge. Wir sind verantwortlich. Wir Deutschen. Aber wehe, wir nennen uns so, ist unsere dunkle Vergangenheit doch noch nicht verbüßt.

Klingt jedes Meckern über jede Verantwortung doch ohnehin wieder rechtsradikal. Ich bin kein Sympathisant rechter Äußerungen, ich bin nur bequem. Und jedem die Hand zu reichen und doch nie als Held dazustehen ist nicht bequem. Es ist ermüdend und ernüchternd.

Es gibt keine Helden mehr in der Welt, in der wir leben

Es kann keine geben. Gefeiert werden höchstens die, die die Lawine in Nepal am krassesten auf Band festgehalten haben. Haben Sie schon vergessen? Macht nichts, ich auch. Es waren ja eh nur Klicks auf einer Schlagzeile, die sowieso niemand mehr lesen will.

Und es nimmt kein Ende. Hat sich ein Thema abgelebt, kommt gleich ein neuer Schlag, bei dem wir versagt haben. „Europa muss handeln", „Europa darf das Flüchtlingselend nicht länger dulden". Und jetzt steht Deutschland mal wieder am Pranger, weil wir die 200.000 Asylanträge nicht schnell genug bearbeiten.

Als das erste große Flüchtlingsboot noch als Katastrophe deklariert kenterte und Hunderte ertranken, sagte Kanzlerin Angela Merkel noch „Geld darf hier keine Rolle spielen" und schickte zwei statt nur einem deutschen Marine-Schiff. Aber auch mit zwei deutschen Marine-Schiffen gibt es keinen Platz für Flüchtlinge, wenn die erst mal das Land erreicht haben.

Der Grund des Meeres scheint der einzige Ort zu sein, an dem Flüchtlinge niemandem im Weg sind, aber unbequem ist das auch. Man will das nicht lesen und man will sich nicht immer wieder schuldig fühlen. Oder schuldig machen, weil man plötzlich doch irgendwie rechtsradikal denkt und Pegida ein Stück näher rückt.

Der einzige Weg ist Abschalten

Wenn ich keine Meinung habe, kann sie auch nicht verwerflich sein. Das eigentliche Problem ist aber: in unserer Welt passiert zu viel Schlechtes. Unaufhörlich werden wir mit unbequemen, dramatischen Schlagzeilen bombardiert, wo wir überall zur Hilfe verpflichtet sind, weil es uns besser ergeht als irgendwem anders. Man liest ja von nichts anderem mehr.

Aber erinnern Sie sich noch an den Germanwings-Absturz? Ja, war schlimm. Aber nur noch an das denken kann man ja auch nicht. Ist ja halt auch schon fast ein halbes Jahr her. Fühlen Sie sich jetzt nicht schuldig, weil Sie schon gar nicht mehr daran gedacht haben. Oder das Datum des Absturzes nicht kennen.

Bereits drei Tage nach dem 24.03. war die Top Five der am häufigsten gelesenen Artikel 1) Germanwings-Absturz 2) Germanwings Absturz 3) Germanwings-Absturz 4) Germanwings-Absturz 5) die beste Salami-Pizza aus dem Tiefkühlregal.

Es bleibt, wie Brecht schon gesagt hat: Erst kommt das Fressen, dann die Moral

Wie soll es auch anders gehen, wenn es für Nichts eine Lösung gibt. Statt Flüchtlingslagern Hilfe zur Selbsthilfe? Klar. Gib dem Flüchtling ein Boot und er wird kentern. Lehre den Flüchtling zu rudern und er wird sein Ruder verkaufen, um flüchten zu können.

Es kann keine Helden geben, wenn jeder der Schuldige ist. Es kann keine Lösungen geben, wenn kein Schritt genug ist. Es kann kein Bewusstsein geben, wenn Stumpfsinn der einzige Weg ist, das Schuldenfeuer zu durchstehen.

Also ärgern Sie sich nicht über die Präsenz des Flüchtlingsdramas oder irgendetwas anderes. Bald wird es wieder gegessen sein. Flüchten Sie einfach. Sie haben schließlich einen Ort, an dem Sie bleiben können. Und wenn jeder für sich selbst sorgt, ist für alle gesorgt. Oder?

2015-08-06-1438870629-2559366-10000.png

200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

Seit dieser Aktion erreichen uns täglich weitere Dutzende Beiträge zu diesem Thema. Wenn Sie sich an der Diskussion mit einem eigenen Artikel beteiligen wollen, schreiben Sie an blog@huffingtonpost.de.

Es ist Zeit, dass wir in Deutschland ein Zeichen setzen. FÜR Weltoffenheit, FÜR Toleranz und FÜR Menschen in Not

An alle Flüchtlinge, diese 22 Zeilen sind für euch

Gesponsert von Knappschaft