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Ich habe Angst. Haben die Terroristen jetzt gewonnen?

28/11/2015 12:38 CET | Aktualisiert 28/11/2016 11:12 CET
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Ich bin verwirrt. Muss ich jetzt Angst haben oder nicht?

Soll ich oder soll ich nicht?

Nach den Anschlägen in Paris am 13. November hat sich die Stimmung wohl in ganz Europa geändert. Terrorwarnstufe 4 von 4 in Brüssel. Terrorwarnstufe 3 von 4 in Spanien, wo ich mich gerade befinde und in meinem Auslandssemester eigentlich dem Partyleben frönen sollte. Aber auch bei mir hat sich die Stimmung geändert. Sind öffentliche Orte jetzt gefährlich? Soll ich sie wirklich meiden? Wer weiß schon, welches Ziel sich die Terroristen als nächstes aussuchen? Wieso war es das Bataclan? Wieso gerade dieser Club?

Niemand, außer meinem Freund, der in Deutschland geblieben ist, scheint meine Sorge zu teilen. Verstehen die das alle nicht? Oder will ich einfach nur unglücklich sein? Fühl ich mich nur generell unwohl, weil ich nicht zuhause bin, während schlimme Dinge geschehen?

Weltweite Reisewarnung

Meine Mitbewohner, beides Spanierinnen, sagen, ich mache mir übertriebene Sorgen. Ich habe versucht, mit ihnen darüber zu sprechen, dass ich mich jetzt unwohl fühle, wenn ich über Weihnachten nach Hause fliege - und dafür über den Flughafen der Hauptstadt Madrid reisen muss. Sie sagen, ich solle mich nicht so verrückt machen. Aber es ist eine Hauptstadt und Flughäfen generell sind doch jetzt gefährdet, oder? Die weltweite Reisewarnung, die die USA am 23. November herausgegeben haben, macht das jetzt nicht besser. Was die genau soll, weiß ich nicht so recht, wo sie doch so unspezifisch formuliert eigentlich nur Angst schürt. Dennoch gibt es sie.

Muss ich jetzt Angst haben oder nicht? Wenn ich mein Leben jetzt ändere, haben die Terroristen ihr Ziel erreicht, heißt es. Wenn ich tot bin, weil ich nicht vorsichtig war, aber auch... Also was ist jetzt angebracht? Ich versuchte es mit anderen Betroffenen.

Einer der Vorteile im Auslandssemester ist, dass man viele Leute aus aller Welt kennenlernt. Darunter waren auch zwei Mädchen aus Belgien, die mit mir zusammen studieren. Nachdem in Brüssel die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen worden ist, die Straßenbahn lahmgelegt und dazu aufgerufen wurde, alle Menschenansammlungen zu meiden und nicht einkaufen zu gehen, fragte ich bei ihnen nach, wie sie sich denn so fühlen würden. Sie meinten, sie hätten keine Angst, es sei seltsam, das zu hören, aber sie würden sich deswegen nicht unwohl fühlen.

Die eine sagte, es sei so komisch, denn dieser „angeblich so gefährliche Stadtteil", in dem die Terroristen ihr Lager haben sollen, sei 10 Minuten von ihrem Zuhause entfernt und sie habe dort schon in den Ferien als Freiwillige gearbeitet und mit ihrem Bruder Essen an Obdachlose verteilt.

Panzer und Polizei

Aber es stehen doch Panzer in den Straßen und überall steht schwer bewaffnete Polizei? Sie antworteten, sie haben mit Freundinnen gesprochen, die in Brüssel leben. Die seien nur genervt, weil die Straßenbahnen nicht fahren und in Brüssel niemand zu Fuß geht. Außerdem haben sie gesagt, dass es überhaupt nicht so schlimm sei, wie die Medien es aussehen lassen, eigentlich sei gar nicht vieles anders. Verstehe ich nicht. Wer verdreht denn hier das Bild?

Was hat es dann mit Bildern wie diesen auf sich? Ich bin verwirrt.

Brussels right now

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Quelle: http://9gag.com/gag/aepnK5m/brussels-right-now

Ist das jetzt auch noch fingiert, damit die Verkaufszahlen der Zeitungen steigen, die die reißerischste Vermarktung der Angst aufs Titelblatt drucken?

Ich spiele mit dem Gedanken, mein Auslandssemester abzubrechen, indem ich nach Weihnachten einfach nicht mehr zurückkomme. Nicht, weil mir das Auslandssemester nicht gefallen würde, sondern weil ich mich beim Reisen einfach nicht mehr wohl fühle. Klar, im Flughafen selbst, hinter der Sicherheitsschleuse, sollte es sicher sein. Aber davor gibt es immer noch genügend Menschen, dass sich ein Anschlag lohnen würde...

Ich kam mir selbst hysterisch vor

Ich habe meinen Rückflug nach Deutschland für die Feiertage bereits um eine Woche nach vorn verlegt, um nicht unmittelbar vor Weihnachten in noch größeren Menschenansammlungen zu geraten. Aber wie komme ich zum Flughafen? Nachdem ich noch einmal über die Madrider Zuganschläge von 2004 nachgelesen hatte, fiel mir auf, dass ich tatsächlich den Abstand der Anschläge von 2004, drei Tage vor der spanischen Parlamentswahl, erwischt hatte. Ich werde wohl lieber den Bus zum Flughafen nehmen, statt den Zug, dachte ich. Und kam mir plötzlich selbst hysterisch vor.

Mit meinen spanischen Freundinnen komme ich auf keinen grünen Zweig, was die Verständigung über die Terrorangst in mir angeht. „Don't worry! Travel safe." sagte die eine. Wie soll ich denn sicher reisen? Das ist doch gerade der Punkt!

Ich verstehe nicht, wie sie das so einfach abwinken können. Sie, die am Samstag nach den Anschlägen an der Zusammenkunft im Stadtzentrum teilgenommen haben, um den Opfern in Paris zu gedenken. Eine Kommilitonin der beiden, eine kleine fröhliche Französin, mit der ich auch einmal unterwegs war, weinend in ihrer Mitte, denn eine ihrer Freundinnen war im Bataclan gestorben. Eine weitere Freundin von ihr lag schwer verletzt im Krankenhaus und ein Freund wurde noch vermisst. Mittlerweile sind auch diese beiden tot. Das Unglück ist plötzlich ganz nah.

„Aber du bist hier doch nicht gefährdet", sagte mir eine Freundin aus Deutschland, die ebenfalls hier ihr Auslandssemester absolviert, als ich ihr von meiner Überlegung erzählte, nach Weihnachten nicht mehr zurück zu kommen. Woher weiß sie das? Wusste irgendwer, dass das Bataclan gefährdet war? Oder will ich einfach nur Angst haben? Ich suche nach einer Logik...

Bald gibt es hier in der Stadt ein großes Event, das Auslandsstudierende aus ganz Spanien anzieht und dann im Stadtzentrum eine riesige Party stattfindet. Meine Freundin will auf jeden Fall gehen. Ich weiß noch nicht. Ich bin nicht mehr so unbeschwert. Und wenn der dritte Weltkrieg ausbricht, wäre ich lieber Zuhause als in einem anderen Land.

Noch ist es ja nicht offiziell, der Weihnachtsmarkt in Straßburg soll schließlich öffnen...

Während Lyon sein traditionelles Lichterfest Anfang Dezember wegen der anhaltend hohen Terrorgefahr annulierte, soll der "Christkindlmärik" in Straßburg am Freitag wie geplant beginnen - allerdings mit stark erhöhten Sicherheitsvorkehrungen. In den letzten vierhundert Jahren wurde der berühmte Markt lediglich während des Ersten Weltkriegs in den Jahren 1914 bis 1918 sowie 1939, dem Jahr, als der Zweite Weltkrieg begann, ausgesetzt.

Quelle: http://www.welt.de/wirtschaft/article149253954/Wie-sicher-sind-unsere-Weihnachtsmaerkte.html

Anschläge in Frankreich: Bataclan, Stade de France, während Konzert - Videos zeigen das Grauen von Paris

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