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Warum ein Gottesbezug in einer deutschen Verfassung auch Muslimen wichtig ist

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Der Koran spricht von den Rechten Allahs und denRechten der Mitmenschen, die ein Gläubiger zu erfüllen hat. Besonders betont werden die Rechte der Eltern, der Verwandten, der Waisen, der Bedürftigen sowie der Nachbarn und Andersgläubigen.

Jemand, der seinen Mitmenschen unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Stellung, Religion und Herkunft nicht Gutes tut, kann das Wohlgefallen und die Nähe Allahs nicht erlangen. So heißt es etwa: "Allah gebietet Gerechtigkeit und uneigennützig Gutes zu tun und zu spenden wie den Verwandten" (Sure 16,91).

Ganz allgemein heißt es zudem in einer Überlieferung des Propheten über die Loyalität zum Staat, in dem man lebt: "Die Liebe zum eigenen Land ist ein Teil des Glaubens." Der gesellschaftliche Einsatz für den Fortschritt des Landes und die Befolgung der Gesetze des Landes,in dem man lebt, sind also religiöse Pflichten.

Religiöse Werte, wie sie hier beschrieben werden, stellen für Gläubige eine zusätzliche Motivation dar, sich für das Gemeinwohl einzusetzen und sich auch in schwierigen Lebensumständen solidarisch mit Schwächeren zu zeigen. Dies hat beispielsweise Auswirkungen auf den fürsorglichen Umgang mit Familienangehörigen. Intakte und liebevolle Familienstrukturen stellen eine wesentliche Grundlage für die physische und mentale Gesundheit einer Gesellschaft dar.

Wenn jedoch neoliberale Prinzipien Familien immer stärker unter Druck setzen, sich zunehmend an die Bedingungen des Arbeitsmarktes anzupassen und "unproduktive" Gruppen wie Alte und Kleinkinder auszulagern, werden soziale Beziehungen wirtschaftlichen Interessen untergeordnet.

Mehr zum Thema: Sexuelle Übergriffe durch Imame: Warum wir als Muslime und als Gesellschaft nicht länger schweigen können

Der religiös orientierte Mensch kann sich stärker zurücknehmen, weil der Tod für ihn nicht der Schlusspunkt des Lebens ist

Eine religiöse Grundhaltung, die in der Fürsorge für die Eltern etwa ein zentrales Gebot Gottes erkennt, entwickelt ein Bewusstsein dafür, dass das Familienleben vor den Begehrlichkeiten einer auf Effizienz getrimmten, durch ökonomisierten Gesellschaft zu schützen ist, auch wenn dies mit persönlichem Verzicht und Selbstrücknahme verbunden ist.

Der religiös orientierte Mensch kann sich möglicherweise auch deswegen stärker zurücknehmen, weil der Tod für ihn nicht der Schlusspunkt des Lebens ist. Er muss nicht das Äußerste an körperlichem Genuss aus diesem Leben pressen, er muss nicht um den besten Platz an der Sonne kämpfen, denn er kennt etwas Besseres im Inneren, das er schon in diesem Leben erfährt.

Der Koran betont, dass das himmlische oder höllische Leben bereits hier auf Erden seinen Anfang nimmt und sich im Zustand des Geistes eines Menschen manifestiert. Dies bedeutet also, dass ein Muslim sich nicht auf das Jenseits vertrösten lässt und mit widrigen Umständen im Diesseits zufrieden gibt. Es bedeutet vielmehr, dass er frei davon wird, in einer panischen Ichsucht das Maximale für den eigenen, sterblichen Körper herauszuholen.

Dass er Glück und Zufriedenheit in einer spirituellen Praxis sucht, von der es im Koran heißt: "Sie die glauben und deren Herzen Trost finden im Gedenken Allahs. Ja! Nur im Gedanken Allahs ist es, dass Herzen Trost finden können" (Sure 13,29).

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

Denn was geschieht, wenn der Mensch sich nichtmehr als Wesen mit spiritueller Dimension und metaphysischer Tiefe begreift? Wenn der transzendente Bezugspunkt fehlt? Was passiert, wenn das Vollkommenheitsideal einer Kultur sich nicht mehr auf den Geist bezieht? Wenn der Geist nicht mehr für unsterblich gehalten wird?

Es kommt zu einer völligen Fixierung auf das, was offensichtlich ist: den isolierten Körper. Wegbereiter für eine solche Degenerierung ist der Kult um die Inszenierung des Körpers sowie um körperliche/sexuelle Genüsse jeglicher Art, auch wenn sie zu Lasten nicht nur der eigenen physischen und mentalen Gesundheit gehen, sondern auch die Notlage gesellschaftlich Schwächerer ausnutzt und sie ausbeutet.

Weit verbreitet sind zudem Verstrickungen in Rauschzustände, die lediglich über den Körper erfahren werden, ohne ein Bewusstsein für Genüsse des Geistes in einer lebendigen Spiritualität mit Gott.

Gerade weil Religion eine Ressource darstellt, die solchen Auswüchsen eines absolut gesetzten Egoismus entgegentritt, verdient sie es, in besonderem Maße geschützt zu werden. Wenn dagegen die Negierung eines Schöpfers zur gesellschaftlichen Isolation gläubiger Menschen führt, bedeutet das keineswegs automatisch einen Zugewinn an zwischenmenschlicher Solidarität und gesellschaftlichem Frieden.

Im Gegenteil: Die Leugnung des einen Gottes kann mitunter zu einer Erweckung einer Myriade von Göttern führen. Selbstsucht, die Orientierung an Zielen, die nur dem eigenenVorteil gereichen, sowie die Anbetung des Gottes Mammon sind nur einige solcher selbst fabrizierter Götter, die dem Gemeinwohl und dem sozialen Frieden alles andere als dienlich sind.

Funktion der Problematisierung des Glaubens

Was ist nun der Grund dafür, dass gerade die Religion des Islams im öffentlichen Diskurs so selten als Ressource diskutiert, sondern vielmehr als Störfaktor problematisiert wird? Und welche Funktion hat eine solche Reduktion der muslimischen Religion, bei der die defizitäre Sicht auf Muslime dominiert?

Sicherlich ist es vor allem dem islamistischen Terror geschuldet, dass ein negatives Bild über den Islam weit verbreitet ist. Auch wenn es in diesem Zusammenhang unverzichtbar erscheint, auf die Notwendigkeit einer innerislamischen Aufklärung hinzuweisen, die theologisch fundierte Antworten auf die scheinbar religiös begründete Ideologie fanatisierter Gruppen vorträgt, so wäre es doch vereinfacht, die Bedeutung macht- und geopolitisch motivierter westlicher Interventionen bei der Entstehung von Terrorpotenzialen zu bagatellisieren.

Wenn globale Krisen oder nationale Herausforderungen auf ein religiöses Problem reduziert werden, kommt es zu einer Entpolitisierung gesellschaftlicher und sozioökonomischer Missstände. Mögliche außen- oder integrationspolitische Versäumnisse und Fehler können dann aus dem eigenen Verantwortungsbereich ausgelagert werden. Es besteht kein Bedarf mehr, etwas an den politischen Umständen zu verändern, wenn dieReligion als Hauptursache der Konflikte benannt wird.

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Werden Probleme kulturalisiert oder muslimifiziert, führt das also nicht nur zu einer Ausgrenzung und Frustration der muslimischen Minderheit, vielmehr finden realpolitisch sinnvolle Lösungsansätze dann auch weniger Gehör, weil einfache populistische Antworten, die vor einem zunehmenden islamischen Einfluss warnen, die Diskussion dominieren, indem sie mit Ängsten spielen.

Mögliche strukturelle Probleme, die im Zusammenhang mit Migrationsverhältnissen stehen und von denen als Muslime markierte Personen besonders häufig betroffen sind, werden dann nicht angegangen.

Die pauschale Abwertung des Fremden erlaubt es, die eigene Gruppe für höherwertig zu erklären

"Struktur statt Kultur!" muss also ein Leitgedanke sein, möchte man integrationspolitisch vorankommen. Bleibt man jedoch dabei, in einer vermeintlich rückständigen islamischen Religion die Hauptursache für Konflikte zu sehen, hat eine solche Kulturalisierung auch eine psychologische Entlastungsfunktion für die Dominanzgesellschaft.

Wenn "der Muslim" aufgrund seiner Religion selbst schuld an seiner Situation ist, können eigene Privilegien durch diese Konstruktion legitimiert werden: Die pauschale Abwertung des Fremden erlaubt es, die eigene Gruppe für höherwertig zu erklären.

Durch die Aufrechterhaltung von Scheinkausalitäten kommt es also gerade angesichts globaler Krisen zu einer Entsolidarisierung mit gesellschaftlich Schwächeren. Wenn ein Großteil der Ostdeutschen nun die Religionsfreiheit für Muslime erheblich einschränken will, wird hier auch das antidemokratische Potenzial nichtreligiöser Menschen sichtbar, das Anlass dafür sein könnte, von der herkunftsdeutschen Gesellschaft ein Bekenntnis zu demokratischen Werten abzuverlangen, so wie es von Muslimen oft verlangt wird.

Studien zeigen, dass 90 Prozent auch der hochreligiösen Muslime die Demokratie für eine gute Regierungsform halten. Schließlich werden die Normen unserer Demokratie letztlich auch dadurch gebrochen, dass in Deutschland fast täglich Flüchtlingsunterkünfte angegriffen werden. Wenn sich dagegen jeder zweite Muslim in Deutschland in der Flüchtlingshilfe engagiert, zeigt sich hier das positive Potenzial einer religiösen Identität.

Mehr zum Thema: Keiner von uns Muslimen braucht die Debatte um den Islamfeiertag

Es wird in Zukunft wichtig sein, der autochthonen Mehrheitsbevölkerung zu vermitteln, dass die religionspolitische Ordnung in unserem Land sich angesichts der Pluralisierung der religiösen Landschaft verändert hat und der Islam ein selbstverständlicher Teil Deutschlands ist. Dass Muslime keine Sonderrechte einfordern, wenn über islamischen Religionsunterricht oder islamische Theologie an Universitäten verhandelt wird.

Und dass die Neutralität des Staates vorrangig die Funktion hat, vor Diskriminierung zu schützen und nicht selbst zu diskriminieren, indem die Religionsfreiheit für Minderheiten beschränkt wird. Und es wird die Aufgabe der Muslime sein, durch ihr Verhalten und ihren Einsatz stärker herauszustellen, welche Ressource auch die islamische Religion für den gesellschaftlichen Zusammenhalt darstellen kann.

Ein Auszug aus der berühmten Abschiedspredigt des Propheten Muhammad erinnert daran:

"Haltet euch stets vor Augen, dass ihr eurem Herrn begegnen werdet und dass Er gewiss eure Taten berechnen wird [...] Behandelt eure Frauen gut und seid liebenswürdig zu ihnen, denn sie sind eure Partner [...]

Ein Araber hat weder einen Vorrang vor einem Nicht-Araber, noch hat ein Nicht-Araber einen Vorrang vor einem Araber; Weiß hat keinen Vorrang vor Schwarz, noch hat Schwarz irgendeinen Vorrang vor Weiß; [niemand ist einem anderen überlegen] außer in der Gottesfurcht und in guter Tat [...]

Bedenkt, eines Tages werdet ihr vor Gott erscheinen und nach euren Taten befragt werden. Also hütet euch, verlasst den Weg der Rechtschaffenheit nicht, wenn ich von euch gegangen bin."

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Wie viel Glaube braucht das Land?" von Beate Bäumer und Frank Zabel.

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