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Die AfD wurde in Berlin-Hohenschönhausen stärkste Kraft - das ist der bittere Grund

Veröffentlicht: Aktualisiert:
AFD HOECKE
Fabrizio Bensch / Reuters
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Als das Wahlergebnis für Hohenschönhausen verkündet wurde, war ich geschockt.

25,4 Prozent!

Mit diesem Ergebnis wurde die AfD hier in Berlin-Hohenschönhausen aus dem Nichts im vergangenen Jahr zur stärksten Kraft. Obwohl ihr Spitzenkandidat kaum Wahlkampf gemacht hatte und er so rechts ist, dass die Berliner AfD ihn mittlerweile aus ihrer Fraktion ausgeschlossen hat.

Die Wähler hat das nicht abgeschreckt.

Keiner von den seit Jahren aktiven Parteien im Viertel hatte mit einem solchen Ergebnis gerechnet. Auch ich nicht.

Nun ist wieder Wahlkampf, bei dem ich als Bundestagskandidat der SPD Lichtenberg auch hier in Hohenschönhausen eingebunden und aktiv bin.

Außerdem bin ich Mitglied des Lichtenberger Bündnis für Demokratie und Toleranz, das sich gegen Rassismus und Rechtsextremismus einsetzt.

Welche Lehren müssen wir aus der letzten Wahl ziehen?

Seit der Berlin-Wahl frage ich mich: Wie können wir ein solches Ergebnis wie im vergangenen September bei der kommenden Bundestagswahl verhindern? Welche Lehren müssen wir aus der letzten Wahl ziehen?

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir vor allem ehrlich mit uns selbst sein. Und die bittere Wahrheit ist:

Wir haben uns meilenweit von einem Teil der Bürger entfernt. Gefährlich weit. Viele Politiker der Parteien dringen immer noch nicht zu den Menschen durch, die sich wirklich abgehängt fühlen. Immer noch nicht, weil diese Analyse eigentlich schon sehr alt ist.

Hier wohnen besonders viele Menschen, die sich abgehängt fühlen

Sie wurde hundertfach in Talkshows, Podiumsdiskussionen und Interviews heruntergebetet. Aber offenbar hat all das nicht gereicht. Und das zeigte sich auch im AfD-Erfolg hier in Hohenschönhausen. Denn hier wohnen besonders viele Menschen, die sich abgehängt fühlen.

Wer das verstehen will, muss hier nur mal in eine Kneipe gehen. Über „die da oben" schimpfen die Menschen hier. „Ist ja eh egal, wer regiert, ändert sich ja nichts", hört man. Da ist so viel Groll und so viel viel Frust, der sich durch alle gesellschaftlichen Schichten zieht.

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Nur ein Beispiel: Die alleinerziehende Mutter oder auch der alleinerziehende Vater hat in den meisten Fällen keine Zeit, sich über genau Politik zu informieren.

Sie sind froh, wenn sie ihr Leben mit dem Kind gemanagt bekommen und den Tag hinter sich gebracht haben.

Manche wählen die AfD, um ihren Frust auszudrücken

Gleichzeitig merken sie, dass ihnen ständig Steine in Weg gelegt werden: Sie finden keinen Kita-Platz. Sie machen eine Jobcenter-Maßnahme nach der anderen, ohne einen Job zu bekommen. Und sie fürchten sich vor steigenden Mieten.

Und die alleinerziehende Mutter weiß aber, dass viele Parteien bei diesen Problemen in irgendeiner Weise mitgemischt haben. Manche wählen dann die AfD, um ihren Frust auszudrücken und zu protestieren.

Auch wenn sie mit den Inhalten nicht übereinstimmen oder sich auch von dieser Partei keine Lösung erhoffen. Viele wollten im Sommer 2016 einen Weckruf ausdrücken, weil sie sich anders nicht mehr verstanden fühlten.

Da klingen einfache Antworten der AfD erstmal verlockend

Was ich gerade beschrieben habe, gilt aber nicht nur für die alleinerziehende Mütter, sondern für viele andere Wähler auch. Wer drei Minijobs hat, weil er seine Familie durchbringen muss, hat meistens keine Geduld, sich mit komplexen Politikfragen zu beschäftigen - da klingen die scheinbar einfachen Antworten von der AfD erstmal verlockend.

Zu diesen Menschen als Politiker einen Draht zu finden, ist extrem schwierig. Aber davor dürfen wir uns nicht drücken.

Mehr zum Thema: Die etablierte Politik vernachlässigt Familien und Alleinerziehende - und die AfD nutzt das gezielt für sich aus

Ich setze in diesem Wahlkampf viel stärker darauf, von Tür zu Tür zu gehen und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, so schwer das manchmal fällt.

Ja, in der Flüchtlingspolitik ist nicht alles optimal gelaufen

Wenn man den Wählern gegenüber ehrlich ist, hat man schon viel gewonnen; ihnen also auch ehrlich sagt, was falsch gelaufen ist. Sie erwarten nicht für alles Lösungen, sie erwarten aber, dass man die Probleme ernst nimmt, sie nicht weiterschiebt und auch ernsthaft zuhört. Mich kümmern, dass verspreche ich.

Es hilft, zu sagen: Ja, in der Flüchtlingspolitik ist nicht alles optimal gelaufen. Ja, der Kampf gegen steigende Mieten müsste erfolgreicher sein.

Dann hilft es aber auch, immer wieder zu erklären, was man noch vor hat und, was man bislang schon erreicht hat. Nicht jeder Bürger weiß zum Beispiel, welche staatlichen Leistungen ihm zustehen. Diesen Bürokratiewust überblicken viele nicht, wenn sie nicht wissen, wie sie am nächsten Tag das Essen auf den Tisch bringen.

Es hilft auch, sich klar gegen rechte und rassistische Parolen zu positionieren. Im persönlichen Gespräch fällt das vielen Politikern nicht leicht. Aber da führt kein Weg vorbei, sonst laufen wir Gefahr, dass sich solche Gedanken etablieren.

Es hilft, mit der Jugend zu reden

Und es hilft, noch viel stärker mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, auch, wenn die einen nicht wählen können. Gerade in den Jugendclubs in Hohenschönhausen passiert gerade richtig viel, z.B. gibt es ein großes Interesse bei Jugendlichen über Rechtspopulismus zu diskutieren und viele engagieren sich gegen Rassismus und Ausgrenzung.

Mit dem Lichtenberger Bündnis setze ich mich dafür ein, dass rechtsextremen, rassistischen und diskriminierenden Parolen widersprochen wird.

Mit unserer kritischen Begleitung hier im Bezirksparlament machen wir deutlich, dass in einer demokratischen Gesellschaft keinen Platz für so etwas gibt - auch nicht für die rechtspopulistischen Parolen der AfD.

Mehr zum Thema: Tatort Plattenbau: Ein Polizist zeigt uns die wahren Probleme in Berlin-Hohenschönhausen

So will ich meinen Teil dazu beitragen, dass die AfD bei der Bundestagswahl hier im Viertel nicht wieder so stark abschneidet.

Und noch etwas macht mir Hoffnung: Die AfD hat hier in den wenigen Monaten nach der Wahl noch nichts erreicht. Außerdem hat sie mit den Entgleisungen von Höcke und anderen Politikern Wähler abgeschreckt. Da sind die Masken gefallen.

Von Kevin Hönicke, SPD Lichtenberg, Direktkandidat bei der Bundestagswahl

Die HuffPost berichtet eine Woche aus Berlin-Hohenschönhausen. Hier findet ihr die bereits erschienen Beiträge:

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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