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Mein Mann, der Islamist: Wie ich der Ehehölle entkam und meine Kinder rettete

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Flughafen Frankfurt, 14. April 2011. GF 0017. Ich werde dieses Kürzel nie vergessen. Gulf Air Flug 0017 brachte mich und meine Kinder in die Freiheit. Aus den Vereinigten Arabischen Emiraten nach Frankfurt. Zwanzig Jahre Familienhölle endeten, als die Maschine am 14. April 2011 um 6:40 Uhr auf deutschem Boden aufsetzte. Eine zweitägige Reise lag hinter uns, eine lange geplante Flucht über mehr als 6 000 Kilometer durch drei Länder.

Diese Flucht hatte uns viel Kraft gekostet, sehr viel Kraft - und noch mehr Mut. Es war eine Reise ohne Abschied, ohne Rückkehr. Dennoch fühlte ich eine unendliche Erleichterung und war voller Hoffnung auf das, was kommen würde. Ein Neuanfang, ein selbstbestimmtes Leben. Keine Schläge mehr, keine Gewalt, keine Erniedrigungen, kein Schleier - einfach nur frei und Frau sein ...

Während des Fluges fühlte ich mich zeitweise leicht wie ein Vogel, schaute abwechselnd aus dem Fenster der Boeing in die heraufziehende Dämmerung und auf meine Kinder Abdullah (damals fünfzehn Jahre), Maryam (dreizehn), Hajar (elf) und Adnan (neun), die in der Reihe neben mir saßen, das Bordprogramm schauten oder sich mit dem Gameboy ablenkten.

Sie hatten ihre Schulfreunde zurückgelassen und auch das Land, in dem sie den größten Teil ihres Lebens verbracht hatten - ihre Heimat. Zugleich hatte ich Angst, und meine Gedanken kreisten um das, was Mohamed, mein damaliger Ehemann und Grund für diese Flucht, mir jahrelang angedroht hatte.

In der Schule in den Emiraten hatte man das gleichzeitige Fehlen meiner Kinder sicher schon bemerkt, sich womöglich nicht weiter gewundert, bis dann, alarmiert von meinem Mann, zivile Ermittler der Polizei kamen, um die Mitschüler zu befragen, ob einer von ihnen etwas von unserer Flucht wusste.

Zwischen Hoffnung und Angst

Mohamed hatte gewiss die Polizei alarmiert und mich als mehrfache Kindesentführerin angezeigt. Die Polizei würde als Erstes die Passagierlisten überprüft haben, um herauszufinden, mit welchem Flug wir wann genau wohin verschwunden waren. Unser Fluchthelfer aber hatte auf geniale Weise falsche Spuren gelegt, sonst hätten wir es nie nach Deutschland geschafft.

Der letzte Flug unserer Flucht von Bahrain nach Frankfurt dauerte sechs Stunden. Unsere Stimmung wechselte zwischen Hoffnung, Angst, Beklemmung und Verfolgungsfantasien. Keiner von uns hatte in den letzten zwei Tagen ein Auge zugemacht. Dennoch waren wir nicht müde, wir fühlten uns nicht erschöpft, sondern aufgedreht, so als hätten wir literweise Kaffee getrunken.

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33 000 Fuß über der Erde fand in meinem Kopf jedes Mal, wenn ich ein wenig zu dösen begann, ein ganz anderer Flug statt. In Gedanken reiste ich durch mein Eheleben und sprang in diesem Kopfkino von der Vergangenheit in die Zukunft und wieder zurück. Ich sah mich mit dem Staubsaugerrohr blau und blutig geprügelt am Boden kauern, hörte meinen Mann brüllen, was für eine dreckige Deutsche ich sei.

Meine Tränen machten ihn noch wütender. Ich sah die hilflosen Kinder, denen er zur Strafe tagelang zum Essen nur eine Brühe aus abgeschabten Schafsknochen erlaubte. Dann wiederum saßen wir, eindeutig in der Zukunft, als Familie ohne Mohamed irgendwo glücklich und heiter im Grünen oder irgendwo am Meer.

Doch schon in der nächsten Szene sah ich Mohamed wieder vor mir, wie er unserer dreizehnjährigen Tochter ankündigte, sie zu verheiraten, und zwar mit einem Mann, der sie so richtig prügle, wenn sie nicht pariere. »Was kommt jetzt? Was ist, wenn ...? Wohin gehen wir ...?« Ab und an setzten meine beiden älteren Kinder während unseres Fluges zu Fragen wie diesen an, brachen dann aber meist noch im selben Satz ab.

Mein Puls schoss hoch, ich atmete wie eingeschnürt. Seit zwei Tagen waren wir auf der Flucht.

Ich konnte sie so gut verstehen. Was hätte ich denn auch antworten sollen? Immer wieder drückte ich ihre Hände, strich über ihre Köpfe und beruhigte sie. »Wir werden eine Lösung finden. Erst einmal müssen wir in Sicherheit sein, dann sehen wir weiter.« Das Ziel unserer Reise war ja noch ungewiss, es würde sich durch die Umstände ergeben.

Optionen hatten wir einige, um in mehreren Ländern Europas unterzutauchen. Mein Beruf als Übersetzerin mit Kunden in aller Welt erlaubt es mir, von jedem Platz auf der Erde aus zu arbeiten, wenn es nur einen Computeranschluss und Internet gibt. Doch so weit traute ich mich noch nicht zu denken. Ich musste einen Schritt nach dem anderen tun.

Kurz vor der Landung in Frankfurt kam die nackte Angst zurück. Als es bei der Bordansage hieß: »Rückenlehnen gerade stellen, Tische hochklappen«, ergriff mich die reine Panik. Mein Puls schoss hoch, ich atmete wie eingeschnürt. Seit zwei Tagen waren wir auf der Flucht. Flughäfen, Transitbereiche, Warten im Hotelzimmer, Weiterflug. Wir waren abgeschnitten von all den Informationen darüber, was Mohamed inzwischen unternommen hatte.

Klar war nur, dass er Himmel und - naheliegender in seinem Fall - Hölle in Bewegung setzen würde, um mich aufzuspüren und zu stoppen. War er über Polizei und Fluggesellschaft an unsere Reisedaten gekommen, war er uns in den zwei Tagen gefolgt oder gar nach Frankfurt vorausgeeilt?

Kein Schreckensszenario, das ich mir nicht ausmalte

Was wäre, wenn er uns da draußen in der Ankunftshalle bereits erwarten und zurück in die Emirate zwingen würde? Was, wenn er mich längst bei den deutschen Behörden angezeigt hatte? Immerhin hatten wir ihn, den Sorgeberechtigten der Kinder, und die Emirate ohne die dort nötige Erlaubnis verlassen. Ein guter Schauspieler war er schon immer gewesen, wenn es um das Verdrehen von Tatsachen gegangen war.

Wir trauten ihm wirklich alles zu. Am Ende, so fürchtete ich, würde er mit Polizei und Jugendamt an der Passkontrolle stehen, die Kinder in seine Obhut bekommen und mit ihnen zurück in die Emirate reisen, während ich allein in Deutschland zurückbleiben müsste und angeklagt werden würde ... Es gab keinen Gedanken, kein Schreckensszenario, das ich mir nicht ausmalte.

Endlich öffnete eine Stewardess die wuchtige Flugzeugtür. Frische Luft drückte herein, ein kalter, trockener Frühlingswind. Wir froren im Nu, unsere dünnen arabischen Übergewänder waren für diese Jahreszeit nicht warm genug, die Jungen hatten nur T-Shirts an. Wo wir herkamen, war es zu dieser Jahreszeit schon warm, sehr warm, um nicht zu sagen heiß.

Wir verließen das Flugzeug und folgten den anderen Reisenden zur Passkontrolle. Der Beamte legte unsere deutschen Reisepässe kurz auf den Scanner, wünschte einen schönen Tag. Ich konnte es kaum fassen. Aufgeregt holten wir unser Gepäck ab, das nur aus einer einzigen Reisetasche bestand.

Was wäre, wenn er uns da draußen in der Ankunftshalle bereits erwarten und zurück in die Emirate zwingen würde? Was, wenn er mich längst bei den deutschen Behörden angezeigt hatte?

Wie Luxusschmuggler aus Dubai sahen wir in der Tat nicht aus. Unbehelligt passierten wir die Zollkontrolle. In der Ankunftshalle standen dicht gedrängt Leute. Abholer hielten Schilder mit Namen hoch, andere umarmten ankommende Freunde und Verwandte. Voller Angst und innerer Anspannung, nach außen hin aber völlig ruhig, konzentrierte ich mich auf die Menschen, die da warteten.

Ich suchte in der Menge nach Mohamed. Er war nicht da. Damit hatte ich, ehrlich gesagt, am wenigsten gerechnet. Also kramten wir erst einmal ein paar Strickjacken und zwei Kinderanoraks aus der Reisetasche und zogen sie hastig über. Dann kauften wir in einer Boutique eine Jacke für meinen Ältesten, der vor Kälte zitterte.

Der Preis für die Daunenjacke war happig, aber das spielte in dem Moment keine Rolle. Abdullah war glücklich und unheimlich stolz auf das edle, kuschelige Teil. So etwas Schönes hatte er noch nie besessen - und bisher auch nicht gebraucht. Nun ging es schnurstracks zur Polizei.

Man schickte uns weiter zu einem Revier einen halben Kilometer außerhalb des Flughafengeländes, um Anzeige zu erstatten gegen den Mann, vor dem wir geflohen waren, den Mann, der unser Leben und meinen Kindern die Kindheit zerstört hatte. Auf dem Weg dorthin wurde uns allmählich klar, dass der Albtraum, in dem wir jahrelang gelebt hatten, nun tatsächlich zu Ende sein könnte.

In arabischer Kleidung kamen wir bei dem Revier an. Meine Töchter und ich trugen dunkle Kopftücher und waren in schwarze Abayas gehüllt, die traditionellen islamischen Umhänge, ohne die wir uns jahrelang weder in der Wohnung bewegen noch schlafen oder gar in die Öffentlichkeit gehen durften.

Chronik des täglichen Horrors

Als wir sagten, wir wollten Anzeige erstatten, wurden wir von einem älteren Polizeibeamten freundlich in einen Nebenraum gebeten. Er holte Stühle für uns heran. Dann erzählten wir, dass wir gemeinsam aus den Vereinigten Arabischen Emiraten geflohen waren. Ein Kollege tippte das Protokoll direkt in den Computer.

Andere Beamte, die immer wieder dazukamen und still zuhörten, brachten uns Wasser und Snacks. Die Männer waren ungewöhnlich fürsorglich, fragten immer wieder, ob wir noch Kraft zu erzählen hätten, ob die Kinder lieber draußen spielen wollten, ob wir Hunger hätten. Aber die Kinder wollten sich an der Aussage beteiligen.

Wir haben unsere Aussagen gegenseitig ergänzt, und so wurden sie auch schlüssiger. Es kamen wenige Zwischenfragen, zwischendurch wurde mein USB-Stick mit meinen Beweisfotos, die ich über Jahre heimlich gespeichert hatte, kopiert. Je länger wir erzählten, je mehr Fotos von Verletzungen, Prellungen, Blutergüssen und blauen Flecken wir zeigten, umso mehr Bestürzung zeichnete sich auf den Gesichtern der Polizisten ab.

Schließlich fragte mein fünfzehnjähriger Sohn Abdullah, ob man uns denn beschützen und den Verbrecher, seinen Vater, fangen würde, falls er uns nach Deutschland folgen sollte. Die Beamten nickten. Auch ich hatte Angst. Ich wusste von einem deutschen Konsulatsmitarbeiter in Dubai, dass das, was ich getan hatte, um meine Kinder aus der Hölle zu befreien, juristisch durchaus als Entführung gewertet werden konnte - zumindest nach dem Recht der Emirate.

Je mehr Fotos von Verletzungen, Prellungen, Blutergüssen und blauen Flecken wir zeigten, umso mehr Bestürzung zeichnete sich auf den Gesichtern der Polizisten ab.

Einer der Beamten beruhigte mich: »Mit Ihrer umgehenden Anzeige und Ihrem Erscheinen bei den Behörden mit allen Kindern haben Sie sich vor diesem Vorwurf geschützt. Sie sind keine Entführerin, das bestätigen wir Ihnen.« Zumindest nach deutschem Recht stimmte das, nach islamischem Recht aber sah es anders aus, da hätte man mich wegen Kindesentführung anklagen können.

Der Beamte versprach, uns nach der Aussage zu einem gemeinnützigen Verein zu bringen, wo wir erst einmal bleiben, uns ausruhen und unsere Weiterreise planen könnten. Die Aussage dauerte Stunden. Noch auf dem Revier begann ich, mein ebenfalls auf dem USB-Stick gespeichertes Tagebuch in einer Kurzfassung ins Deutsche zu übersetzen.

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Ich hatte über Jahre hinweg alles, was Mohamed uns angetan hat, dokumentiert - auf Englisch. Er sprach kein Englisch. Wäre ihm die Datei in die Hände gefallen, hätte er ihr deswegen auch keine Beachtung geschenkt und den Text für eine meiner Übersetzungen gehalten, mit denen ich mein Geld verdiente.

Diese Chronik des täglichen Horrors, so hoffte ich damals, würde genügend Beweise enthalten, um Mohamed eines fernen Tages für lange Zeit ins Gefängnis zu bringen. Aber dazu musste er erst einmal wieder in Deutschland auftauchen. Ein Prozess in den Emiraten hätte meine Anwesenheit erfordert, worauf ich mich sicher nicht eingelassen hätte, und es war obendrein damit zu rechnen, dass Mohamed dort mit einem blauen Auge davonkommen würde.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Mein Mann, der Islamist
Terrorisiert, verschleppt, befreit - Wie ich der Ehehölle entkam und meine Kinder rettete
von Kerstin Wenzel.

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