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Kera Rachel Cook Headshot

"GNTM" war immer mein Traum - aber der brachte mich vom Laufsteg in die Klinik

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Dass bei mir etwas gewaltig schief lief, merkte ich, als ich 16 Jahre alt war. Ein Jahr zuvor hatte ich bei einem Talentworkshop von "Bravo Girl" teilgenommen und eine große Modelagentur hatte mir einen Vertrag angeboten. Ihre einzige Bedingung: Ich sollte abnehmen.

Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich mir über meine Figur keine Gedanken gemacht. Dann aber fing ich an, Diät zu halten, ging ins Fitnessstudio, hatte einen festen Trainings- und Ernährungsplan. Das Abnehmen ging mir trotzdem nicht schnell genug. Damals dachte ich noch: Wenn ich den Vertrag mit der Agentur bekommen würde, dann wäre ich auch als Mensch etwas wert.

Ich hatte eine Liste mit verbotenen Lebensmitteln - auf der stand auch Schokolade. Nach drei Wochen hatte ich meinen ersten Fressanfall und stopfte drei Tafeln in mich hinein. Sofort bekam ich Panik, dass ich so niemals den Vertrag bekommen würde.

Also verbrachte ich drei Stunden im Fitnessstudio und aß einen Tag lang überhaupt nichts, um das wieder auszugleichen. Das war der Anfang meiner Bulimie.

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Kera Rachel Cook 2004 (Bild: Kera Rachel Cook)

Zu Bulimie gehört nicht nur, dass man sich nach dem Essen übergibt. Die Krankheit beinhaltet auch andere Formen des Ausgleichs von Fressanfällen. Nach und nach rutschte ich in die Essstörung, die Fressanfälle wurden mit jedem Tag schlimmer.

Zum Ausgleich trieb ich extrem viel Sport und schluckte Abführmittel und Appetitzügler. Die Agentur lehnte mich trotzdem ab - ich hatte nicht genug abgenommen.

Ich meldete mich bei "Germany's Next Topmodel" an

Ich begann eine Therapie, wollte aber weiter abnehmen. Ich wollte allen beweisen, dass ich es schaffen würde, auch das Modeln. Hätte ich damals schon erkannt, dass mich dieser Job nicht glücklich machen würde, hätte mir das viel Leid erspart.

Und so meldete ich mich 2010 bei Heidi Klums Castingshow "Germany's Next Topmodel" an. Für die Vorbereitung verlor ich innerhalb von neun Monaten 20 Kilo Körpergewicht.

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Kera Rachel Cook 2004 (Bild: Kera Rachel Cook)

Meine Fressattacken waren zu diesem Zeitpunkt so schlimm wie nie. Einmal verschlang ich zum Beispiel in zwei Stunden eine große Pizza, eine Packung Käse-Tortellini, 6 Chicken Wings, 6 Pizzabrötchen, 500ml Eis, 1 Riesenmuffin und 1,5 L Cola. Danach trainierte ich drei bis fünf Stunden und aß nur noch Magerquark und Geflügelwürstchen.

Die Jury sagte ständig, wie schwierig meine Figur sei

Während der Bewerbungsphase war ich zum ersten Mal stationär in einer Klinik, es ging einfach nicht mehr nur mit der ambulanten Therapie. Ich habe meine Periode nicht mehr bekommen, hatte Suizidgedanken. Trotzdem war da immer noch mein Wunsch, berühmt zu werden, und ich dachte, dieser Traum lasse sich am leichtesten über "GNTM" verwirklichen.

Als ich tatsächlich als Kandidatin für die Show ausgewählt wurde, wog ich bei 1,86 Meter Körpergröße nur noch 66 Kilo. Nach drei Wochen flog ich raus. Heidis Begründung: "Du bist spannend, aber das alleine reicht nicht."

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Kera Rachel Cook bei "GNTM" 2010 (Bild: Germany's Next Topmodel)

Ich verstand nicht, was sie damit meinte. Aber ich glaube, dass meine Figur der Grund war. Die Jury sagte ständig zu mir, wie schwierig meine Figur sei, zu breite Schultern, zu große Brüste. Und tatsächlich war ich mit 66 Kilo die Kräftigste dort. Aber sie konnten ja schwer vor laufenden Kameras sagen, dass ich rausflog, weil ich "zu dick" war.

Ich arbeitete vier Jahre als Plus Size Model

Nach dem Rauswurf habe ich mich gefühlt wie die größte Versagerin - und rutschte in die nächste Tiefphase. Ich fragte mich, was ich noch tun musste, um dünn zu sein. Mir die Knochen absäbeln?

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Schließlich warnte mich eine Freundin: "Du richtest dich zugrunde, wenn du so weitermachst". Sie erzählte mir von Plus Size Models, was sich für mich nach Walross im Zirkuszelt anhörte. Aber dann stellte ich fest, dass sie ganz normale Figuren mit Kurven haben.

Schließlich bewarb ich mich selbst als Plus Size Model - und die Agenturen, die mich zuvor abgelehnt hatten, sagten mir, wie toll meine Figur sei. Gut vier Jahre arbeitete ich in dem Job - mit dem Erfolg, den ich davor nie hatte, aber von dem ich immer geträumt habe.

Trotzdem war ich immer noch essgestört. Trotzdem war ich immer noch unglücklich. Ich hatte immer noch Fressanfälle, nur ohne Ausgleichsverhalten. Ich musste erneut in die Klinik - und das, obwohl ich dachte, ich sei am Ziel meiner Träume angelangt.

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Kera Rachel Cook als Plus Size Model (Foto: Ralph Geiling)

Auf der einen Seite hat mir das Plus-Size-Modeln gut getan - ich war zum ersten Mal mit meinem Körper im Reinen. Auf der anderen Seite geht es auch da immer nur um das Aussehen und die Figur. Und es ist schwierig, das Lebensglück nur auf Äußerlichkeiten aufzubauen.

Als Model kannst du deinen Körper nicht lieben

Models sind nur Platzhalter - wenn du nicht mehr von Nutzen bist, wirst du fallen gelassen. Den Fotografen, Agenten und Kunden ist es vollkommen egal, was du dabei fühlst, wer du bist. Du hast keine Rechte als Model und wirst behandelt wie der letzte Dreck.

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Ich begriff: Ich wollte meinen Körper lieben. Als Model ist das nicht möglich - egal in welchem Business, ob Straight-Size oder Plus-Size. Deswegen zog ich vor gut zwei Jahren einen Schlussstrich. Die Entscheidung fiel mir sehr schwer, denn das Modeln war wie eine Droge für mich. In unserer Gesellschaft bist du als Model automatisch etwas wert - und dahinter habe ich mich versteckt. Mittlerweile habe ich akzeptiert, dass ich auch ohne Etikett wertvoll bin.

Ich fühlte mich befreit, doch schnell kamen Zweifel. Auf einmal fand ich mich nicht mehr schön. Ich wusste nicht mehr, wer ich war. Ich hatte keine Medienaufmerksamkeit mehr. Niemand interessierte sich mehr für mich. Das war sehr schmerzhaft.

Ich hatte eine richtige Lebenskrise - und musste eine komplett neue Identität entwickeln. Ich habe mich dann auf mein Studium konzentriert und meine Master-Arbeit über "GNTM'" geschrieben. Außerdem verarbeitete ich meine Erfahrungen in meinem Buch "Hässliches Entlein war gestern", das ich bei Kindle Direct Publishing, dem Selfpublishing Service von Amazon, veröffentlicht habe. Dafür war ich als Finalistin nominiert für den Kindle Storyteller X Award.

hässliches entlein war gestern

Buch-Cover von "Hässliches Entlein war gestern"

Und ich halte Vorträge an Schulen. In diesem Jahr war ich schon in 80 zu Besuch. Dort spreche ich über meine Erfahrungen. Ich will Mädchen und Frauen Mut machen, eine andere Sicht auf die Welt zu bekommen. Ich will ihnen zeigen, dass innere Werte mehr zählen als das Aussehen. Für viele Mädchen scheint tatsächlich eine Thigh Gap, also die Lücke zwischen den Oberschenkeln, wichtiger zu sein als innere Werte.

Selbstliebe ist eine stetige Aufgabe im Leben

Ich möchte aufklären, möchte zeigen, was hinter der Schönheits- und Mode-Industrie steckt und was es heißt, wegen ihr nicht mehr leben zu wollen. Ich habe die Entscheidung getroffen, mich selbst zu lieben.

Aber natürlich habe ich immer noch meine Krisen. Selbstliebe ist ein Prozess und eine stetige Aufgabe im Leben. Und auch ich erlebe Momente des Neids, in denen ich meine alten Kolleginnen auf Instagram sehe und mir denke, wie schön sie doch sind und welch perfektes Leben sie haben.

Aber in diesen Momenten rufe ich mir ins Bewusstsein: Es hatte einen Grund, warum ich dieses Leben nicht mehr wollte. Glück und Gesundheit sind weit wichtiger als alle Oberflächlichkeiten, denn glücklich ist das neue schön.

Der Text wurde von Katharina Schneider aufgezeichnet.

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(ks)