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Wie der falsche Sitznachbar im Job deine Karriere zerstören kann

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Die Kollegen, neben denen wir in der Arbeit sitzen, nehmen zwangsläufig Einfluss auf unseren Tag. Sie können entweder unsere Laune aufheitern oder uns in den Wahnsinn treiben.

Es geht aber noch viel weiter: Unsere Nachbarn am Arbeitsplatz können sogar unsere Leistungen im Job massiv beeinflussen.

Wissenschaftler haben in einem Technologie-Unternehmen die Leistungen der Kollegen untersucht, die im Umkreis von 7,6 Metern neben besonders erfolgreichen Mitarbeitern saßen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass diese erfolgreichen Mitarbeiter die Leistungen ihrer Kollegen bis zu 15 Prozent steigern können.

Laut einer aktuellen Studie von Dylan Minor, Privatdozent für Betriebswirtschaftslehre und Entscheidungswissenschaften an der Kellogg School of Management, kann dieser "positive Ausstrahlungseffekt" die jährlichen Gewinne eines Unternehmens um schätzungsweise eine Million US-Dollar steigern.

Toxische Mitarbeiter haben einen negativen Einfluss

Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass auch schwarze Schafe ihre Nachbarn am Arbeitsplatz beeinflussen können. Der negative Ausstrahlungseffekt von sogenannten toxischen Mitarbeitern wirkt sich sogar noch deutlicher aus - in einigen Fällen beeinflusst er die Gewinne doppelt so stark wie der positive Ausstrahlungseffekt.

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Diese toxische Ausstrahlung greift zwar schnell um sich, doch sobald der besagte Mitarbeiter entlassen wird oder innerhalb der Firma an einen weit abgelegenen Arbeitsplatz versetzt wird, verliert er auch umgehend seinen schlechten Einfluss auf seine Kollegen.

Nach Aussage von Minor bedeutet das, dass es ein ganz einfaches Mittel gibt, um die Gewinne eines Unternehmens zu steigern: Statt auf teure Trainings und Recruiting zu setzen, muss die Firma einfach nur die Schreibtische ihrer Mitarbeiter umstellen.

Da viele Unternehmen ohnehin bereits mit Raumkonzepten wie offenen Büros und mit anderen modernen Arbeitsplatzmodellen herumexperimentieren, sollte dieser Aspekt unbedingt mit beachtet werden.

In seiner Studie gibt Minor konkrete Tipps, worauf Führungskräfte achten sollten, wenn sie die Sitzordnung ihrer Mitarbeiter verändern wollen.

Finanzielle Auswirkungen sind gravierend

"Vielen Unternehmen wird immer stärker bewusst, dass die optimale Nutzung ihrer Büroflächen eine wirklich große Rolle spielt. Sie beschäftigen sich verstärkt mit der Frage, wie sie diese Erkenntnis am besten praktisch umsetzen können", sagt Minor.

Minors Studie basiert auf einer früheren Untersuchung, im Rahmen derer er sich zusammen mit seinem Co-Autor Michael Housman von HiQ Labs ausschließlich mit toxischen Mitarbeitern beschäftigt hat.

Unter Verwendung von Daten des Beratungsunternehmens Cornerstone OnDemand beobachteten die Wissenschaftler bei elf bekannten Firmen mehr als 58.000 Mitarbeiter, die auf Stundenlohnbasis angestellt waren.

Sie kamen zu dem Ergebnis, dass der finanzielle Einfluss eines toxischen Mitarbeiters - nach ihren Berechnungen 12.800 US-Dollar - sich sehr viel stärker bemerkbar macht als der finanzielle Auftrieb, den ein besonders leistungsstarker Mitarbeiter erzeugen kann.

"Sobald eine toxische Person neben dir auftaucht, läufst du Gefahr, auch selbst toxisch zu werden."

Minor und Housman unterbreiteten ihre Ergebnisse den Firmen, die sie untersucht hatten. Ein kalifornisches Technologie-Unternehmen, das an der Studie teilgenommen hatte, bat die Wissenschaftler im Anschluss darum, tiefer gehende Analysen zu den gewonnenen Daten durchzuführen.

"Heutzutage ist der Großteil der Jobs sehr multidimensional"

Das Unternehmen wollte herausfinden, welchen Einfluss die physische Nähe eines toxischen Mitarbeiters auf den Ausstrahlungseffekt hat.

"Wir wissen doch schon seit dem Kindergarten, dass es eine große Rolle spielen kann, neben wem wir sitzen", so Minor.

Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Mitarbeiter sind schließlich nie nur besonders gut oder besonders schlecht in ihrem Job. Viele Mitarbeiter erzielen in bestimmten Bereichen hervorragende Ergebnisse und erbringen dafür wiederum in anderen Bereichen nur durchschnittliche oder sogar unterdurchschnittliche Leistungen.

"Heutzutage ist der Großteil der Jobs sehr multidimensional", sagt Minor. "Wir setzen nicht einfach nur Stück für Stück einzelne Widgets zusammen."

Die Frage lautete, wie physische Nähe sich verhält, wenn man die Arbeit von Angestellten auf einer multidimensionalen Ebene betrachtet.

Um das herauszufinden, sammelten Minor und Housman zwei Jahre lang detaillierte Informationen zur Arbeitsleistung von mehr als 2000 Mitarbeitern des Technologieunternehmens. Sie beurteilten die Arbeitsleistung anhand der beiden Faktoren Schnelligkeit und Qualität und bewerteten die Mitarbeiter in den beiden Kategorien jeweils mit "gut" oder als "schlecht".

Der positive Ausstrahlungseffekt

Wie bereits in ihrer vorherigen Studie stuften sie diejenigen Mitarbeiter als toxisch ein, die Aufgrund ihres mangelhaften Verhaltens entlassen wurden. Unter den untersuchten Angestellten befanden sich ungefähr zwei Prozent toxische Mitarbeiter.

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Anschließend zeichneten die Wissenschaftler die einzelnen Arbeitsplätze auf einem Plan ein und überprüften, inwiefern sich die Arbeitsleistung der einzelnen Mitarbeiter mit der Zeit veränderte, wenn sie neue Sitznachbarn bekamen.

Zuerst einmal die gute Nachricht.

Jeder Mitarbeiter profitiert davon, neben einem besonders leistungsstarken Kollegen zu sitzen. Angestellte, die entweder in der Kategorie Schnelligkeit oder in der Kategorie Qualität besonders gut abschnitten, konnten die Leistungen aller Kollegen steigern, die innerhalb eines Radius von 7,6 Metern von ihnen entfernt saßen.

Diese Auswirkung zeigte sich besonders deutlich, wenn zwei Mitarbeiter nebeneinander gesetzt wurden, die sich in ihren Fähigkeiten ergänzten. Wenn also beispielsweise Bill in der Kategorie Schnelligkeit gut abschneidet und Bob jedoch in dieser Kategorie schlecht abschneidet, wird Bob seine Schnelligkeit steigern, wenn er neben Bill sitzt.

Mitarbeiter können sich mit ihren Stärken ergänzen

Dieser Effekt wirkt sich sogar noch deutlicher aus, als wenn beide ohnehin bereits schnelle Mitarbeiter sind. Das Gleiche gilt für die Kategorie Qualität.

Ein wichtiger Punkt ist dabei auch, dass Bills Schnelligkeit von seinem langsamer arbeitenden Nachbarn nicht negativ beeinflusst wird.

"Das Schöne daran ist, dass die Arbeitskraft dieser Mitarbeiter insgesamt nicht wesentlich nachlässt, wenn man sie nebeneinander setzt", sagt Minor. "Sie verbessern sich jedoch in ihren jeweiligen Schwachpunkten."

Die Idee, zwei Mitarbeiter nebeneinander zu setzen, die sich in ihren Stärken ergänzen, funktioniere jedoch nur, wenn es für die jeweilige Fähigkeit eine feste Obergrenze gebe, wie dies beispielsweise bei Schnelligkeit der Fall sei.

Bei anderen Fähigkeiten, für die es keine Obergrenzen gibt, wie beispielsweise Kreativität, mache es keinen Sinn, zwei Mitarbeiter mit denselben Stärken nebeneinanderzusetzen, um durch den positiven Ausstrahlungseffekt dafür zu sorgen, dass sie sich gegenseitig zu noch kreativeren Leistungen anstacheln.

Der negative Ausstrahlungseffekt

Jetzt die schlechte Nachricht.

Toxische Mitarbeiter sind wirklich sehr toxisch. Und sie stecken ihre Sitznachbarn extrem schnell an.

"Sobald eine toxische Person neben dir auftaucht, läufst du Gefahr, auch selbst toxisch zu werden", warnt Minor. Und während der positive Ausstrahlungseffekt sich auf einen Radius von 7,6 Metern beschränkt, können "der Einfluss und die negativen Auswirkungen von toxischen Mitarbeitern sich auf einem ganzen Stockwerk bemerkbar machen".

Dabei darf man auch nicht vergessen, wie eng die Wissenschaftler den Begriff toxisch gefasst haben - nämlich als Bezeichnung für einen Mitarbeiter, der aufgrund seines Verhaltens entlassen wird.

Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit steigt, dass du selbst ein derart schlechtes Verhalten an den Tag legst, dass du gekündigt wirst, wenn du neben einem Mitarbeiter sitzt, der aus diesem Grund gefeuert wurde.

Und dieser toxische Ausstrahlungseffekt macht sich praktisch sofort bemerkbar. Die Wissenschaftler konnten beobachten, wie schnell die anderen Mitarbeiter sich plötzlich selbst schlecht verhielten, nachdem sie neben einen toxischen Kollegen gesetzt wurden.

Negativer Effekt stärker als positiver

Beim positiven Ausstrahlungseffekt, der die Schnelligkeit oder die Qualität der Arbeit der Mitarbeiter steigerte, dauerte es hingegen einen Monat, bis er sich auf die Arbeit eines leistungsschwächeren Sitznachbarn auswirkte.

Warum ist der negative Ausstrahlungseffekt so viel stärker als der positive? Minor geht davon aus, dass es sich, wie bereits in vielen anderen psychologischen Studien nachgewiesen, auch hierbei so verhält, dass "negative Effekte einen stärkeren Einfluss haben als positive Effekte".

Wir ärgern uns beispielsweise mehr darüber, 100 Dollar zu verlieren, als dass wir uns darüber freuen, 100 Dollar zu gewinnen.

Im Zusammenhang mit toxischen Mitarbeitern gibt es jedoch auch gute Nachrichten, so Minor. "Denn sobald sie versetzt oder gekündigt werden, verschwindet das Ansteckungsrisiko umgehend."

Die meisten Menschen seien aber ohnehin nicht toxisch, kann er beruhigen.

Erlerntes Verhalten oder Gruppenzwang?

Die Wissenschaftler beschäftigten sich im Anschluss mit der Frage, wie der Ausstrahlungseffekt überhaupt entsteht. Schaut man sich gutes oder schlechtes Verhalten von seinen Nachbarn ab oder geht es hierbei vielmehr um den Gruppenzwang unter Kollegen?

"Diesen einen 'Superstar'-Mitarbeiter gibt es nicht"

Da sich gezeigt hatte, dass Angestellte von ihren Sitznachbarn lernen, gingen die Wissenschaftler davon aus, dass auch positive oder negative Ausstrahlungseffekte sich weiterhin bemerkbar machen würden, wenn der dafür verantwortliche Nachbar das Unternehmen bereits verlassen hat.

Die Daten zeigten jedoch, dass sowohl der positive als auch der negative Ausstrahlungseffekt wieder verschwanden.

Diese Erkenntnis ist zwar für den positiven Ausstrahlungseffekt ungünstig - denn wäre es nicht toll, wenn der Mitarbeiter, der seine Leistung verbessern konnte, dies auch weiterhin beibehalten könnte? - hinsichtlich des negativen Ausstrahlungseffekts ist es jedoch gut.

"Anderenfalls gäbe es ja auch das umgekehrte Modell, dass man sich das Verhalten von anderen abschaut und dadurch kriminell oder verrückt wird", so Minor.

Die Sitzordnung am Arbeitsplatz spielt eine bedeutende Rolle

Aus den Untersuchungsergebnissen konnten die Wissenschaftler eine Reihe von praktischen Tipps für Führungskräfte ableiten.

Als Minor die Ausmaße des Auswirkungseffekts untersuchte, stellte er fest, dass es keinen einzigen Mitarbeiter gab, der in sämtlichen Bereichen überdurchschnittlich gut abschnitt. Dies galt zumindest für die auf Stundenlohnbasis angestellten Mitarbeiter, mit denen er sich beschäftigt hatte.

"Diesen einen 'Superstar'-Mitarbeiter gibt es nicht", sagt Minor. "Es geht vielmehr darum, unterschiedliche Spezialisten zu finden, die man gut miteinander kombinieren kann."

Er empfiehlt Führungskräften, sich klarzumachen, welche Stärken ihre Mitarbeiter haben sollten, und sich dann für die zwei oder drei wichtigsten davon entscheiden.

Im Anschluss sollten die Führungskräfte sich dann überlegen, ob sie Mitarbeiter mit ähnlichen oder mit gegensätzlichen Fähigkeiten nebeneinander setzen wollen. Dabei sollten sie auch beachten, ob es für die jeweiligen Fähigkeiten eine Obergrenze gibt, wie beispielsweise bei Schnelligkeit, oder nicht, wie es bei Kreativität der Fall ist.

"Für viele dieser Dinge gibt es tatsächlich messbare Daten, und man könnte sich für die Entwicklung der optimalen Sitzordnung im Büro wissenschaftliche Untersuchungen zunutze machen ", sagt Minor.

Experimente mit modernen Sitzplatzkonzepten

In vielen Büros wird die Sitzordnung jedoch noch ohne wissenschaftliche Unterstützung verändert. Minor untersucht mittlerweile im Auftrag des erwähnten Technologie-Unternehmens die Vor- und Nachteile von offenen Büro-Raumkonzepten.

Andere Firmen experimentieren mit modernen Sitzplatzkonzepten, wie beispielsweise das Konzept der sogenannten "Büro-Nomaden", bei dem es keine festen Arbeitsplätze gibt und man sich einfach überall hinsetzen kann, wo man möchte.

"Innenarchitekten probieren alle möglichen verrückten Ideen aus", sagt Minor. "Es gibt dazu zwar die verschiedensten Theorien, aber bisher noch wenig wissenschaftliche Untersuchungen."

Emily Stone ist Senior Research Editor bei Kellogg Insight.

Dieser Artikel erschien erst bei Kellogg Insight, anschließend bei "Thrive Global" und wurde son Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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(lk)