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Schmeißt Eure Kinder endlich vom Königsthron!

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"Meine Tochter ist mein Lieblingsmensch" höre ich im Radio und werde nachdenklich. Wer ist mein Lieblingsmensch? Im Geiste summe ich das Lied von Namika und denke glücklich an meinen Partner.

Ich bin 45, Mutter und Patchwork-Mum von insgesamt drei Kindern. Ich liebe sie über alles. Sie sind großartige Persönlichkeiten und ich weiß, dass sie ihren Weg mutig und in liebevoller Dankbarkeit und Freiheit gehen werden.

Doch der Ausdruck "Lieblingsmensch" für das eigene Kind erinnert mich an die vielen Eltern, die ihre Kinder als Partnerersatz benutzen. Missbraucht als Abstandshalter innerhalb der Partnerschaft oder als Vorwand erst gar keine Partnerschaft eingehen zu müssen. Zwanghaft werden sie auf dem Thron neben Mutter oder Vater festgeschnallt und mit der Zeit fangen sie an, die süßen Vorzüge dieser unnatürlichen Beziehung zu genießen und für sich radikal auszunutzen.

Ein Kreislauf, der dazu führt, dass Vater, Mutter und Kinder sich selbst immer mehr aufgeben. Was daraus entsteht ist alles andere als eine gesunde Eltern-Kind-Beziehung. Es entsteht eine Abhängigkeit, in der alle Beteiligten am Ende unglücklich bleiben.

Die Psychologie nennt das Parentifizierung

Die Ursachen sind unterschiedlich. Der kleine Junge, der seine Mutter verzweifelt erlebt, versucht die vermeintliche Position des Retters einzunehmen, um ihr zu beweisen, dass er ein guter Junge ist.

Häufig passiert dies, wenn Eltern sich im Streit trennen und einer der Partner sich verlassen fühlt. Das Kind bleibt bei der Mutter und erlebt ihre Überforderung. In ihrer Not teilt die Mutter ihr Selbstmitleid mit ihrem Kind und bindet es als Verbündeten immer stärker an sich.

Kinder sehnen sich nach glücklichen Eltern, weil sie selbst die Erfahrung von Glück suchen und so stellen sie sich in die Verantwortung und versuchen unerbittlich die Rolle des Retters zu übernehmen. Dieses Verhalten führt unweigerlich zur totalen Überlastung und bringt unter Umständen schwerwiegende Entwicklungsstörungen mit sich.

Nicht nur das Kind trägt Schaden davon, auch für die Mutter bedeutet eine derartige Abhängigkeit auf Dauer die Aufgabe der persönlichen Glücksgestaltung. Küsse auf den Mund des Kindes ersetzen einen zärtlichen Kuss von einem Mann. Die Folgen können der Verlust sozialer Kontakte und der eigenen Libido sein.

Je älter das Kind wird, umso mehr wachsen seine Bedürfnisse

Es versucht instinktiv sich von der Mutter abzunabeln, was diese aus Angst vor dem Alleinsein mit noch größerem Druck auf das Kind zu umgehen versucht. Am Ende drohen die Erfahrungen von Einsamkeit und fehlender Selbstständigkeit. Es droht die totale Selbstentwertung, die es unmöglich macht ein glückliches und erfolgreiches Leben zu führen.

Nicht anders sind die Folgen, wenn das Kind zwischen die Partner gestellt wird. In Familiensitzungen achte ich immer zuerst darauf, wie sich die Familie in der Stuhlreihe platziert und erlebe wie die Kinder zwischen den Eltern Platz nehmen.

Ein Bekannter erzählte mir einmal, dass er zu Hause bei seiner Frau und seiner Tochter kein Gehör findet für seine Wünsche. Auf die Frage, wer bei ihm am Kopf des Esstischs sitzt, antwortete er: „Unsere Tochter". Sie hat bereits den Platz des Familienoberhauptes eingenommen.

Für viele Paare ist der Grund zusammen zu bleiben das gemeinsame Kind oder die gemeinsamen Kinder

Die Geburt eines Kindes bringt eine große Herausforderung für Paare mit sich. Das Leben ist auf den Kopf gestellt und muss komplett neu ausgerichtet werden. Aber bitte nicht ausschließlich nach den Bedürfnissen des neuen Familienmitglieds.

Viele Paare fokussieren sich nach der Geburt des Kindes ausschließlich auf dessen Wohlergehen. Alles dreht sich ums Kind. Die Frage: „Geht es Dir dabei gut?" oder wie geht es mir selbst damit, bleibt ungestellt.

Soziale Kontakte werden eingeschränkt oder beziehen sich nur noch auf ein Leben mit Kindern

Sex wird immer seltener und unbeschwerte Zweisamkeit existiert nicht mehr. Von vielen Klienten höre ich auf die Frage wann sie ihr letztes Wochenende in Zweisamkeit erlebt haben ein: „Unmöglich."

Das Kind darf nicht alleingelassen werden. Hier droht das sog. „schlechte Gewissen". Bei tieferer Betrachtung wird deutlich, dass einer der Partner die Situation für sich ausnutzt, um den Abstand zu halten und sich nicht nahe kommen. Aus Angst die Wahrheit über die Partnerschaft erkennen zu müssen.

Das Kind sitzt im Mittelpunkt Eures Lebens und fühlt sich „pudelwohl". Es genießt die volle Aufmerksamkeit. Es bekommt wie eine Stopfgans den Trichter in den Hals gesteckt und wird mit reichlich Wissen, Bemutterung und falscher Liebe gefüttert.

Was es dabei nicht lernt ist selbstständiges und freies Denken und Handeln. Es lässt sich bedienen und nimmt dabei unterbewusst in Kauf sein eigenes großartiges Potential und seine eigenen Talente und Fähigkeiten, die es bereits mit auf diese Welt gebracht hat erst gar nicht zur Entfaltung bringen zu können.

Dieser Zustand zu Dritt führt unweigerlich zu Problemen. Einer der beiden Partner wird anfangen sich vernachlässigt zu fühlen und darauf mit Rückzug aus der Partnerschaft zu reagieren. Eine darauffolgende Reaktion des Anderen ist oftmals das Kind noch mehr in den Fokus zu rücken, um die schmerzliche Erfahrung des sich nicht geliebt Fühlens nicht machen zu müssen.

Aus Beziehungsproblemen entstehen Erziehungsprobleme

Das Kind erfährt immer weniger Grenzen und nutzt seine Situation des Verbündeten intuitiv für seine Vorzüge aus und wird unterbewusst mithelfen sich immer weiter zwischen die Eltern zu drängen. Die Kluft zwischen den Partnern wird immer größer. Bis hin zur Trennung.

Hinzu kommt, dass viele Frauen die wahre Leidenschaft an ihrer Sexualität bis zur Geburt des ersten Kindes noch gar nicht wahrhaftig kennengelernt haben. Ihnen kommt der Abstandhalter Kind gerade recht.

Vor Allem in den ersten Monaten und Jahren verdrängen viele Frauen ihre sexuelle Lust, weil das Kind eben an erster Stelle steht und die Mutter vorgibt keine Zeit für den Partner übrig zu haben. Bei tieferer Betrachtung wird deutlich, dass sie den Abstand absichtlich so für sich wählt, um ihre Ruhe vor dem Mann zu haben.

Eine glückliche Partnerschaft braucht die Erfahrung von Begierde, Nähe und das Ausleben der eigenen Lust. Eine Verweigerung führt automatisch zur Beziehungskrise. Der Partner wird nur noch als Erfüllungsgehilfe missbraucht, seine Wünsche finden jedoch keinerlei Beachtung. Das führt zum totalen Frust. Der wird nicht selten versucht zu bekämpfen mit der Flucht in den Job und sexuelle Affären.

Männer erfahren die Nähe zu einer Frau ausschließlich im sexuellen Kontakt. Sex schafft Energie, Entspannung und freudige innere Zufriedenheit. Wird er verweigert verkümmert der Mann und reagiert sogar mit eingeschränkter Zeugungsfähigkeit.

Die Frau reagiert auf ihre Weise mit Rückzug und fängt an zu verbittern. Sie rettet sich in die Beziehung zum Kind und gibt sich selbst als Frau auf.

Kinder die als Partnerersatz dienen, sind früh in ihrem Leben mit einer Verantwortung konfrontiert, die es ihnen verwehrt sich in ihrer ganz eigenen Persönlichkeit in ihrem Tempo und ihren Talente so zu entfalten, dass sie als Erwachsene in der Lage sind frei und selbstbewusst ihr Leben erfolgreich zu gestalten. Sie werden sich immer in Luft abschnürende Abhängigkeiten begeben und sich in Beziehungen benutzen lassen.

Euch selbst zu Liebe, schmeißt Eure Kinder vom Königsthron. Sie haben es verdient.

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Die Autorin betreibt die Website Glücksmensch.

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