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Moin, Schätzelein - von Rheinländern, Hanseaten und Mexikanern

21/11/2017 14:58 CET | Aktualisiert 21/11/2017 14:58 CET
MOHSSEN ASSANIMOGHADDAM via Getty Images

Ich bin Rheinländerin. Ein Satz, den ich nie gedacht hätte zu sagen. Sind doch Rheinländer funkemarieende, Kölsch aus Blumenvasen trinkende, lärmende Lachmöwen, die auf alles und jeden sch...allend lachen.

Der oberflächliche, immer frohe Amerikaner Deutschlands. Ich bin zwar zwischen Rhein und Ruhr geboren und sozialisiert worden, aber mit diesen schwer zu verstehenden und noch schwerer zu ertragenden Pappnasen habe ich nichts zu tun. Jarnix, Schätzelein.

Hochdeutsch sprechend entflog ich vor einigen Jahren meiner ewig klönen- und klüngelnden Brutstätte und machte zunächst in OWL (Ostwestfalen-Lippe) erste Lernerfahrungen im Umgang mit der zu Stirnfalten geneigten Gesellschaft jenseits der eigenen Pappnase:

Lachen setzt scheinbar ausnahmslos immer einen ernsthaften, überdurchschnittlich starken Grund zur Freude voraus. In der Warteschlange im Supermarkt ist es unangebracht, Barcelona-Reisetipps mit Fremden auszutauschen (dabei sind die katalanischen Tapas wirklich so juut).

Busfahrern werden ausschließlich Fahrkarten, keine Grußformeln präsentiert.

Zwar beäugten sich die Rheinländerin und Westfalen mitunter eulenhaft, doch nichts bereitete mich auf den wahren Antagonisten der rheinischen Frohnatur vor. Ich wähnte mich bereits im Exil, doch lebte ich in einer friedlichen umnebelten nordrheinwestfälischen Idylle, umgeben von Artverwandten, die immerhin zwischen rhein- und ruhrnahen Besiedlungsgebieten unterscheiden und nach drei Dosen Paderborner Urquell ein passables Schätzelein über die lippischen Lippen lallen können.

Oh Irrtum. Oh Naivität. Oh Kölsche Jötter - ich rufe euch, stehet mir bei.

HH

Selten war ein Autokennzeichen so unpassend, wie jenes dieser Hansestadt Hamburg. Die Stadt ohne viel haha. Manch ein Navigationsgerät interpretiert die Abkürzung einer nur logischen Algorithmik folgend daher auch als HinterHof. Erneut ein Beweis dafür, dass uns Technik in der Regel überlegen ist.

Hamburg. Keine Perle der Gastfreundschaft und Offenherzigkeit. Eher ein leicht unterkühlter Kiesel - trotz Woolrich Jacken.

Hamburg offenbart sich mir als eine Kiesgrube aus Menschen, die zwar irgendwas mit Medien machen, aber in ihrem Erscheinungsbild unkreativer sind als ein Benediktinerorden. Hamburger winken, flirten, stolpern, kichern niemals. Sie finden sich selber so unterkühlt, dass sie sich in Horden unter Heizstrahlern zusammenrotten.

Dabei müssten doch gerade Hanseaten um die Rettung des Planeten betteln: noch ein einziger zusätzlicher durch die Klimakatastrophe verursachter Regentag und die Kinder in dieser Stadt werden mit Regenschirm und Schwimmhäuten geboren. Und so einen Schirm möchte nun wirklich keine Frau durch ihren Gebärkanal pressen.

Hamburg gleicht auch ohne Heizpilzemissionen bereits einer tropischen Tundra: immer feucht, immer kalt. Doch löst selbst diese Strafgefangenschaft in der ewigen Befeuchtungsanlage keine emotionalen Regungen und Proteststürme aus. Der Hanseat zeigt sich mir so steif und verschlossen wie die Regenschirme, die seine Weibchen in naher Zukunft gebären werden.

Emotional wird der Hanseate nur unter zwei Umständen: erstens beim Fußball. Doch düngt in Köln ein flauschiger Paarhufer den Rasen (ach Hennes), wehen hier Raute und Totenschädel im eisigen Wind - Hamburgs Fußball ist ein ernstgemeinter Gefahrenstoffhinweis. Positive Emotionen sind hier so selten wie eine einstellige Niederlage des HSV gegen den FC Bayern.

Umstand zwei ist der einzige echte Keim der Hoffnung für tausende Zugezogene. Er weckt das Hanseatische Feuer. Lateinamerikanisches Temperament tritt zu Tage, Fremde fallen sich in die Arme, Völker verbinden sich. Der Auslöser?

Mexikaner

Wo andere Mauern bauen, öffnet sich der Hamburger: „kommt in Heerscharen, Mexikaner kann es nie zu viel geben!" 0,2dl-weise beginnt der Hamburger zu lachen und zu scherzen. Anfänger, die das Gebräu aus Tomatensaft, Korn und Tabasco mit einem edelsüßen Erdbeer-Lime-Shot verwechseln, werden herzlich ausgelacht und zum Speien in den Hinterhof komplimentiert.

Shot um Shot weicht die mentale Vollverschleierung. Das rheinische Herz jubelt. Ich möchte fremde Hamburger bützen und beginne zu singen Da simma dabei, dat is...schneller vorbei als der Sommer in Hamburg.

Ein einfacher Satz zerstört die zarte nach Tomaten und Kater schmeckende Pflanze der Hoffnung. „Du kommst aus NRW? Aus dem Pott also." Ich möchte mexikanisches Feuer in das Gesicht meines Gegenübers spucken. Flüsse im Namen tragend möchte man meinen es sei ein Leichtes, die zwei geografischen Regionen zu treten.

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Doch Rheinland und Ruhrgebiet zerfließen leichtfertig. Würde man einem Westberliner sagen, er käme aus Ostberlin fände man zeitnah einen brennenden Hundehaufen - produziert von einem Westpudel - vor seiner Haustür. Berliner, guter Punkt, die sind übrigens die jähzornige Weiterentwicklung des Hanseaten. Aber das führt zu weit.

Getreu dem rheinischen Grundgesetz spucke ich kein Feuer, sondern verabschiede ich mich sodann freundlich von meinem Gegenüber. Maach et jot. Ich greife nach meinem Regenschirm und frage mich, ob Horst Seehofer vielleicht doch nicht so unsympathisch ist.

Ach. Jede Jeck is anders.

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