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Jammern als Kulturgut - warum ich meine erstgeborene Tochter Mimimi nenne

18/11/2017 18:26 CET | Aktualisiert 18/11/2017 18:26 CET
Halfpoint via Getty Images

Es ist eine deutsche Tradition junge Generationen nach großen identitätsstiftenden Einflussgrößen jener Zeit zu benennen. Friedrich. Wolfgang. Karl. Katharina. Meine erstgeborene Tochter wird daher einen ebenso identitären Namen unserer modernen Bundesrepublik tragen.

Sie soll Mimimi heißen.

Stiftungen, Straßen und Parks werden nach ihr benannt werden. „Kennst du das Café Ecke Mimimimeile und Einhornallee?" „Wir präsentieren Ihnen den Ehrenträger der Mimimi Kotzlowski Stiftung für destruktive Weltanschauungen."

Jammern ist nun mal Deutschlands wertvollstes Kulturgut. Wo Franzosen philosophieren, Italiener la bella vita propagieren, wo Skandinavier stilvolles Design und Familienglück für sich abonnieren - da jammert, motzt, zetert und hadert der Deutsche. Welch Leidenschaft! Großartig! Nichts verbindet eine Gesellschaft mehr als ein einstimmig genuscheltes „Naja, geht so."

Ehrlich, direkt, unverfroren legt der Deutsche den Finger in die - sich sicherlich entzündenden - Wunden unserer Gesellschaft. Das von zu kalkhaltigem Wasser getrübte Glas ist immer halb leer. Das Wetter zu heiß, zu kalt, zu nass, zu trocken. Was regt er sich über zu viele Baustellen, zu viele marode Straßen, zu hohe Spritpreise, zu billige Fertigbrötchen auf. Und wie dankbar sind die Deutschen ihrer Bundesbahn. Ohne sie wäre der Alltag nur halb so bemotzbar. Kein Unternehmen transportiert so viel Hass und so viele Menschen zugleich.

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Um ein Missverständnis aus dem Weg zu räumen: dem Jammerbürger geht es nicht um die Glorifizierung der Vergangenheit (unsere erinnerbare Geschichte ist ja auch eher nichts wo man sagt „Mensch toll, diese Einmärsche in fremde Länder und Nachkriegsarchitektur"). Es geht einzig und alleine um die Gegenwart, die eben äußerst mimi-mies ist. Ändern möchte man an den Umständen nichts. Warum auch? Dann würde man sich um seine jammervolle Zukunft berauben. Es geht lediglich um eine sachliche Bestandsaufnahme der katastrophalen allgemeinen Gemengelage.

Skurril wird es, wenn der Deutsche auf Reisen geht. Denn: deutsche Motzerei macht niemals Urlaub. Sie kommt an idyllischen Karibikstränden und in flirrenden Metropolen erst richtig in Fahrt. Rikscha-Fahrten zum Preis einer Salatgurke? Zu teuer. Die Klimaanlage ist zu kalt. Der Kaffee zu stark. Gegessen wird zu spät. Mein Gott, und dieser Lärm überall. Der Deutsche antwortet getreu seiner Ideologie als Einziger auf die Frage „Hi, how are you?" mit „Schon mal besser. Hab Herpes und vermutlich ein Mahnschreiben meines Vermieters im Briefkasten." In der Ferne ertappt er sich sodann dabei, festzustellen, dass in der Heimat vielleicht doch nicht alles menschenunwürdig ist. Wie war der Urlaub? „Schön, aber wir hatten keinen Meerblick und das Wetter war sehr wechselhaft. Und schau dir jetzt meinen Rasen an. Desolat."

Von Flensburg (zu flach) bis Garmisch (zu bergig), von Aachen (zu alt) bis Leipzig (zu jung), von Berlin (zu modern) bis München (zu traditionell) - nichts verbindet dieses Land mehr als seine Kultur des Haderns und Heulens. Herrlich. Was freue ich mich auf die Zeit, wenn ich mit Mimimi über zu volle Autobahnen fahre, in verspäteten Zügen oder an niemals fertiggestellten Flughäfen sitze und ich ihr das weinerliche Wesen der deutschen Kulturnation näherbringen kann.

Und wenn es ein Junge wird? Naja, geht so. Heißt er halt Mimirich.

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