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An den Arzt, der mir sagte: "Ihr Kind wird kein Einstein"

20/02/2016 11:24 CET | Aktualisiert 20/02/2016 11:24 CET

Lieber Arzt,

Ich weiß nicht, ob Sie sich noch an mich erinnern. Ich habe Sie in der Kindernotaufnahme kennengelernt. Bei meinem Kind wurden lebenserhaltende Maßnahmen vorgenommen.

Sie waren nicht der behandelnde Arzt meines Sohnes, sondern nur ein Arzt, der zufällig an diesem Abend auf der Station war, als wir erfuhren, wie seine Diagnose lautete. Ich erinnere mich, dass Sie noch nicht lange Arzt waren, aber Sie wirkten sehr nett.

Wir haben eine ganze Weile in der Wartehalle gesessen. Sie haben mir ein Diagramm gemalt. Davon, wie das Gehirn aussieht und welche Teile davon beeinträchtigt waren. Auf viele Arten waren Sie an diesem Abend unser Lehrer und Sie haben uns erklärt, was die Diagnose bedeutete.

Ich erinnere mich daran, dass Sie so nett waren - und dann habe ich einen Teil ausgeblendet.

Ich hatte das völlig vergessen, bis mein Mann mich vor ein paar Monaten wieder daran erinnert hat. In der Rohheit der Diagnose hatte ich keine Ahnung, was das für seine Zukunft bedeuten würde. Sie sahen mich an und sagten: "Er wird leben, aber er wird nie ein Einstein werden."

von

Der Rest des Abends ist verschwommen. Tatsächlich haben sich die letzten drei Jahre meines Mutterseins wie ein Film im Schnelldurchlauf angefühlt. Wir rennen von einer Klinik in die nächste und sammeln Ärzte und Therapeuten wie andere Leute Treuepunkte im Supermarkt.

Wir schwimmen in einem Meer aus medizinischem Fachjargon, Ausstattung, Medikamenten und Therapie.

Unser Leben ist seit diesem Tag vollkommen verändert. Dennoch ist eine Sache seither immer gleich geblieben. Ich habe Angst.

Seit dem Tag, an dem Sie diesen Satz zu mir gesagt haben, fürchte ich, dass er es nicht schaffen würde. Sie haben mir Angst gemacht, dass ich als Mutter für ihn versagen würde.

Ich fürchtete Termine beim Arzt und beim Therapeuten, wenn sie seine Fähigkeiten mit denen von Gleichaltrigen vergleichen würden. Ich war wütend, frustriert und sauer auf Sie, weil Sie mir den Gedanken ins Gehirn gesetzt hatten, dass er wahrscheinlich nie sein ganzen Potenzial nutzen können würde.

Sie haben gesagt, dass er nie ein Rhodes-Stipendium bekommen könnte und dass er es vielleicht überhaupt nicht aufs College schafft. Diese Worte verletzten mich wie ein Messer. In diesem Moment haben Sie meine Träume für seine Möglichkeiten zerstört und in den vergangenen drei Jahren saß ich hier in Angst um seine Zukunft.

Und dann, in diesem Herbst, änderte sich etwas in meinem Sohn.

Er fing eine Therapie an, die ihm helfen sollte, seine Sinnesverarbeitungsstörung zu vermindern und besser zu sprechen. Für die vorangegangenen drei Jahre hieß es, er sei geistig zurückgeblieben und dass er wahrscheinlich intellektuell behindert wäre. Ich war mir sicher, dass er mehr wusste, als er ausdrücken konnte und nur Hilfe brauchte.

Eines Tages machte seine Fähigkeit zu sprechen einen Sprung. Er sprach in ganzen Sätzen. Mit drei Jahren kannte Von alle Farben, konnte Zahlen von 1 bis 10 erkennen, Formen erkennen, jedes Baustellenfahrzeug benennen und er konnte mir jedes Tier in seinem Lesebuch nennen. Er war drei Jahre alt und wusste so viel, wie andere Kinder im Kindergarten.

Wir sahen ihm zu, wie er zu springen versuchte, zu hüpfen und zu klettern.

Und dann wurde es mir klar: Niemand kann mir voraussagen, was die Zukunft für meinen Sohn bereit hält. Er wird entscheiden, ob er der nächste Einstein wird oder nicht. Es liegt auf jeden Fall nicht an Ihnen, diese Entscheidung zu treffen.

Sie hatten dennoch recht, denn Von lernt nicht wie andere Kinder und er hat Einschränkungen. Wir haben Dinge unternommen, um ihm in all diesen Bereichen zu helfen. Durch die Therapien lernt er, wie er mit den überwältigenden Stimuli in unserer Welt umgehen kann.

Durch diese Therapie kann er uns besser zeigen, was er weiß.

Er hat ein gutes Gedächtnis und sein Gehirn ist wie ein Schwamm. Wir sagen ihm den Namen einer Sache und er merkt ihn sich sofort. Er hat Probleme mit sozialer Interaktion, aber daran werden wir im Verlauf seiner Therapie noch arbeiten.

Soziale Interaktion ist für viele Menschen schwierig. Es gibt Erwachsene, die sich scheinbar gut in die Gesellschaft einleben, aber letztlich doch kein soziales Leben haben. Das macht sie aber nicht weniger intelligent als andere.

Drei Jahre lang habe ich mich an den Worten "Rhodes-Stipendium" festgehalten.

Ich weiß nicht, warum. Sie sind mir einfach im Kopf geblieben. Aber ich wollte Ihnen noch etwas sagen. Es war nie mein Traum, dass mein Kind ein Rhodes-Stipendium bekommt.

Vielleicht haben Sie an diesem Tag Ihre eigenen Träume und Wünsche auf meine Familie projiziert, aber ich weiß für mich, dass ich immer nur wollte, dass mein Sohn glücklich und gesund ist. Dass er in dieser Welt Dinge und Menschen finden würde, die er lieben kann und die ihn lieben.

Wir hatten einige Schwierigkeiten, was den Wunsch mit der Gesundheit angeht, aber abgesehen davon ist mein Sohn der glücklichste kleine Junge, den ich kenne. Er hat in diesen drei Jahren mehr Liebe erfahren als andere Menschen in einem ganzen Leben.

Jeder, der ihn kennenlernt, verliebt sich in ihn. Als Mutter messe ich meinen Erfolg nicht daran, was er akademisch erreichen kann, sondern daran, was für ein Mensch er wird.

Ich sage Ihnen heute, es ist mir egal, dass er kein Einstein wird.

Er ist nicht Einstein. Sein Name ist Von. Er ist fröhlich, freundlich, entspannt und unglaublich schlau. Er kämpft hart für jeden Fortschritt und er weiß alles zu schätzen, was er bekommt.

Ich weiß es zu schätzen, dass Sie uns mit der ersten Diagnose geholfen haben. Ich will nur, dass Sie wissen, dass es mir egal ist, dass er kein Einstein wird. Von ist einzigartig und ich will nur, dass er Von ist.

Er wird die Person sein, die er sein sollte und ich setze ihm keine Grenzen für die Zukunft. Sie können seine Zukunft nicht bestimmen. Nur Von kann das.

Ich werde nicht weiter an Ihren Worten hängen und mich um seine Zukunft sorgen. Ich habe das Gefühl, Von wird seinen Platz in dieser Welt finden und Eindruck hinterlassen. Ich freue mich darauf, wenn Sie das sehen.

Von Herzen,

Katie (Vons dankbare Mutter)

Dieser Blog erschien ursprünglich bei The Mighty und wurde von Franca Lavinia Meyerhöfer aus dem Englischen übersetzt.

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