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Ich will meine Mutter nie wieder sehen - und das hat gute Gründe

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Photo by Rafa Elias via Getty Images

Vor vier Jahren habe ich das letzte Mal mit meiner Mutter gesprochen. Und vielleicht werde ich nie wieder mit ihr reden.

Der Satz „Ich habe mich von meiner Mutter entfremdet" geht mir nicht leicht über die Lippen. Es fällt mir noch schwerer zu sagen, „Ich habe meine Mutter aus meinem Leben entfernt", was deutlich macht, dass ich der Grund dafür bin, dass wir keinen Kontakt mehr haben. Wenn man solche Dinge zu jemand sagt - sei es ein Freund oder ein Fremder - erlischt jedes mal das Leuchten in ihren Augen - auch wenn sie das vorher gar nicht bemerkt hatten. Das Lächeln zuckt oder wirkt erzwungen. Mütter geben ihren Kindern so viel. Deswegen erwarten die Leute einen triftigen Grund dafür, dass man sich von eben dieser Person entfernt hat: Wie etwa, dass man auf grausame Art und Weise von ihr misshandelt wurde und dies all die Liebe und Aufopferung, die mit dem Elternsein einhergeht, überschattet. Nur ein egoistischer, herzloser Mensch könnte sonst seine ihn liebende Mutter verstoßen - oder?

Als ich noch zur Schule ging, schlief ich meistens auf dem Boden unseres Wohnzimmers. Ich wollte natürlich in meinem Bett schlafen, aber meine Mutter hatte Regeln für uns, an die man sich zu halten hatte. Andernfalls hatte man mit Konsequenzen zu rechnen. Eine dieser Regeln war, dass sie kontrollierte, wer wann welches Zimmer betreten durfte. So wurde beispielsweise das Recht, das obere Stockwerk zu betreten, um in unsere Zimmer zu gehen oder im oberen Badezimmer zu baden, immer seltener. (Jahre zuvor war mein Vater bereits aus dem ersten Stockwerk verbannt worden, später dann auch aus dem Keller, bevor er unser Haus schließlich komplett verließ.) Die Anzahl der Räume, in denen wir uns aufhalten durften, schrumpfte langsam immer mehr.

Als wir ins Teenageralter kamen, wurde das Leben zu Hause für mich und meine Schwester schlimmer. Anonyme Anrufer verständigten das Jugendamt, weil sie sich Sorgen um uns machten. Jeder Anruf bedeutete für unseren Haushalt eine Zerreißprobe, die in unangekündigten Besuchen eines Sozialarbeiters namens Sam gipfelte. Sam war groß, ruhig und freundlich und hatte ein ungewöhnlich tiefes Grübchen in seinem Kinn, in das ich all meinen Hass und meine Angst ablud.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass meine Mutter je gesagt hätte, Sam oder die Menschen, die ihn baten, bei uns vorbeizukommen, machten sich zu Unrecht Sorgen um unser Wohl. Stattdessen betonte sie in ihren Wutausbrüchen, wie schwer sie es doch habe, dass sie jeden Tag wie ein N*gger arbeite, dass das Glück gegen sie sei und dass wir besser daran täten, nichts gegenüber Sam zu erwähnen, das sie auch nur im geringsten kritisiere. Sie war so kaputt, dass sie behauptete, sie sei die beste Chance für uns, für ein glückliches Leben. „Sie werden mir euch wegnehmen und in irgendeine Pflegefamilie stecken, die euch dann verrotten lässt", heulte sie dann. Einer ihrer liebsten Strafmaßnahmen bestand darin, uns stundenlang in der Mitte der Küche regungslos stehen zu lassen, während sie ihr Zeug erledigte. Wenn ihr dann eine lästige Aufgabe wie das Einräumen der Spülmaschine dazwischen kam, wurde sie rasend wie ein verwundet Tier und schrie uns an. Für mich gab es immer noch eine Drohung extra: „Und keine Pflegefamilie wird für dich ein College bezahlen, also verabschiede dich schon mal davon."

Sie muss gewusst haben, dass das College für mich die Fahrkarte nach draußen bedeutete. Es war der beste Weg für ein kluges Mädchen wie mich, das sich völlig auf die Schule konzentrierte, weil ich aus besagten Gründen nicht das Haus verlassen durfte. Wenn sie ihre Aggressionen unter Kontrolle hatte, zeigte sie, wie sehr sie meinen Intellekt bewunderte. Dann schmeichelte sie mir, indem sie mir sagte, ich sei so viel klüger als meine Schwester und mein Vater; wie ungewöhnlich meine Begabung doch sei; dass ich gefördert werden müsste und ich nur die besten Möglichkeiten bekommen sollte - zu beurteilen, welche das waren, dazu war natürlich nur sie allein in der Lage. Es gab nur sie und mich, gegen den Rest der Welt - zumindest stellte sie es so dar. Für mich bedeutete das: Entweder College und meine Mutter zusammen, oder keines von beidem.

Also wurde ich ziemlich gut im Lügen, im Weghören, wenn wieder ein unberechenbarer Wutausbruch über mich hereinbrach. Und ich wurde gut darin, mir selbst einzureden, dass ich gar nicht so schlecht sei. Sie wollte das Beste für mich - wie konnte das Misshandlung sein? Ignoriere einfach das zusammenhanglose Geschrei, die umgeworfenen Möbel und die Teller, die nach dir geworfen werden. Ignoriere die Nächte, die du auf dem Boden schlafen musstest, und das Verbot den Raum zu verlassen. Ich konnte das schon aushalten. Ich wurde bald zum größten Beschützer meiner Mutter. Sam und Leute wir er nahm ich als Bedrohung meiner Zukunft wahr. Sie hat mich in diese Rolle gepresst. Sie brauchte einen Beschützer, denn sie hatte ja sonst niemanden.

„Sie ist deine Mutter, du wirst eines Tages wieder Konatkt zu ihr haben wollen." Diese Worte sind so allgemeingültig, dass ich sie gar keiner bestimmten Person zuordnen kann. Sie sind das, was mir die ganze Welt sagt. Typischerweise werden mir meistens zwei Szenarien erklärt, in denen ich meine Meinung ändern würde: Wenn ich Kinder bekomme oder wenn sie sterben wird. Vielleicht haben sie Recht. Vielleicht werde ich es schmerzlich bereuen, jeglichen Kontakt abgebrochen zu haben, wenn ich selbst ein neues Leben in diese Welt setzen werde und begreife, dass ... was? Dass ich meinem Kind niemals das antun möchte, was mir meine Mutter angetan hat? Dass ich niemals wollte, dass mein Kind so leiden und an sich selbst zweifeln muss? und lernt zu lügen und hilflos gehorcht, so wie ich es getan habe? Dass ich genau in dem Moment, in dem ich fürchten würde, meine Mutter könnte eine Bedrohung für mein Kind darstellen, sie sofort wieder aus meinem Leben werfen würde?

Das andere Szenario von der Versöhnung am geweihten Totenbett ... das kann ich nur schwer einschätzen. Vielleicht möchte ich meine Mutter wiedersehen, an irgendeinem hypothetischen, weit entfernten Tag. Die wenigen Menschen, denen ich die Details meiner Vergangenheit anvertraut habe - Details, die ich niemals niederschreiben würde, zumindest nicht in einem für die Öffentlichkeit zugänglichen Text wie hier - sagen nicht „Sie ist deine Mutter." Sie sagen „Bist du dir sicher? Bist du dir sicher, dass du sie nochmal sehen möchtest, auch wenn du wüsstest, dass es die letzte Chance dafür ist?" Sie hören die ganzen Sprüche über die Liebe einer Tochter, über die Sehnsucht des Menschen, der mich neun Monate in sich getragen hat und wiegen das gegen die Dinge auf, die ich ihnen erzählt habe. Sie alle denken, dass beides in keinem Verhältnis zueinander steht.

Also weiß ich es nicht. Vielleicht werde ich meine Mutter wiedersehen. Eine Gefühl der Leere macht sich in mir breit, wenn ich daran denke.

Ich habe lange nicht über meine Vergangenheit gesprochen. Nicht nur weil es zu hart ist, sondern weil ich immer das Gefühl hatte, dass ihre Wut und ihre unzähligen Regeln nicht Grund genug sein würden, meine Trennung von ihr zu rechtfertigen. Wenn ich körperliche Narben hätte, würde ich mich vielleicht mehr im Recht fühlen. Oder wenn sie uns nicht so oft daran erinnert hätte, wie viel leichter ihr Leben gewesen wäre, wenn wir nicht geboren worden wären und sich diese Worte nicht tief in unser Unterbewusstsein verankert hätten, während wir sprachlos auf dem Küchenboden hin und herschwankten - vielleicht würde ich mir dann nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen müssen, ob am Ende nicht doch ich das Problem war. Vielleicht - und das ist wahrscheinlich der stärkste Grund - wenn sie an guten Tagen nicht so liebevoll gewesen wäre - und diese guten Tage waren gar nicht mal so selten. Bestimmt sind Eltern, die ihre Kinder misshandeln, durch und durch schlecht. Und das die ganze Zeit - und das war sie nicht. Ich wusste, dass meine Mutter mich liebte und Gutes für mich wollte. Wie kann ein erwachsenes Kind diese Liebe - so verkorkst sie auch sein mag - zurückgeben, wo es doch vor ihrem zerstörerischen Einfluss fliehen muss?

Ich erzähle den meisten Menschen nicht, warum meine Mutter nicht mehr da ist, oder ich erzähle ihnen zumindest nicht alles. Für mich ist die Vergangenheit ein Ort, zu dem nur ich Zugang habe. Ein Ort, über den sie nicht mehr für mich bestimmt. Ich allein habe die Schlüssel, ich gewähre nur sehr wenigen Leuten Einlass dorthin. Wer ist noch dort, mit dem ich ihn teilen kann? Ich kenne ein paar Menschen, die auch keinen Kontakt zu ihren Müttern haben und diese Erfahrungen zu teilen ist viel wert, auch wenn wir nicht regelmäßig in dieses Thema eintauchen möchten. Eine Zeit lang habe ich meine Anspannung und Trauer am Muttertag damit beruhigt, indem ich ihn mit einem Freund verbracht habe, dessen Mutter plötzlich gestorben war. Diese Person konnte noch am besten meine schwierigen Gefühle gegenüber dem Muttertag verstehen: Eine Person, deren Mutter tot war.

Der Raum, den die Vergangenheit einnimmt, bleibt meistens leer. Er ist reserviert für gelegentliche Gespräche zwischen mir und meiner Schwester. Sie sind kurz, denn sogar jetzt ist dieser Raum für uns verflucht - es ist unangenehm, darin zu verweilen. Hast du jemals Alpträume von Mama? Ja, hab ich. Ende der Konversation. Wir schildern unsere Alpträume nicht. Wir erwähnen nicht, dass sie nie aufgehört haben.

Als ich lernte, mir eigenen Raum ohne meine Mutter zu schaffen, empfand ich, dass dieser absolut sein muss. Ich bekam Anrufe, die mich Erstarren ließen. Ich änderte meine Nummer. Früher sah ich sie noch in den Ferien. Damit hörte ich auf, als mein Großvater starb und sie einen erbitterten Streit mit meiner Tante über das Erbe entfachte, was auch zu deren Kontaktabbruch führte. Ich weiß nicht, was meine Mutter jetzt in den Ferien macht. Vielleicht verbringt sie sie mit der Familie ihres Freundes - der Mann, der einmal hinter mich schlich, meinen Rücken küsste und mich eigenartig ansah, als ich ihn anstarrte. Ich weiß nicht, ob sie noch mit ihm zusammen ist. Ich weiß eigentlich überhaupt nichts über sie.

Da meine gesamte Familie mütterlicherseits wegbrach, suchte ich Kontakt zu meiner Tante. Ich verbringe jetzt jedes Weihnachten mit ihr. Ich habe auch Kontakt zu den Familienmitgliedern meines Vaters gesucht, die überall verstreut sind. Sie feiern die Feiertage nicht zusammen - wobei sie keine bitteren Gründe dafür haben. Ich wollte die einsamen Mitglieder aus den entlegenen Gegenden zusammen nach Indiana bringen, um dort die Feiertage zu feiern: Dieses postweihnachtliche Treffen ist nun eine feste Tradition geworden, bei der immer 15 Leute und mehr da sind.

Und dennoch mache ich mir immer noch Sorgen: Diese Familie reicht nicht. Es reicht nicht aus, um das zu ersetzen, was ich verloren habe.

Diesen Mai bin ich fertig mit dem College. Ich bin jetzt 30. Ich bin als Erwachsene nochmal zurück zur Schule gegangen, um endlich meinen Bachelor zu machen. Die Familie meines Vater wird diesen Tag mit mir verbringen. Meine Freunde planen auch mit mir zu feiern. Als ich das erste Mal ins College ging - damals war ich noch ihr gutes, gehorsames Mädchen - brach ich unter dem Stress zusammen und brach ab. Ich bin extra auf die andere Seite des Bundesstaats gezogen, aber sie versuchte immer noch mich zu kontrollieren. Ich erinnere mich noch, wie meine Schwester anrief, um mich zu warnen, dass meine Mutter auf dem Weg zu mir war. Sie ließ ihre jüngere Tochter, an der ihr weniger lag zurück, um quer durch den ganzen Bundessaat zu ihrer älteren Tochter zu fahren, weil sie davon überzeugt war, sie kontrollieren zu müssen. Ich flüchtete in einen Raum, der nicht von ihr regiert werden konnte: das Zimmer eines Freundes, wo ich das ganze Wochenende schlief, während sie den gesamten Campus nach mir abgraste.

Ich kehrte nicht zu ihr zurück. Ich habe mir meinen eigenen Platz gesucht. Ich habe hart gearbeitet und Geld gespart. Ich zog nach New York. Ich kam auf eine bessere Schule, die ich selbst bezahlte - entgegen ihrer Prophezeiungen. Ich stand meiner Familie nahe und fand gute Freunde. Ich weiß jetzt, dass es nicht stimmt: Ich brauchte sie nicht, um erfolgreich in der Schule - im Leben - zu sein. Ich kann erhobenen Hauptes sagen: "Ich habe es ohne dich geschafft." Diese Worte hallen jedoch nach - als würde man sie laut in einem großen, weiten Raum sagen, der komplett leer ist. Ohne dich.

Das Artikel erschien im Original bei The Archipelago, eine Sammlung von Texten bei Medium.com

 
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