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Wie ich verlernte zu vertrauen - Brief an die Mama, die ihr Lachen verlor

22/11/2017 17:31 CET | Aktualisiert 22/11/2017 17:31 CET
IvanJekic via Getty Images

Liebe Mama,

Ich würde dir gerne verzeihen. Ich würde dir gerne sagen du bist der wichtigste Mensch für mich. Ich würde dir gerne Danke sagen für meine schöne Kindheit. Ich würde dir gerne sagen wie schön deine Gute-Nachtgeschichten waren.

Für das neunjährige Mädchen warst du die Welt und du hast diese in den buntesten Farben gemalt. Ich erinnere mich an die liebevolle Mama, die jede Träne trocknen konnte und, die mich zum Lachen gebracht hat.

Deiner kleinen Prinzessin hast du kaum einen Wunsch abgeschlagen. Du hast dich eingesetzt, dass ich glücklich bin, das war ich wohl auch. Ich würde dir gerne verzeihen, doch das kann ich nicht.

Ich erinnere mich an die Mama, die ihr Lachen verlor

Ich erinnere mich, dass ich im Stich gelassen wurde. Du standest nicht mehr an der Tür und konntest über meinen Schlaf wachen. Du warst nicht mehr da, als ich eingeschlafen bin und du warst nicht mehr da als ich aufgewacht bin. Du warst nicht mehr da um meine Tränen zu trocken. Plötzlich gab es da niemanden mehr, dem ich alles erzählen konnte, niemanden, der mich beschützt.

Durch deine Krankheit habe ich einen Teil von mir verloren, das Vertrauen zu dir, zu mir und zur Welt. Und glaube mir, mich macht das am traurigsten, denn ich weiß, das wolltest du nicht. Ich weiß es ist nicht deine Schuld, ich weiß du kannst da nichts für.

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Und doch, hast du es nicht gemerkt, dass ich verloren war. Ich ging in dem Moment verloren, in dem ich die Verantwortung für dein Leben auf mich nahm. Ich wachte über deinen Schlaf. Ich trocknete deine Tränen und versuchte deine schwarze Welt bunt zu malen.

Und du, du hast mein Kunstwerk Stück für Stück zerrissen. Meine Hoffnung, dass alles besser wird. Ich bin verloren in der Verzweiflung, dich nicht verantwortlich zu machen und dir wieder mein zerbrochenes Herz in die Hände legen zu können.

Ich bin verloren in der Idee, dass eine Mutter ihr Kind nicht im Stich lassen kann.

Wenn es mir schlecht geht, rede ich mit keinem. Wenn ich mich verliere, dann findet mich keiner. Ich habe es perfektioniert, mir ein Lächeln aufzusetzen und innerlich zu zerbrechen. Ich kann keine Hand greifen, wenn ich am Abgrund stehe. Ich vertraue nur mir. Ich bin verloren in der Idee, dass eine Mutter ihr Kind nicht im Stich lassen kann. Ihr habt mir versprochen, ich wäre nie alleine und doch war ich es.

Ich kann dir nicht sagen, was deine Krankheit mit mir gemacht hat

Ich wünschte wir könnten dahin zurück, zu dem Moment in dem du, Mama, mein Held warst. Ich würde gerne bedingungslos lieben können. Ich würde gerne eine Hand greifen können, wenn ich am Abgrund stehe. Ich würde gerne ein Licht sehen können in der Dunkelheit.

Ich würde gerne ehrlicher zu mir selber sein. Ich würde gerne erst auf mich achten und dann auf andere. Ich würde gerne mutig sein ohne an Konsequenzen zu denken. Ich wäre gerne frei. Frei von den Erinnerungen, frei von der Verantwortung.

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Liebe Mama, auch wenn ich mich nicht mehr um dich kümmern muss, auch wenn du derzeit nicht depressiv bist, ich werde dir trotzdem nie sagen können, was deine Krankheit mit mir gemacht hat. Auch, wenn es das letzte war, was du wolltest. Du warst meine Insel. Du warst der Leuchtturm. Und deine Krankheit war das Meer, in dessen Fluten ich fast untergegangen wäre.

Ich wäre gerne frei. Frei von den Erinnerungen, frei von der Verantwortung.

Ich habe meine Insel verloren und das Licht in der Dunkelheit. Ich habe verlernt, mir die Tränen trocknen zu lassen. Ich zeige mich nicht und wenn ich verloren geh, findet ihr mich nicht. Deshalb muss ich für mich selber kämpfen und meine zerbrochene Welt zusammenflicken und vielleicht lerne ich auch irgendwann, wie man wieder vertrauen kann.

Vielleicht kommen auch wir beide irgendwann an den Punkt, an dem ich dir wieder ein Stück Vertrauen schenken kann. Aber erstmal fang ich bei mir selber an und versuche, Tränen zu zeigen, in der Hoffnung, dass sie jemand trocknen kann und dieser jemand mir zeigt, dass er mich finden kann, wenn ich mich verliere.

*Inspiriert von Julia Engelmann: "Für meine Eltern".

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