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Tritt dir selbst mal in den Arsch

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LAZY
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Ein Geständnis für mich: Ich bin faul, ich fahre eine Strecke von zwei Kilometern mit dem Auto. Dann kann ich exakt 10 Minuten länger schlafen, um mich dann schlecht und nicht wirklich erholter zu fühlen. Ich bin oberflächlich, ich überlege mir ob ich Menschen mag, anhand ihres äußeren, nur um dann festzustellen, dass ein Mensch nett sein kann, obwohl er vielleicht heute einen roten schlabbrigen Pulli anhat und die Haare nicht gemacht hat, weil ihm Schlaf wichtiger war oder weil er vielleicht Stress hat oder einen schlechten Tag.

Wir übermalen die unbequemen Wahrheiten einfach mit kinderleichten Ausreden, um nicht schlecht da zu stehen.
Mir fehlt Durchhaltevermögen. Ich nehme mir immer wieder vor, dass ich das Auto stehen lasse, spazieren und Rad fahren ist nicht nur gesünder, günstiger, sondern auch für die Umwelt besser. Es hat einen Nachteil, gegenüber mindestens zehn Vorteilen: Es ist unbequemer. Bequemlichkeit könnte das Lebensmotto der Gesellschaft sein. Es ist leicht in Vorurteilen zu denken. Es ist leicht jemanden nach dem Äußeren zu beurteilen. Es ist leicht sich alles gut zu reden, damit das schlechte Gewissen einfach verschwindet. Wir übermalen die unbequemen Wahrheiten einfach mit kinderleichten Ausreden, um nicht schlecht da zu stehen.

Es ist leicht nicht an unangenehme Konsequenzen zu denken: Mein Auto schadet mir nicht direkt. Wenn ich das günstige Fleisch kaufe, merke ich auch keinen Unterschied. Wenn ich zu viel einkaufe und etwas wegschmeißen muss, wenn ich das Licht anlasse, wenn ich... diese Liste könnte noch endlos fortgeführt werden. Ich achte nicht drauf, weil ich die Konsequenzen nicht sehe und es ja „nicht soooo schlimm ist". Im Kleinen vielleicht nicht, aber wenn 80 Millionen nicht darauf achten, könnte das - auch wenn Mathe nicht meine Stärke war - zu einem Problem werden. Wer das nicht versteht, dem lege ich nahe "Klimawandel" zu googeln.

Weil ich einen Kopf zum Denken habe und ein Herz zum Fühlen.

Ich bin also faul, weil es für mich keine Konsequenzen hat. Ich bin oberflächlich, weil es leicht ist. Dann bin ich auch falsch und belüge mich selbst. Ich bin ein Mensch, der denken kann. Ich verstehe den Klimawandel, ich verstehe Vorurteile. Ich kenne Deutschlands Geschichte. Ich bin oberflächlich, weil ich mich von gesellschaftlichen Ansichten und Stereotypen leiten lasse. Dann bin ich nicht nur falsch, sondern dumm. Weil ich einen Kopf zum Denken habe und ein Herz zum Fühlen. Und nur, weil der Alltag mir vielleicht hart erscheint, erlaube ich mir das Auto zu nehmen, das billige Fleisch zu kaufen und stigmatisierend zu denken? Dann bin ich egoistisch und dumm.

Wir sollten aufhören immer wieder unsere Augen zu verschließen. Wir sollten durchhalten, nicht nur für uns selbst, um endlich das Gefühl zu haben, etwas zu schaffen. Es ist nicht schwer das Auto stehen zu lassen für eine zwei Kilometer-Strecke und 10 Minuten eher aufzustehen. Es ist auch nicht schwer Vorurteile mal zur Seite zu schieben und sich eventuell sogar vom Gegenteil zu überzeugen. Es ist nicht schwer immer wieder ein bisschen an uns zu arbeiten, die Ziele nicht zu hoch zu stecken, damit wir sie auch erreichen können. Es ist auch nicht schwer uns mal was zu zutrauen, was ich auch schaffen kann. Damit meine ich, dass ich nicht von heute auf morgen nur noch alles perfekt machen muss, sondern ich sollte die Ziele Stück für Stück höher stecken.

Es geht darum, dass wir uns bewusst darüber werden, was wir alles nicht tun
Das ist kein Plädoyer nur noch Bio einzukaufen, nur noch Fahrrad zu fahren und nicht in Vorurteilen zu denken, auch wenn das vielleicht viele so verstehen (wollen). Es geht ja nicht darum, die Welt "retten" zu wollen. Ich versuche nur mich zu verstehen und verstehe, dass dahinter nur eins steckt Faulheit und der Gedanke möglichst nicht zu denken und es sich leicht zu machen. Aber das soll doch nicht der Sinn meines Handelns sein.
Es geht darum, dass wir uns bewusst darüber werden, was wir alles nicht tun und im nächsten Schritt könnten wir uns ja mal nett anstupsen, vielleicht eine Sache ein bisschen gewissenhafter zu machen. Wir könnten uns selbst in jeglicher Hinsicht auf Umwelt und Gesellschaft ein Stückchen aus der Komfortzone drängen und vielleicht merken wir dann, dass es uns sogar glücklicher macht. Denn ich will nicht sagen, ich hatte ein leichtes Leben. Ich für meinen Teil werde mich jetzt etwas mehr fordern, denn ich bin nicht faul, nicht egoistisch, nicht dumm und nicht feige, denn ich mache mir überhaupt Gedanken über diese (und einer Menge anderer) Probleme der Gesellschaft. Es sollte darum gehen, dass ich mich Stück für Stück vor der Faulheit, vor der Bequemlichkeit rette und mal ehrlich zu mir selber bin.

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