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Manchmal vermisse ich Hotel- Mama und meine vielen Freundesnachmittage

07/03/2016 18:25 CET | Aktualisiert 08/03/2017 11:12 CET
DreamPictures via Getty Images

20 Jahre. Das bedeutet erwachsen werden oder besser es schon sein. Mit 20 sollst du vernünftig sein, an deine Zukunft denken und am besten schon alles planen. Bachelor beenden, Master beginnen und den Job sichern. Natürlich einer, bei dem du abgesichert bist, du genug verdienst und der gut vereinbar ist mit deiner zukünftigen Familie. Paradox oder: Deutschland ist ein Land, in dem es verhältnismäßig sichere Arbeitsplätze gibt und trotzdem haben die Menschen- nach meinem Gefühl - die größten Ängste vor dem beruflichen Aus zu stehen und das mit 20.

Du bist also in deiner neuen Stadt. Musst neue Leute kennen lernen und stellst fest: Freunde zu finden ist nicht so leicht. Klar, Menschen gibt es genug, an jeder Ecke triffst du mindestens zwei, aber, ehrlich, wie viele davon sind komisch und wie wenige sind nett. Und diese wenigen, die sprichst du doch eh nicht an. Das käme doch komisch. Mit lovoo kannst du die Liebe deines Lebens finden oder einfach in ein Hotel verschwinden. Aber einen Fremden ansprechen, um nur befreundet oder einfach nur nett zu sein, das geht nicht mehr. Was sollen die denn denken?

Und dann sitzt du in deiner Wohnung und du stellst fest: alleine sein ist nicht so schön wie du es dir vorgestellt hast. Putzen, Wäsche waschen und einkaufen, das kann Mama doch viel besser. Zugeben könntest du das nie. Du bist ja schon 20 und mit 20 bist du erwachsen.

Und dann sitzt du in deiner Wohnung und denkst an die Schulzeit. Aus der du so schnell wie möglich rauswachsen wolltest. Erwachsen werden, das war doch dein größter Wunsch. Auto fahren, Party machen, Alkohol trinken. Und jetzt stellst du fest, so toll ist das nicht.

Und dann sitzt du in deiner Wohnung und du stellst fest: alleine sein ist nicht so schön wie du es dir vorgestellt hast.

Zu deinen Schulfreunden versuchst du den Kontakt zu halten. Mit Whats App und Facebook, scheint ja alles ganz easy. Doch, was ist das für eine Freundschaft. Wenn es dir schlecht geht, kannst du anrufen. Ganz nach dem Motto: „Ich bin immer für dich da!" oder wie heißt es so schön. - Aber bedeutet das für dich da sein?

„Da sein", das hieß doch mal Worte ernst meinen, eine warme Umarmung geben oder still neben einander sitzen und eine Taschentücherpackung reichen. Aber wenn du weinst, nimmst du dann tatsächlich das Handy in die Hand und schreibst bei Whats app. „Ich brauch dich." Oder „Mir geht es schlecht." Nimmst du das Handy und rufst jemanden an, dem du jede Woche mal fragst: „Wie geht's dir? Oder: „Was gibt es neues?"

Früher hättest du dich ins Auto gesetzt oder auf dein Fahrrad und wärst hingefahren. Jetzt haben sie ihr eigenes Leben. Sind wahrscheinlich gerade feiern, betrunken und haben Spaß. Du kannst ja mal bei Facebook, Instagram und co. schauen. Aber, bis du überlegt hast, was sie gerade machen könnten ob du sie stören könntest, hast du dich schon entschieden alleine zu sein.

Und alleine sein, heißt alleine weinen und alleine mit allem klarkommen. Und deine Mitbewohnerin, die eigentlich deine beste Freundin werden sollte, sieht nicht darüber hinweg, dass du den Müll nicht geleert hast... Und sie ist eh ziemlich anstrengend, ganz anders, als du es dir vorgestellt hast.

Wenn du weinst, nimmst du dann tatsächlich das Handy in die Hand und schreibst bei Whats App?

In der Schulzeit war doch irgendwie alles anders. Du warst behütet und beschützt von Mama. Sie hat sich um dich gekümmert. Sie hat eingekauft und selbst an deine Milka-Schokolade hat sie immer gedacht. Sie hat deine Wäsche gemacht. Heute vermisst du diesen Duft, denn egal wie du wäscht, die Jeans bleichen aus, die Handtücher sind hart und es riecht einfach nicht nach zu Hause.

Und wenn du einen scheiß Tag hattest, jeder seine schlechte Laune an dir auslassen musste, so fehlt Mama dir. Was musste sie sich doch alles anhören. Liebe Mama, diese Zeilen sind für dich, danke, dass du das alles so toll gemacht hast. Du hast ein Kind erzogen, den Haushalt geschmissen. Ich wünschte ich könnte das auch nur ein bisschen so gut wie du, aber damit lasse ich mir noch Zeit. Ich denke jeder hat diese "Milka- Momente", denn jede Mama tut irgendwas, was das Kind glücklich machen soll.

Und dann denkst du an die Nachmittage zurück, zugegeben mit der rosaroten Vergangenheitsbrille: Diese Hausaufgaben, die du höchstens 60 Minuten machen musstest, waren gefühlt das schlimmste. Denn das war ja schon fast der ganze Nachmittag, den du für Reiten, Ballett, Schwimmen, Volleyball freigehalten hattest. Und nebenbei wolltest du ja auch noch Marie, Laura, Emely und Sara treffen. Ich vermisse diese Freundesnachmittage.

Denn überleg mal wie oft du deine Freunde getroffen hast. Jeden Tag in der Schule, im Unterricht, in den Pausen und dann eigentlich auch am Wochenende. Und jetzt? Hat du deine Uni Leute, wenn es gut läuft Nette.

Mit neuen Freunden dauert es einfach. Anfangs teilst du höchstens das Bett, wenn ihr betrunken seid. Aber ihr führt keine typischen Schlafanzuggespräche und kennt euch nicht ungeschminkt. Mit denen sitzt du eben in der Uni. Und vielleicht lässt du sie irgendwann Freunde werden, Richtige. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht bleibt eure einzige Gemeinsamkeit, dass ihr dem gleichen Prof zuhört.

Natürlich hältst du auch an den alten Freunden fest. Du jagst den Erinnerungen hinterher, in der Hoffnung, neue schöne Erinnerungen zu fangen. Aber das ist schwerer als früher oder kommt dir zumindest so vor. Denn auch, wenn du dann mit diesen alten Freunden in den Urlaub fährst, dann nimmst du natürlich deinen Laptop mit. Uni ist wichtig. Jede Vorlesung. Du kommst sonst nicht hinterher. Sommerferien, das waren noch Zeiten. Alte Zeiten, kannst du dich überhaupt noch dran erinnern? Diese unvergesslichen Sommer. Sechs Wochen Kind sein.

Echte Freunde können sich sagen, wenn es ihnen schlecht geht und zwar Auge in Auge.

Du kannst von Glück reden, wenn du noch deine alten Freunde aus dem Kindergarten oder aus der Schulzeit hast. Ihnen reicht vielleicht eine Whats App Nachricht in der Woche, ein Telefongespräch im Monat. Denn wenn wir ehrlich sind, mehr ist doch nicht drin. Und, wann gibt es noch diese wichtigen ernsten Gespräche? Wie oft lacht ihr noch zusammen und könnt nicht mehr aufhören? Wie oft tröstet ihr euch noch? Wie gut kennt ihr euch überhaupt noch?

Du bist 20. Du bist nicht erwachsen. Du gibst dir aber tagtäglich Mühe, es doch zu sein. Vergebliche Mühe? Kommt das nicht einfach mit der Zeit? Passiert das Leben nicht einfach? Planen können wir es doch eh nicht. Weder ich, noch du. Und erwachsen sein, heißt das nicht auch loslassen? Heißt das nicht auch zu erkennen, wer dir wichtig ist oder besser: Weißt du das nicht eigentlich schon längst?

Ich habe mal gehört, man solle fünf Freunde im Leben haben, fünf Richtige. Die Zahl ist Quatsch, für mich zumindest. Aber überleg mal, wie viele Freunde haben deine Eltern noch?

Ich glaube, dass du mit echten Freunden nicht ein Mal die Woche unwichtiges Zeug über Whats App schreiben musst, echte Freunde brauchen kein alibimäßiges „Wie geht's dir?" Das ist eigentlich nur das Synonym von: „Lebst du noch?".

Echte Freunde können sich sagen, wenn es ihnen schlecht geht und zwar Auge in Auge. Echte Freunde besuchen sich, egal ob ein Mal im Monat, ein Mal im Jahr oder alle zwei Jahre. Behalte diese Freunde.

Denn echte Freunde bleiben. Es bleiben die Lachmomente und die Vorfreude auf den anderen, weil du weißt, es hat sich nichts geändert. Echte Freunde jagen nicht der Vergangenheit hinterher. Sondern lachen in den Moment und haben sich zu erzählen, wie es einem wirklich geht. Ich bin froh, dass ich diese Art von Freundschaft kennenlernen darf mit meinen 20 Jahren, denn ich bin mir fast sicher, dass diese Freunde, die ich meine, mich auch die nächsten 20 Jahre begleiten werden- zumindest hoffe ich das.

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