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Die Vergangenheit kann man nicht ausradieren- Ein Kapitel über die Depressionen meiner Mutter

29/04/2016 12:10 CEST | Aktualisiert 30/04/2017 11:12 CEST
Johner Images via Getty Images

Wir können das Buch selber schreiben, so singt es Mark Forster es gäbe genug freie Seiten.... Wir sind der Regisseur unseres Lebens und ja, an sich können wir mit dem Gummiboot bis nach Alaska. Eigentlich sind wir alle frei. Eigentlich...

Aber jedes Buch hat einen Anfang, eine Vergangenheit. Meine Seiten sind sehr dunkel. Ein Kapitel, das sicher nicht jeder öffnen möchte und noch weniger lesen wollen und die wenigsten können es verstehen. Und auch, wenn das nur die Vergangenheit, der Anfang eines Buches, einer Reise oder sogar eines Lebens ist, so ist es und bleibt es ein Anfang, ein dunkles Kapitel.

Vielleicht sind die restlichen Seiten leer und unbeschrieben und ja, vielleicht handeln sie auch von einem Happy End. Aber, wenn der Anfang geschrieben ist, kann man ihn nicht einfach ändern oder weg radieren. Das Leben, die Vergangenheit kann man nicht streichen. Und so sind wird eben nicht alle frei.

Ich zum Beispiel, ich bin gefangen, gefangen in der Vergangenheit. Und nicht immer ist der Rucksack, den wir auf unserer Reise durch das Leben mitnehmen müssen, leicht. Meiner zum Beispiel ist schwer.

Mein Rucksack ist eher ein Stein, der an mein Bein gebunden ist, vielleicht sogar eine Fußfessel. Mir fällt es schwer all die Erinnerungen, all die Bilder und vor allem die Ängste aus der Vergangenheit los zu werden.

Auch, wenn ich oft darüber nachgedacht habe, einfach zu gehen, mein erstes Kapitel zu streichen. Ich kann es nicht. Etwas ausradieren oder wegzulaufen, das würde meine Probleme nicht lösen, zumindest noch nicht. Denn ich habe Verantwortung oder besser ich übernehme zu viel Verantwortung - immer noch.

Meine Mama hat Depressionen bekommen als ich 13 war.

Und erst jetzt merke ich, was das mit mir gemacht hat. Dass es ein Teil in meinem Leben ist und ich diesen auch fast zehn Jahre später nicht streichen kann.

Auch, wenn ich einen Wunsch habe und dieser wäre, dass ich die Vergangenheit vergessen könnte, das wäre falsch. Auch, wenn ich mir früher bei jeder Kerze, die ich ausgepustet habe, bei jeder Wimper, die ich gefunden habe und bei jeder Sternschnuppe, die ich gesehen hätte (ich habe leider noch nie eine gesehen - bis heute nicht) diesen Wunsch hatte.

Auch, wenn ich nachts betend im Bett lag, dass ich das alles nur träume. Ich habe mir gewünscht, dass meine Mutter im Bett liegt und nicht mit einem Seil durch unser Haus läuft und sich einen Platz sucht, wo sie es oder vielleicht auch sich aufhängen konnte. Ich hasse Alpträume. Meine sind leider Vergangenheit. Leider wird es auch vielen anderen so gehen.

Und ja, ich wünsche mir immer noch bei nicht allen, aber vielen Wimpern, dass diese Dunkelheit nie wiederkommt. Nicht nur, weil mich immer noch die Angst begleitet, dass diese Krankheit zurückkehrt.

Oder besser gesagt: auch, wenn meine Mama nicht mehr regelmäßig zur Therapie gehen muss, so kann ein Blick, ein Satz, all die Bilder zurückbringen und die Überzeugung, dass die Krankheit nie weggehen wird, bleibt.

Und auch, wenn es ihr vielleicht gut geht. Und sie vielleicht sogar die Vergangenheit loslassen kann. Ich kann das nicht. Bei den Worten Selbstmord, Suizid erstarre ich. Wenn sich jemand im Fernsehen umbringt, dann kommen all die Bilder wieder hoch. Ich bin in meinem Vergangenheits- Horrorfilm gefangen. Und ich weiß, wahrscheinlich wird das auch so bleiben.

Und bei jedem Witz über Selbstmord oder Depressionen, werde ich wütend.

Aber das erstarrte Mädchen in mir, wird weniger. Ich bin stolz auf das, was ich alles geschafft habe und ich bin zuversichtlich, dass ich noch vieles schaffen werde. Also werde ich stark sein und lerne den Rucksack zu tragen, den Stein zu rollen oder die Fessel zu ziehen.

Ich zumindest versuche das, weil ich nicht in der Lage bin mich zu befreien - noch nicht. Und egal wie dunkel das Kapitel ist und ich wünsche auch garantiert niemanden, dass er so etwas durchmachen muss. Es ist geschrieben und es gehört zu mir. Es hat mich irgendwie auch über mich selbst hinaus wachsen lassen.

Also, lasst uns unser Leben selber schreiben, auch mit den dunklen Seiten, denn sie gehören zu uns. Raus reißen oder weg radieren kannst du sie nicht, egal wie gerne du das würdest und egal wie viele Wimpern-, Kerzen-, und Sternschnuppenwünsche du verschwendest.

Die Vergangenheit ist ein Teil von dir. Schreib dein Happy End bunt und befrei dich von schwarzweiß. Werde so stark, dass du deinen Rucksack tragen kannst, deinen Stein rollst und die Fessel ziehst. Zumindest bis du loslassen kannst.

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