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Niemand schreibt über die Verzweiflung als (Mit)Betroffene

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SAD WOMAN
Tadamasa Taniguchi via Getty Images
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Depressionen können jeden treffen. Und niemand will sie. Ich wollte diese Krankheit auch nicht. Und irgendwie habe ich sie trotzdem (mit)bekommen. Ich bin die Tochter einer Depressiven. Und es gibt viel, was ich sagen möchte, wenn ich ehrlich darüber sprechen könnte und würde, aber das ist schwierig, wenn man niemanden verletzten möchte.

Ich kann in den Augen meiner Mutter sehen, wie es ihr geht. Ich erkenne, ob die Leere in ihr zurück ist. Ich spüre, wenn sich die Dunkelheit langsam wieder in ihr breit macht. Ich will behaupten, dass ich es eher weiß als mein Vater, als meine Mutter und auch eher als ihre Therapeutin. Zumindest war es früher oft so.

Mittlerweile scheine ich auch zu glauben, oder leider auch zu wissen, dass diese Dunkelheit nie verschwinden wird. Und ich weiß oder vermute, dass meine Mutter es auch weiß, aber sie würde es niemals sagen. Sie sagt sowieso wenig. Aber das tue ich ja auch nicht.

Vielleicht macht dieses Totschweigen die Krankheit auch noch größer, noch dunkler und noch bedrohlicher, als sie es eh schon ist.

Wenn es ihr schlecht ging, ging es allen schlecht

Ich erkenne an der Art und Weise, wie sie ihre Gabel beim Essen hält, ob die Sinnlosigkeit gegenüber ihrem, unserem und meinem Leben zurück ist. Mit unserem Leben meine ich eigentlich mehr meinem Leben. Ich würde gerne sagen, wie es sich wirklich anfühlt, die Tochter einer Depressiven zu sein, aber das ist schwer.

Als ich 13 war, ist meine Mutter nicht mehr aufgestanden. Als ich 15 war, musste ich ihr die Medikamente wegnehmen, damit sie keine Überdosis nehmen konnte. Als ich 16 war, habe ich sie nicht in der Klinik besucht, ich konnte es nicht ertragen.

Als ich 17 war, habe ich mir WGs angeguckt, damit ich endlich ausziehen kann. Ich habe es nicht getan. Ich konnte es nicht. Als ich 18 war, ist mein Opa gestorben. Mein Opa war ein Fels in der Brandung und mein Lieblingsmensch. Trotzdem habe ich mein Abitur geschafft und bin ausgezogen.

Wie oft musste ich von meinen Verwandten hören: Wir müssen uns um Mama kümmern. Bitte belaste sie nicht. Ihr geht es gerade schlecht. Wenn es ihr schlecht ging, ging es allen schlecht. Immer, wenn es ihr schlecht ging, geht es aber auch mir schlecht.

Wieso will sich jemand umbringen?

Ich zerbreche daran, dass ich sie einerseits liebe. Ich möchte für sie da sein und sie beschützen. Andererseits will ich, dass auch ich gesehen werde.

Als ich 13 war, habe ich mich gefragt, was ich falsch gemacht habe. Ich konnte nicht begreifen, warum meine Mama immer geweint hat. Als ich 15 war, habe ich mich gefragt ob ich es nicht wert bin, dass meine Mama kämpft.

Ich konnte und kann das auch heute nicht verstehen, wieso sich jemand umbringen möchte. Als ich 17 war, hatte ich keine Kraft mehr meiner Mutter und vor allem den anderen, etwas vorzuspielen, dass ich mit dieser Krankheit klar käme.

Ich denke niemand kommt damit klar. Niemand möchte Depressionen haben oder (mit)betroffen davon sein. Als ich 18 war, dachte ich, das alles hätte bald ein Ende, ich müsste ja nur mein Abitur überstehen und ausziehen.

Wie oft hätte ich eine Mutter gebraucht, die mal nur für mich da ist?

Ich weiß, jetzt mit 21 Jahren, dass es nicht überstanden ist. Ich habe zwar alles geschafft, was ich schaffen wollte. Ich bin inzwischen auch ausgezogen. Aber ich trage Jahr für Jahr, Monat für Monat und Woche für Woche die Bilder der Vergangenheit mit mir herum.

Jeder Besuch zu Hause ist anstrengend. Auch, wenn es meiner Mutter inzwischen besser geht, ich habe trotzdem immer Angst, dass die Dunkelheit zurückkommt. Und irgendwie bin ich auch nicht wirklich frei. Ich weiß, dass meine Mutter mich braucht. Ich weiß, dass ich immer noch lernen muss, mehr auf mich, als auf sie zu achten.

Wie oft hätte ich ein Ohr gebraucht, das mir zuhört? Wie oft hätte ich eine Mutter gebraucht, die mal nur für mich da ist? Wie oft hätte ich einen Ratschlag gebraucht, als Dreizehnjährige, als Fünfzehnjährige, als Achtzehnjährige und auch als Einundzwanzigjährige?

Der Schatten der Vergangenheit

Wie oft hat das Telefon geklingelt und der erste Satz war: Wie geht es ihr? Wie viele Abende sind vergangen, an denen es nicht um Weihnachten, um mein Abitur oder um die Familie ging. Sondern um Depressionen, Trauer, Klinikaufenthalte oder ähnliches.

Wie viele Restaurantbesuche haben wir wegen meiner Mutter abgesagt. Nachdem sie einmal am 1. Weihnachtstag im Restaurant so laut geweint hat, dass wir gehen sollten. Wie selten habe ich gesagt, wie es mir wirklich geht. Wie selten habe ich gesagt, was mir fehlt.

Ich habe viel verpasst. Ich bin ernster als andere. Ich bin oft krank. Und ich bin abhängig. Abhängig von dem Gesundheitszustand meiner Mutter, abhängig von den Depressionen. Auch, wenn ich das Leben, sogar mein Leben, liebe, ist immer ein Schatten, der mich begleitet.

Ein Schatten der Vergangenheit. Manchmal macht er alles dunkel und dann habe ich Angst, dass auch ich irgendwann mal das Licht am Ende des Tunnels nicht sehen kann. Aber irgendwie ist in mir eine Zuversicht. Und diese Hoffnung lässt mich oft diesen Schatten vergessen.

Und auch, wenn das alles, sehr traurig ist ... Ich bin stark. Ich halte durch und ich versuche, so gut es geht den Schatten wegzuschieben, damit ich die Sonne sehen kann.

Aber da ist etwas, was ich loswerden will. In diesem Text soll es nicht um mich gehen, auch wenn es sich so anhört ...

Die Situation der Angehörigen

Ich habe viele Bücher und viele Texte über Depressionen gelesen. Aber wenig Bücher und Texte beschreiben die Situation von Angehörigen. Wenige Texte beschreiben die Gefühlen, die Ängste und auch die Wut der Mitbetroffenen.

Niemand schreibt über die Verzweiflung, wenn man nicht weiß, was man tun soll. Wenn nichts hilft. Oder, wenn man unsicher ist ob man die Polizei rufen soll.

Niemand schreibt über die Angst, die einen gefangen hält.

Niemand schreibt über die Angst, dass sich der Betroffene irgendwann tatsächlich umbringt. Ich bin leider überzeugt, dass mich diese Angst nie wieder loslassen wird.

Niemand schreibt über die Angst, die einen gefangen hält. Die Angst, dass die Dunkelheit nie wieder weggehen wird. Niemand schreibt über die Wut. Wahrscheinlich gibt sie auch niemand zu. So leid es mir tut, ich merke auch oft, dass mir der Gedanke: "Bitte reiß dich doch (endlich) zusammen" durch den Kopf geht. Das alles ist, was ich sagen möchte und nicht kann.

Ich bin überzeugt, oder weiß sogar, dass es vielen Angehörigen schlecht geht, mal mehr, mal weniger. Bitte ... passt auf euch auf, achtet vielleicht mal eine Stunde oder einen Tag etwas mehr auf euch selbst, als auf den Betroffenen, denn ihr seid eben mitbetroffen.

Und versucht, vielleicht etwas öfter, zu sagen, wie es euch wirklich geht oder das zu sagen, was ihr möchtet und nicht könnt. Ich für meinen Teil versuche es.

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