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Allein mit der Hilflosigkeit: Wie es ist die Krankheit eines anderen zu tragen

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DEPRESSION
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Über Depressionen redet man nicht. Ich tue es auch nicht, aber zumindest schreibe ich darüber. Ich bin nur eine Mitbetroffene und nicht erkrankt, aber diese Dunkelheit frisst jeden. Lange dachte ich, die Krankheit meiner Mutter würde mich nicht mehr so mitnehmen, wenn ich älter werde, wenn ich ausziehe, wenn ich unabhängig werde, wenn..., wenn..., aber egal wie viele wenn's ich dazu addiere, das "aber" folgt. Und um ehrlich zu sein, wird das alles dann immer noch viel schlimmer.

Und manchmal, da glaube ich, dass das nie aufhören wird dieses auf und ab, diese Angst vor dem, was niemand aussprechen mag. Und immer wieder ertappe ich mich bei dem beängstigen Gedanken, was passiert, wenn sie es tut? Diese ständige Angst, dieses ständige Beschützen, dieses ständige Aufmuntern - ohne Erfolg. Und noch schlimmer: diese immer wiederkehrende (un)endliche Hoffnung, dass die Depressionen nicht wiederkehren, genau das ist die Hoffnung, die immer wieder zerfällt.

Diese ständige Angst, dieses ständige Beschützen

Immer dann bricht auch meine Welt zusammen. Ich bin allein. Ich bin einsam. Ich wünschte es wäre anders, aber so fühle ich mich. Immer, wenn die Depressionen meiner Mutter wiederkehren, entfremde ich mich von meinen Freunden, meinem Leben und irgendwie auch von mir selbst. Es ist ist diese dunkle Wolke, die ein Schatten auf das Leben aller Betroffenen wirft- zumindest ist es so bei mir.

Es ist schwer zu beschreiben, aber ich fühle mich dann immer wie in einer Blase. Gefangen in der Angst, der Sorge, der Verzweiflung und den Bildern der Vergangenheit.
Das Ganze kenne ich ja schon, das Weinen, das nicht aufhört. Die Worte über die Sinnlosigkeit des Lebens. Doch das schlimmste ist die immer bleibende Hilflosigkeit. Was sagst du dagegen? Wie oft schaffst du es, zu sagen: "Alles wird gut"- mit dem Gedanken, hoffentlich?

Ich baue mir eine Mauer um mich abzugrenzen und jedes Mal, fällt diese auseinander. Denn, immer, wenn ich in die Augen meiner Mutter blicke und ihre innere Leere sehe, zerreißt es mich ein Stück mehr. Als Betroffene kannst du nicht helfen, du kannst nicht viel tun, außer dich selbst zu schützen. Das habe ich gelernt, egal wie oft du dir das anhört, wie oft du widersprichst. Es ändert nichts, es macht einen selbst kaputt.

Es gibt vieles, was ich gerne sagen würde, aber nie könnte...

Liebe Mama,

Ich will das nicht mehr. Ich will dir nicht aus deiner Dunkelheit helfen. Ich kann das nicht mehr. Ich sehe die Leere in deinen Augen. Ich merke, dass du dich immer mehr zurückziehst- mal wieder. Ich merke, dass du Stimmungsschwankungen hast. Ich merke, dass du ungerecht wirst.

Ich hatte immer wieder gehofft, dass wir diese Krankheit besiegt haben. Ich war immer für dich da. Ich sei dein Grund gewesen, sich nicht umzubringen. Damals war ich vierzehn Jahre alt.

Weißt du was das für eine Last du mir zu tragen gegeben hast? Ich habe dich immer versucht, zu beschützen, ich habe immer versucht dir einen Grund zum Lächeln zu geben. Ich dachte, ich müsste das tun.

Aber das schaffe ich nicht und das ist auch nicht meine Aufgabe. Ich kann mir das nicht mehr anhören. Ich bin nicht dein Taschentuch, dein Clown oder irgendwas anderes. Ich bin eigentlich deine Tochter, dein Kind. Und auch, wenn du nicht auf mich aufpassen musst, weil ich jetzt 21 Jahre bin, ich hätte oft eine starke Mutter gebraucht, die mir zuhört und mich beruhigt. Eine Mutter, die den Arm um mich legt und sagt: so schlimm ist das nicht. Die Mutter tröstet die Tochter- zumindest in „normalen" Familien.

Es tut mir weh, das zu sagen, aber ich schaffe es nicht mehr, zuzuhören wie du weinst und mir die Sinnlosigkeit des Lebens immer wieder erklärst.

Jetzt bin ich soweit und die Zeit ist gekommen, dass du es schaffen musst, mit deiner Krankheit alleine umzugehen. Es ist die Zeit gekommen, dass ich auf mich selbst aufpasse und mich schütze, irgendwie auch vor dir. Ich würde dir das niemals antun, wenn es anders gehen würde. Aber ich zerbreche an deinen Depressionen.

Alleine und einsam ist man, wenn man weiß, dass einen keiner verstehen kann

Ich bin 21 Jahre und habe ich habe mein Leben vor mir. Aber irgendwie habe ich auch ein Stück Vergangenheit verpasst. Ich musste dich immer beschützen. Ich musste immer versuchen, abzulesen wie es dir geht, erkennen, ob ich dich alleine lassen kann. Ich musste alleine klar kommen mit all den Gedanken, was geschehe, wenn das Schlimmste passiert.

Ich musste dir die Tabletten wegnehmen. Mir das Kissen auf die Ohren halten, damit ich dein Weinen nicht hörte und endlich schlafen konnte vor meinen Klausuren. Ich musste entscheiden, ob dein Suizid so ernst gemeint war, dass ich die Polizei informieren sollte.

Ich war immer allein. Auch, wenn es sicher niemandem aufgefallen ist. Aber alleine sein, das kann man auch trotz vieler Freunde. Alleine und einsam ist man, wenn man weiß, dass einen keiner verstehen kann.

Ich habe viele Freunde, aber ich weiß, keiner von ihnen könnte verstehen, was ich durchmache. Keiner von ihnen weiß, wie es ist, wenn man ständig seine Mutter beobachten muss. Wenn man an der Art und Weise wie sie isst, läuft oder in ihren Augen erkennen kann, wann die Traurigkeit zurückkommt. Keiner von ihnen weiß, wie hart es ist der eigenen Mutter die Tabletten aus der Hand zu nehmen, damit sie keine Überdosis nimmt. Keiner von ihnen weiß, wie schwer das Leben mit so einer Last sein kann. Bei jedem Krankenwagen in der Straße befürchtetet man das Schlimmste. Im Sommer atmet man auf, aber hat schon Angst vor dem nächsten Winter.

Es macht mich traurig, dass ich Jahr für Jahr denke, jetzt wird es besser. Und 365 Tage später muss ich feststellen, es hat sich nichts geändert. Dir geht es schlechter und ich komme nicht voran. Das sind die Worte, die ich fühle und nie sagen würde, wenn ich es könnte.

Letztendlich ist jeder für sich und seine physische und psychische Gesundheit verantwortlich

Ich liebe meine Mama auch mit ihren Depressionen, aber es ist wichtig zu erkennen, dass man, egal wie oft, wie lange und wie intensiv man versucht Depressiven zu helfen, es sich wahrscheinlich nichts ändert. Es ist wichtig für sie da zu sein. Aber genauso wichtig oder noch viel wichtiger ist es, auf sich selbst zu achten, denn das fällt meist viel schwerer.

Vielleicht mag der ein oder andere das nicht so sehen, aber ich versuche mir immer wieder zu sagen: Einen Schnupfen kann man nicht bekämpfen, indem man zuhört oder die leidende Person tröstet und für sie da ist. Ein Schnupfen oder eine Erkältung heilt anders. Und so ist es auch bei den meisten Krankheiten, auch bei Depressionen.

Ich bin kein Arzt, kein Psychologe, ich kann die medizinischen oder neurologischen und psychologischen Faktoren nicht erklären, aber ich wage zu sagen, dass kein Mensch geheilt wird, indem NUR ein anderer zuhören müsste (gemeint ist hier ein Angehöriger, kein Psychologe oder Arzt). Letztendlich ist jeder für sich und seine physische und psychische Gesundheit verantwortlich.

Ich will an dieser Stelle noch einmal betonen, dass niemand etwas dafür kann ob er Depressionen oder Schnupfen bekommt, auch, wenn sicher jeder letzteres bevorzugt. Aber genauso kann kein gesunder Mensch die Krankheit, insbesondere psychische Krankheiten, heilen. Man kann und sollte Erkrankte unterstützen, aber nur so, wie es jeder schafft, die Last zu tragen.

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