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Was ich in einem kenianischen Slum über Glück gelernt habe

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SLUM
Kathrin Krause
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Drei Uhr mittags in Mombasa, die Strassen sind voll, die Matatus überfüllt, die Luft versmokt. Zwischen den vielen Gassen sehe ich am Horizont das Meer. Traumhafte einsame Strände, klares Wasser und frische Kokosnüsse.

Plötzlich taucht Arm in Arm ein ungewöhnliches Pärchen auf.

Sie in den Sechzigern, kreidebleich, tiefe Falten. Er, Mitte 20, durchtrainiert, sportlich - geboren und aufgewachsen in Kenia. Nicht das erste unkonventionelle Paar, das mir hier begegnet. Junge Kenianer und Kenianerin, die auf Kosten von alten Europäern, leben, die sie mehrere Monate im Jahr besuchen.

Eine Form von Prostitution, die schamlos ausnutzt, dass junge Menschen in einem aufstrebenden Land wie Kenia immer noch keine andere Möglichkeit sehen, ihren Lebensunterhalt verdienen zu können. Prostitution, die am Schlimmsten von Engländern und Deutschen ausgenutzt wird.

Daneben stehe ich - und fühle mich hilflos. Ich bin 18 Jahre alt und habe mein sorgenfreies Leben im beschaulichen Paderborn für drei Monate gegen den bewegten Alltag der Slums von Nairobi eingetauscht.

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Drei Monate habe ich in Kenia verbracht (Credit: Kathrin Krause)

Hier arbeitete ich in einem Projekt der portugiesischen Auswanderin Marta. Ihre Initiative "From Kibera with Love" kümmert sich um die Ärmsten der Armen, Kinder, aus schwierigen familiären Verhältnissen, die ohne Marta wohl kaum eine Chance auf Schulbildung und ein selbstbestimmtes Leben hätten.

"Ihr seht die Falten, ich sehe das Geld"

Mitten in Kibera, dem zweitgrößten Slum Afrikas, hat sie einen Ort geschaffen, an dem Kinder Kind sein können, an dem sie lernen, dass nicht alles, was passiert, gottgegeben ist, sondern jeder seines Glückes Schmied ist.

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Der Slum von Kibera (Credit: Getty Images)

Glück, das für manche hier oft schrecklich weit weg scheint. Denn neben Armut und Perspektivlosigkeit sind eben auch HIV und Prostitution ein großes Problem innerhalb der kenianischen Unterschicht. In städtischen Gebieten Kenias liegt der Anteil der mit HIV infizierten Menschen teilweise über 20 Prozent.

Für mich war diese Erfahrung erst einmal ein Schock. Doch einer der kenianischen Loverboys erklärte einem Freund von mir kalt: "Ihr seht vielleicht all die Falten, aber ich seh dort all das Geld." Ich weiß nicht, was mich mehr anekelt, die Vorstellung meinen Körper verkaufen zu müssen oder der Gedanke, dass man mit Geld doch alles kaufen kann, sogar Liebe.

Man sieht den Kindern nicht an, was sie erleben mussten

In unglaublichem Gegensatz zu all diesem Grauen steht, was Marta den Kindern in ihrem Projekt vermittelt.

Sie gibt den Kindern Platz zum träumen, zeigt besonders den Mädchen, dass sie mehr sein können als Hausfrau und Mutter. Das Projekt übernimmt nicht nur das Schulgeld für über 80 Kinder, sondern bietet jedem von ihm Unterstützung bei den Hausaufgaben oder Nachhilfe.

Auf dem ersten Blick würde man keinem der Kinder ansehen, was für Dinge es schon erleben und sehen musste. Man sieht keinem der Kinder an, dass es, bevor Marta kam, ohne Matratze auf der Erde schlafen musste, oder hungrig in die Schule gegangen ist.

Man sieht Ihnen nicht an, dass ihre Eltern Drogen oder Alkoholabhängige sind, auch nicht, dass manche von ihnen HIV-positiv sind. Sie haben sich selbst und ihre Kinder aufgegeben. Marta aber gibt ihnen allen eine zweite Chance, sie unterstützt nicht nur die Kinder, sondern auch die Mütter dabei, auf eigenen Füßen zu stehen.

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Jugendliche in Kibera (Credit: Getty Images)

Sie werden jung Mütter - ich will nicht einmal für einen Goldfisch Verantwortung übernehmen

Es war befremdlich für mich, dass ein großer Teil der Mütter im Projekt kaum älter ist als ich. Ich, die nicht im Traum daran denken würde, die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen, die jeden Tag denkt, dass sie nicht mal Verantwortung für einen Goldfisch übernehmen möchte.

Doch die meisten jungen Mädchen hier haben gar keine Wahl, sie haben nur eine geringe schulische Ausbildung, viele von ihnen werden Opfer von sexueller Gewalt und Vergewaltigungen.

Nur wenige von ihnen vertrauen sich jemandem an, denn meist wird es einfach totgeschwiegen. Vergeblich suchen die meisten Mädchen bei ihren Familien Hilfe, stattdessen müssen sie teils im Alter von 14 Jahren anfangen, auf eigenen Beinen zu stehen.

Gerade hier habe ich viel über Glück gelernt

Doch gerade hier, zwischen Menschen, die vom Schicksal getroffen, vom Pech verfolgt scheinen, habe ich auch unerwartetes Glück gefunden. Egal, was man im Slum Kibera mit den Kindern erlebt, sie machen jeden Tag zu etwas ganz besonderem.

An meinem letzten Tag im Projekt übte ich mit der dreijährigen Mercy zählen. Innerhalb nur weniger Stunden konnte sie mit ihren Fingern bis 15 zählen. Ich war überzeugt: Sie ist ein Genie - und ich ihr Meister.

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Die Kinder des Projektes und Ich (Credit: Kathrin Krause)

Stolz wie Oskar präsentierte ich allen im Projekt ihr Können. Etwas später in einem ruhigen Moment beobachtete ich sie beim Spielen im Hof.

Mercy stand sie an einem der Wellbleche. Sie zählte mit ihren Fingern die Rillen im Blech - und kam bis 41. Ich war gerührt - und wahrlich glücklich.

Sie können über den Slum hinauswachsen

Mercy war ganz neu im Projekt, weil ihr Vater nach einem Sturz aus dem sechsten Stock monatelang im Krankenhaus lag. Als sie im Projekt ankam, weinte sie jeden Tag, weil sie nicht verstehen konnte, dass ihre Mutter sie alleine ließ.

Nach nur 6 Wochen war jedem Verantwortlichen im Projekt klar, wie viel Potenzial sie hat. Und begann immer öfter wieder zu Lachen.

Seit zwei Wochen geht Mercy jetzt in den Kindergarten. All das wird finanziert durch Spenden aus Europa, die - anders als bei anderen Projekten - zu hundert Prozent ankommen. Mercy stehen alle Wege offen, sie kann studieren oder eine Ausbildung machen. Sie kann sie selbst sein und über den Slum hinauswachsen.

Mehr Informationen über das Projekt "From Kibera With Love" findet ihr hier.

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