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Tröste dich, es geht vorbei

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MUM BABYS
Rolfo Rolf Brenner via Getty Images
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Ich sitze im Familienbett und betrachte meine Familie beim Schlafen.

Bubba Ray, mit seinen wilden blonden Haaren. Geborgen in den Armen seines Vaters verschmelzen ihre Körperlinien und ich weiß oft gar nicht mehr, wo Bubba aufhört und Papa anfängt.

Dort schläft er nun schon seit 28 Monaten, die beiden brauchen sich so sehr und fehlt einer, schläft keiner. Seine kleine warme Hand liegt auf Papas Wange, er hat den Kopf so eingedreht, dass Papas Nase seine Stirn berührt.

Ich stelle mir vor, wie er beim Einschlafen seinen Duft eingeatmet hat und glücklich war. Dass unsere Kinder bei uns schlafen, ist selbstverständlich. Solange sie es brauchen, solange sie es wollen, werden sie hier willkommen sein.

Und D-Von, der Körperkontakt noch mehr braucht als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Er schläft an mich heran gekuschelt, fast so, als wäre er noch in meinem Bauch und als gäbe es da nichts, zwischen uns.

Nachts saugen sie, tanken auf, füllen ihre Akkus voll mit Nähe und Geborgenheit. Dieses kleine Baby streckt nun immer häufiger die Hand aus, um auch seinen Bruder im Schlaf berühren zu können und ich bin selig.

Sie müssten das nicht tun, sich lieben, wir haben für sie entschieden, dass es sie gibt, dass sie Brüder sind, dass sie, so nah wie sie hintereinander geboren wurden, oft auf einiges verzichten müssen, in unserem täglichen Spagat, ihre und unsere Bedürfnisse in Einklang zu bringen. Aber sie tun es, einfach so. Ohne Bedingung und ohne Erwartung, suchen sich im Schlaf ihre kleinen Hände.

Ich zücke mein Handy, schieße ein Foto im Dunkeln, denn ich möchte die Erinnerung für immer bewahren können. Konservieren, einfrieren, beschützen.

Dann beginne ich diese Zeilen.

Oft erzähle ich Leuten von unserem Alltag und ich weiß ganz genau, wie ich klinge. Gestresst, genervt, überfordert und hell yeah - das bin ich auch! Und oft bereue ich kurz darauf, spätestens wenn mein Gegenüber versucht, mich zu trösten. Mich zu trösten!

Ich weiß, dass meine Mitmenschen manchmal Mitleid mit mir haben. Und ich frage mich unweigerlich, ob ich wirklich die Mutter sein will, die für ihre Kinder, für ihr Leben und ihre "Arbeit" damit, bemitleidet werden möchte.

"Halte durch! Es kommen bessere Zeiten", höre ich oft. Und an sehr schlechten Tagen sehne ich mich wirklich danach. Aber dann sitze ich nachts neben meiner schlafenden Familie, die mir in den letzten 3 Jahren so viel Nachtruhe geklaut hat, wie ich sie nie wieder werde aufholen können, zähle ihre Atemzüge ab, streichle winzige Kinderhände, rieche an Kinderköpfen, decke frei gestrampelte kleine Kinderfüßchen zu und frage mich:

Kann DAS noch besser werden?

"...denn du nimmst meine Hand und küsst mich, und mir wird klar ganz plötzlich: er war immer da, ich hab's nur nicht gecheckt. Denn ganz genau dieser Moment - er ist perfekt."
{Die Ärzte - "Perfekt"}

Mit diesen besseren Zeiten meinen die Leute mehr Freizeiten, weniger Anstrengung, mehr Schlaf. Sie sagen: "Tröste dich, das geht vorbei!" Und meinen es gut. Doch ich höre: Es geht vorbei.

Es geht vorbei.

Es geht vorbei.

Wenn ich genug über zu wenig Schlaf und zu kurze Nächte gemeckert habe, dann werden meine Kinder nicht mehr bei mir, in meinem Bett, in meiner Nähe schlafen wollen. Etwa, weil sie alt genug sind und meine direkte Nähe nicht mehr in dem großen Maße benötigen.

Sie werden auf ihrem Weg, groß zu werden, plötzlich unabhängig von uns in ihrem Bett, in ihrem Zimmer schlafen und schon bald vielleicht sogar bei Oma, den Freunden oder später bei Schulkameraden schlafen wollen. Irgendwann werde ich meine Kinder zum letzten Mal in ein Tragetuch gebunden haben.

Ich werde sie ein letztes Mal gestillt haben. Irgendwann werden sie nicht mehr auf meinen Arm wollen. Sie werden selbst aus dem Auto aussteigen. Sie werden ihre Brote selber schmieren und ihre winzigen kleinen Hände werden mit dem Rest von ihnen so groß gewachsen sein, dass sie selber an das Waschbecken kommen und ihre von Himbeeren und Schokolade verschmierten Gesichter selbst werden waschen können.

Sie werden mir irgendwann keinen Abschiedskuss am Schultor mehr geben. Sie werden mich irgendwann anrufen und sagen: "Mama, ich komme allein nach Hause!" Und irgendwann werden sie sagen: "Mama, ich habe da jemanden kennengelernt". Sie werden ausziehen, sie werden erwachsen sein, sie werden ihr Leben führen.

Und ja, es geht vorbei.

Der Stress, die Anstrengung, das Schreien, die schlaflosen Nächte, die extra Kilos mit Kind im Tragetuch und Einkaufstüten, die Wutanfälle in der Autonomiephase, die Geschwistereifersucht und die Erschöpfung, körperlich und seelisch.

Genau so, wie die eng eingekuschelten Nächte mit meinem Baby, das so perfekt in meinen Arm, an meinen Oberkörper, fest an mich gedrückt, passt.

Genau so, wie die magischen ersten Momente, wenn meine Kinder neue Fähigkeiten erlernen und ich nicht genug davon bekommen kann, Sprachmemos vom singenden Bubba oder vom plappernden D-Von aufzunehmen.

Genau so, wie die innigen Momente in der Nacht, wenn unsere Familie auf 2,70m passt und nichts aber auch gar nichts uns etwas anhaben kann.

Und nein. So richtig tröstet mich das nicht.

Ich denke an die Zukunft - vor allem an kräfteraubenden Tagen - und ertappe mich dabei, mich selbst zu fragen, ob es jemals leichter wird. Ich sehne mich nach einer Zukunft, in der die Bedürfnisse meiner Kinder einfacher zu erfüllen sind und meine eigenen wieder mehr Raum bekommen, immer dann, wenn ich wieder mit beiden Beinen im Stress stehe.

Und ich schimpfe oft vor mich hin und "tröste" mich damit, dass es "schon besser" geworden ist, im Vergleich zu ein paar Monaten zuvor.

Doch dann tanzt mein wundervoller kleiner Charakterkopf Bubba frei und zwanglos durch die Wohnung, jagt seinem Papa beim Toben hinterher und streichelt seinem Bruder zum Einschlafen die Wange und ich habe Angst davor, dass es vorbei geht. Dass all das in einigen Jahren anders sein könnte.

Dass ich etwas falsch machen, sie verlieren oder sie mich weniger brauchen könnten.

Es sind die Momente, in denen ich die Welt anhalten und die Zeit stoppen möchte, in denen ich mein Universum bitten möchte, etwas langsamer zu machen; nur noch einmal zum Einschlafen im Arm halten, nur noch einmal zuhören, wie mein Kind Sprache entdeckt und falsche Wörter benutzt, nur noch einmal den Rücken stützen, bevor es selber das Gerüst hochklettert, nur noch einmal in ein Tragetuch binden, bevor es selber laufen möchte.

Noch einmal "Ich liebe dich so sehr!" sagen und ein kindliches "Diss auch!" hören, noch einmal über Steine stolpern und in Gelächter ausbrechen, Regenwürmer aufsammeln und ins Gras werfen, noch einmal eng eingekuschelt denken, man könne vor lauter Liebe, Kraft und Zusammenhalt die Welt regieren.

Noch einmal kleine Kinder aus einem warmen Bett heben, noch einmal das Zahnputzlied singen, noch einmal tausende von Fotos von entzückendem, freien, sorglosem, ahnungslosem, kräftigen Kinderlachen knipsen, bevor sie nicht mehr stillhalten wollen.

Nur noch einmal, bevor es vorbei geht.

Die Autorin betreibt den Blog oeko-hippie-rabenmuetter.de und der Beitrag erschien ursprünglich hier.


Kindern helfen

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