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Ich hatte jeden Tag Angst, dass mein Stiefvater mich umbringt

20/11/2017 17:28 CET | Aktualisiert 20/11/2017 18:04 CET
ljubaphoto via Getty Images

Irgendwo nimmt es seinen Anfang. Es beginnt zuhause. Ich weiß, wie ein Amokläufer aussehen kann.

Als ich ihn das erste Mal sah, war ich 13 Jahre alt. Die Sonne war noch nicht aufgegangen und ich trug meine Sportkleidung und kippte Cornflakes in eine Schüssel. Ich drehte mich um und da war er. Er saß am Tisch, las Zeitung und trank eine Tasse Kaffee.

Er war ein großer Mann. Welliges Haar, durchzogen von weißen und schwarzen Strähnen. Blaue Augen. Ein Kaufhaus-Weihnachtsmann. Er lächelte mich an. Stellte sich vor. Ich war spät dran fürs Training. Also sagte ich ihm, er solle sein Geschirr abwaschen bevor er ging.

Meine Mutter hatte ihn am Abend zuvor kennengelernt. In unserer Kleinstadt war die Bowlingbahn mit ihrer überfüllten Bar der Place To Be. Es gab allabendliche Bowlingwettkämpfe, große Preistrophäen und Videospiele. Normalerweise gingen wir mit ihr, dann gab es Pizza und Dr. Pepper, aber meine jüngste Schwester war krank. Also ging meine Mutter alleine und brachte ihn mit nach Hause.

Seit einer ganzen Weile schon suchte sie einen Mann. Sie war eine Mutter mit drei kleinen Mädchen. Sie hatte keinen Job. Das war für eine ganz schöne Last für so ziemlich jeden. Ihre zweite Ehe war ein Jahr zuvor zerbrochen. Von da an schlief er jede Nacht bei ihr.

Alleingelassen mit den Schwestern

Eines Morgens wachte ich auf, sie waren beide weg. Es war ein Tag vor Weihnachten. Sie hatte eine Nachricht hinterlassen. Sie waren nach Las Vegas gefahren, eine vierstündige Fahrt. Pass bitte auf deine Schwestern auf. Sie wollten in der Nacht zurück sein.

Ich war nicht wütend. Ich war voller Hoffnung. Sie war einsam, sie trank mehr und die Wäscheberge wurden immer größer. Er machte sie glücklich. Hob sie hoch und wirbelte sie durch das Zimmer. Er kaufte uns allen neue Fahrräder. Ich wollte, dass es dieses Mal funktionierte. Das wollten wir alle.

Am nächsten Tag wachte ich noch vor Sonnenaufgang auf. Sie waren noch nicht zurück. Der Weihnachtsbaum war geschmückt, die roten und grünen Lichter blinkten voller Erwartung, aber die Milch und die Kekse für die Rentiere des Weihnachtsmannes waren nicht angerührt. Ich aß die Kekse, trank die Milch und stahl das Geld meiner Mutter aus der Zigarrenkiste.

Ich fuhr mit meinem neuen Fahrrad in der Dunkelheit zu dem 7-Eleven in der Grand Avenue und kaufte im Namen des Weihnachtsmannes Geschenke. Schallplatten für meine Schwestern. I Think I Love You von der Partridge Family und I Don't Like Spiders and Snakes von Jim Stafford.

Meine Schwestern und ich hatten eine Band mit dem Namen "Wonder". Ich spielte Schlagzeug auf verschiedenen Kochtöpfen, meine Schwestern spielten Tamburin und die Rumbakugeln. Unsere Mutter war das beste und einzige Publikum.

Im Geschäft kaufte ich so viele Süßigkeiten, Seifenblasen und Plastikspielzeug wie nur möglich. Und dann kaufte ich noch etwas. Ein Geschenk für meine Mutter. Die Platte You and Me Against the World von Helen Reddy.

"When all the others turn their backs and walk away

You can count on me to stay..."

Ich wollte, dass sie weiß, dass ich immer da sein würde.

"And when one of us is gone

And one of us is left to carry on

Remembering will have to do..."

Ich wollte, dass sie weiß, dass ich sie nie vergessen würde.

Als die Sonne aufging fuhr ich nach Hause. Ich verpackte alle Geschenke und legte sie unter den Baum. Ich machte schnell Pfannkuchen, das hatte meine Mutter immer für uns am Weihnachtsmorgen getan. Kurz danach erwachten meine Schwestern und öffneten ihre Geschenke.

Wenn sie enttäuscht waren, dann zeigten sie das nicht. Wir holten die Schlagzeug-Kochtöpfe, spielten die Schallplatten ab und sangen die Lieder mit. Es war ein fröhlicher Weihnachtsmorgen. Das einzige, das fehlte, war unser Publikum.

Schläge und Gewalt beginnen

Stunden später rief meine Mutter an. Sie waren auf dem Rückweg. Könnte ich ein Restaurant finden, das am Weihnachtsabend geöffnet hatte? Ich durchsuchte die Gelben Seiten und reservierte einen Tisch in einem chinesischen Restaurant in der Nachbarstadt. Dort zeigte meine Mutter uns ihren Diamantring und sie erzählte uns, dass sie heiraten wolle. Von dem Tag an lebte er mit uns zusammen. Die Veränderungen kamen schnell.

Ich mochte Fleisch nie. Selbst als kleines Kind hatte ich Fleisch immer ausgespuckt, so erzählte es meine Mutter mir. Zum Abendessen bereitete meine Mutter Fleisch zu. Sein Lieblingsgericht. Mir gab sie die Beilagen: Kartoffelpüree, grüne Bohnen und Macaroni mit Käse. Er bestand darauf, dass ich auch das Fleisch aß. Ich weigerte mich.

Meine Mutter verteidigte mich. Aber er war jetzt der Mann im Haus. Ich durfte den Tisch nicht verlassen, bis ich nicht auch das Fleisch gegessen hatte. Am nächsten Morgen weckte mich meine Mutter. Ich war eingeschlafen. Sie hatte ein blaues Auge. Ich habe nicht gesehen, wie er sie schlug. Aber das Fleisch musste ich nicht essen.

Er kaufte ihr einen roten Lotus, einen teuren Sportwagen mit einer manuellen Gangschaltung. Sie fuhren noch einmal nach Vegas und ließen uns alleine. Ich stahl die Autoschlüssel meiner Mutter und brachte meine Schwestern in dem brandneuen Lotus zur Schule.

Ich brachte mir selbst bei, wie man mit einer manuellen Gangschaltung fuhr. Allerdings nicht sehr gut, denn auf dem Schulparkplatz rammte ich einen Baum. Die Schüler starrten. Die Lehrer starrten. Das Auto wurde abgeschleppt.

Ich war 14 und hatte keinen Führerschein. Sie riefen meine Mutter in Vegas an. Sie kam mit einem blauen Auge und einer aufgeplatzten Lippe zurück. Ihr Arm war verletzt und hing taub herunter. Er ging an mir vorbei ins Haus und sagte kein Wort. Sie sah mich an und sagte leise: "Ich hab's für dich eingesteckt."

Es war meine Schuld, dass das Auto Schrott war. Es war meine Schuld, dass er sie geschlagen hatte.

Flucht in den Alkohol

Meine Mutter trank immer mehr. Er trank immer mehr. Die Streitereien wurden immer mehr. Es war ein Schauspiel und wir waren das Publikum. Das Elternsein wurde zur Nebensache. Wenn es im Haus nichts mehr zu essen gab, fuhren meine Schwestern und ich mit einem Taxi und dem Scheckbuch unserer Mutter in den Supermarkt.

Wir luden den Einkaufswagen voll, es waren nicht die besten Lebensmittel. An der Kasse füllte ich den Scheck aus und fälschte die Unterschrift meiner Mutter. Es war eine kleine Stadt.

Jeder wusste warum. Aber keiner sagte ein Wort.

Was wir zulassen, wird weitergehen. Was weitergeht, wird eskalieren.

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Das Leben wurde zur Routine. Wenn unten der Streit losging, kamen meine jüngeren Schwestern in mein Zimmer. Der Plattenspieler lief weiter. Die Plattensammlung wuchs. Ich wusste, welchen Stuhl ich unter die Türklinke klemmen musste, um die Tür zu meinem Zimmer verschlossen zu halten.

Ich wusste, welche Concealer die blauen Flecken am besten verbargen. Manchmal kam der Krankenwagen. Manchmal trug sie dunkle Sonnenbrillen, ein weites Sweatshirt und einen großen Hut, wenn sie mit dem Hund raus ging.

Jeder wusste es. Aber keiner sagte etwas.

Was wir zulassen, wird weitergehen. Was weitergeht, wird eskalieren.

Es gab auch Momente der Hoffnung. Denn niemand ist den ganzen Tag lang jeden Tag wütend und gewalttätig. Sie müssen nur einen Tag lang wütend und gewalttätig sein. Meine Mutter weckte uns mitten in der Nacht und sagte uns, wir sollten unsere Koffer packen.

Wir fuhren in ein Hotel und spielten, dass wir Spione oder Gefängnisausbrecher seien. Wir bestellten Essen, schauten Drei Engel für Charlie und hofften, dass wir nie gefunden würden. Aber wir wurden immer gefunden. Zwei Tage später stand er mit Blumen vor der Tür. Und dann war es vorbei. Denn wer wollte nicht nach Disneyland? Wer wollte nicht das erste Haus im Block besitzen, das einen Pool im Garten hatte?

Prügelattacken, Notarzt und Polizei

Meine Mutter hasste Waffen, daher gab es in unserem Haus keine Waffen. Ich schlief mit einem Schlachtermesser unter meinem Kissen. Ich habe es einmal benutzt. Ich war 16. Der Streit unten hörte ganz unvermittelt auf, mitten in den Schreien meiner Mutter. Ich rief den Notarzt und schlich nach unten.

Er war über sie gebeugt, sie lag in einer Lache aus ihrem eigenen Blut. Ich hielt ihm das Messer an den Hals um zu verhindern, dass er meine Mutter umbrachte. Die Polizei kam und nahm ihn mit. Wir schlichen uns in den Nachbarsgarten und schliefen auf den Gartenmöbeln. Wir wachten am nächsten Morgen mit Decken auf. Natürlich wussten sie es.

Jeder wusste es. Aber keiner sagte etwas.

Was wir zulassen, wird weitergehen. Was weitergeht, wird eskalieren.

Wochen später wurde ich aus dem Unterricht gerufen. Meine Mutter war in der Schule und wollte mit mir sprechen. Es war Halloween. Ich war ein Vampir, mein langes schwarzes Cape flatterte im Wind.

Sie war grade aus dem Krankenhaus entlassen worden und sah aus wie eine Mumie. Eingefallene Augen, der Kopf rasiert und die 32 Stiche mit Verband umwickelt. Alle befanden sich in den Klassen, wir waren alleine. Sie hatte seine Kaution bezahlt. Es tat ihm leid. Er wartete im Haus. Würde ich ihm bitte noch eine Chance geben?

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Meine Mutter war in die Schule gekommen und bettelte darum, dass ich nicht mit ihr brechen würde.

"When all the others turn their backs and walk away

You can count on me to stay..."

Es brach mir selbst das Herz, als ich an dem Tag nicht von der Schule nach Hause ging. Meine Mutter konnte es auch weiterhin für mich „einstecken", aber ich konnte nichts mehr einstecken. Meine mittlere Schwester, sie war 13, lief von zuhause fort.

Unser Vater war wieder verheiratet und hatte zwei kleine Kinder. Er brachte sie in ein Internat. Meine jüngste Schwester hat einen anderen Vater. Sie war erst 6, also weinte sie sich selbst in den Schlaf in dieser Nacht. Unsere Familie war entzweit. Sie zogen in ein neues Haus am Rande unserer Stadt, am Ende einer abgelegenen Schotterstraße.

Letzte Begegnung

Das letzte Mal sah ich ihn mit 16. Als ich zu dem neuen Haus fuhr um meine Sachen zu holen, kam er vor dem Haus auf mich zu. Der Bart war weg. Er hatte abgenommen. Er war ruhig. Er hatte ein Gewehr in der Hand.

Es war auf den Boden gerichtet, nicht bedrohlich. Dieser Moment hatte etwas Endgültiges. Ich ging für immer. Die Waffe hatte etwas Endgültiges. Ich war bereit, ein Messer zu benutzen, er war bereit, das Gewehr zu benutzen.

Meine Schwester war immer noch in dem Haus. Meine Mutter war immer noch in dem Haus.

Jeder wusste es.

Nachbarn, Trainer, die Kassierer im Supermarkt, Lehrer, Schuldirektoren, Klassenkameraden. Ihre Eltern wussten es, mein Vater wusste es.

Jeder wusste es. Niemand hat etwas gesagt.

Was wir zulassen wird weitergehen. Was weitergeht wird eskalieren.

Ich habe meinen Stiefvater nie wiedergesehen. Es gab keine große Wendung, ich habe ihn nie mit dem Missbrauch konfrontiert. Ich habe ihn nie gefragt, warum er meine Mutter geschlagen hat. Ich habe ihm nie gesagt, dass das Leid, das er mir und meinen Schwestern angetan hat, vergeben aber nie vergessen wird. Meine Mutter hat ihn einige Jahre später verlassen. Ein paar Jahre danach ist sie gestorben.

Mein Stiefvater hat meine Mutter nicht getötet. Mein Stiefvater hat mich nicht getötet.

Aber hätte mein Stiefvater eine Waffe genommen und uns alle umgebracht, dann wäre niemand überrascht gewesen. Er war ein gewalttätiger Mann, das sagten sie den Fernsehkameras. Jeder wusste das.

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Aber niemand hat eingegriffen. Denn irgendwie glaubt jeder, dass für die Allgemeinheit keine Gefahr von einem Mann ausgeht, der "nur" seine Frau schlägt. Wir gehören nicht zu dieser Familie, also geht es uns nichts an.

Wenn mein Stiefvater eine halbautomatische Waffe genommen und auf einem öffentlichen Platz eine große Zahl fremder Menschen getötet hätte, dann hätte das auch niemanden überrascht. Er war ein gewalttätiger Typ, das sagten sie den Fernsehkameras. Jeder wusste das.

Aber jetzt geht es jeden etwas an. Denn es wurden unschuldige Menschen getötet. In einer Kirche, einem Nachtklub, bei einem Konzert, in einem Café und in einer Grundschule.

Häusliche Gewalt - ein Warnzeichen

Häusliche Gewalt lebt nicht länger einzig nur in dem einen Haus in der Straße. Häusliche Gewalt lebt jetzt mitten unter uns.

Laut Everytown for Gun Safety, einer gemeinnützigen Organisation, die sich für strengere Waffengesetze einsetzt, hat die Mehrheit aller Amokläufer in den USA bei seiner Tat ein enges Familienmitglied oder Partner getötet oder hatte einen Hintergrund der geprägt ist von häuslicher Gewalt.

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Jemand da draußen kennt den nächsten Täter. Jemand da draußen wird beschuldigt, schreit und wird geschlagen.

Jemand da draußen möchte daran glauben, dass es dem Täter leid tut, dass er sich geändert hat und dass zu lieben auch bedeutet, zweite Chancen zu geben. Selbst dann, wenn diese zweite Chance aus einer zweiten Kugel besteht, weil das Ziel beim ersten Mal verfehlt wurde.

Jemand da draußen braucht unsere Hilfe. Jetzt, in diesem Moment.

Damals taten dir die drei kleinen Mädchen aus dem Haus voller Gewalt leid, als sie den Scheck im Supermarkt fälschten. Damals konntest du milde lächeln, die Augen abwenden und einfach nichts tun. Jetzt nicht mehr.

Die Fakten belegen, dass häusliche Gewalt ein deutliches Warnzeichen dafür ist, dass auch Menschen außerhalb dieser Familie in Gefahr sind.

Gewalttätige Männer fallen nicht einfach so vom Himmel und töten plötzlich Menschen. Es gibt Warnzeichen.

Misshandelte Frauen und Kinder sind die Kanarienvögel in den Bergwerken, die das Warnzeichen sind, wenn die Luft eng wird.

Irgendwo nimmt es seinen Anfang. Es beginnt zuhause.

Niemand wäre überrascht gewesen, wenn ich gestorben wäre.

"And when one of us is gone

And one of us is left to carry on

Then remembering will have to do

Our memories alone will get us through

Think about the days of me and you

Of you and me against the world"


Dieser Artikel erschien zuerst auf medium.com und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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