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Diese drei Hähne sind der Hölle entkommen

06/12/2017 15:57 CET | Aktualisiert 06/12/2017 15:57 CET

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Heute ist Louis frei. Und mit ihm zwei seiner Brüder - ein dritter allerdings hat nicht überlebt. Die drei Hähne stammen aus einer Massentierhaltung mitten in Deutschland. Und es ist gerade ihr jetziger prächtiger Anblick, der offenbart: Hähnchenmast bedeutet für die Tiere nichts anderes als 42 Tage Hölle.

Louis liebt es, im Sand zu scharren. Es ist ein kleines Wunder, dass er es heute überhaupt kann: Als ein Ermittlerteam der Organisation Animal Equality ihn und drei andere Küken aus einem Hähnchenmastbetrieb rettete, konnte sich der kleine Hahn nicht einmal mehr auf den Beinen halten. Das Video "Ein neues Leben für Louis" zeigt, wie sich ein geschundenes Lebewesen in einen wunderschönen, stolzen Hahn verwandelt hat.

Louis' Zustand war damals beispielhaft für die Hühner in der Massentierhaltung: Sein Skelett war zu schwach, um der rapiden Gewichtszunahme zu trotzen, wie sie die Mast den Tieren aufzwingt. Sein Bein stand verrenkt zur Seite. Seine gesamte Brust war schmerzhaft wund, weil er nicht mehr hoch kam und den ganzen Tag lang auf dem Boden lag: in einer Einstreu, die von Ammoniak durchtränkt ist. Denn gegen Ende der Mast besteht diese zumeist nur noch zu etwa 10 Prozent aus Material wie Pellets oder Holzspänen - rund 90 Prozent sind Exkremente. Das aggressive Gemisch verätzt den Tieren in den Mastbetrieben zunächst die Federn und schließlich die nackte Haut.

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Jeder, der schon mal Bilder von "typischen" Masthähnchen gesehen hat, kennt diesen Anblick: lichtes Federkleid, kahle Stellen, offen stehende Schnäbel. Letzteres verleiht den Vögeln etwas beinahe Unsympathisches, Aggressives, doch der Eindruck täuscht. Die Schnäbel der Tiere sind geöffnet, weil diese nach Luft ringen, oft verzweifelt hecheln. Das kommt nicht allein von der ammoniakhaltigen Luft, die Lungen und auch Augen reizt und der die Hühner nie entkommen können, weil sie die Masthallen bis zu ihrem Abtransport zum Schlachthof nicht mehr verlassen. Das Hecheln ist ebenfalls ein Resultat der Überzüchtung: Den Masthähnchen ist jedes Sättigungsgefühl ausgetrieben, sie fressen und fressen während ihrer kurzen Lebensdauer, bis ihre Leiber zu schwer sind, um noch gegen das Eigengewicht anzuatmen. Geht die Mastphase ihrem Ende zu, bewegen die Tiere sich kaum noch. Ihre Körper sind dazu nicht mehr in der Lage.

Auch Louis' Hahnenbrüder waren in einem derart schlechten Zustand. Hätten die Undercover-Ermittler sie nicht gerettet, hätte sie wohl ein Schicksal ereilt, wie es Animal Equality in den vergangenen Monaten wiederholt dokumentierte: Tiere, die in den Massentierhaltungsbetrieben nicht mehr aufstehen können, verdursten oder verhungern kläglich. Ihre toten Körper bleiben oft lange mitten zwischen den lebenden Hühnern liegen. Oder aber Arbeiter entledigen sich der schwachen, kranken oder verletzten Küken, indem sie sie tottreten, totquetschen, totschlagen.

Und eine weitere Grausamkeit offenbaren Aufnahmen mit versteckter Kamera in deutschen Hähnchenmastbetrieben: Regelmäßig werden Küken lebendig entsorgt. Sie finden ihr schreckliches Ende, indem sie unter den Körpern ihrer toten Artgenossen ersticken oder erdrückt werden.

Bis zu sieben Prozent der Küken in der Hähnchenmast sterben schlichtweg durch die Haltungsbedingungen, durch die Folgen ihrer Überzüchtung, durch Verletzungen und Krankheiten. Doch ihr Verlust ist von der Nutztierindustrie bereits einkalkuliert.

Wenn die Tiere aber diese Hölle der Mast überleben, kommt der 42. Tag garantiert: und damit der Tag der Schlachtung. Rund 600 Millionen Hähnchen ereilt dieses Schicksal in Deutschland jedes Jahr.

Der Anblick der geschundenen Hühner, die nach der sogenannten Ausstallung, also dem Abtransport aus der Mastanlage, im Schlachthof ankommen, hat mit dem von Louis und seinen Brüdern Luca und Levi kaum etwas gemein. Die drei geretteten Hähne führen heute vor Augen, wie diese Tierart eigentlich aussehen müsste und auch kann: mit dichtem Federkleid, geraden Beinen, stolzem Gang und einer unbändigen Neugier auf das Leben.

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Denn Hühner sind kluge Tiere. Die Verhaltensforschung hat mittlerweile herausgefunden, dass sie mindestens 24 verschiedene Laute nutzen, um sich zu verständigen. Zum Beispiel, wenn ein Raubtier in Sicht ist, oder wenn es darum geht, untereinander Eindruck zu machen. Das ist Kommunikation, das ist "Sprache". Und die Massentierhaltung ist kein Ort für diese sensiblen, intelligenten Lebewesen.

Dank guter Pflege und genügend Bewegung auf einem Lebenshof können die Hahnenbrüder Louis, Luca und Levi jetzt laufen und flattern, sogar rennen und eben endlich im Sand scharren, wie es Hühner so gerne tun. Das vierte gerettete Küken aber war schon zu schwach, es durfte dieses Leben nie kennenlernen, und es ist namenlos geblieben. Wie all die anderen rund 97 Millionen Küken und Hühner, die derzeit für Hähnchenfleisch in Deutschland gemästet werden.

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