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Interview zur muttergebundenen Kälberaufzucht - mit Mechthild Knösel

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Milchkühe müssen jährlich ein Kalb gebären, damit der Milchfluss nicht versiegt. In der Regel wird das Kalb sofort oder wenige Stunden nach der Geburt von der Mutter getrennt. Doch es gibt Alternativen: Mechthild Knösel vom Hofgut Rengoldshausen ist verantwortlich für 50 Milchkühe plus Nachzucht und betreibt seit zehn Jahren mit Herz und Seele erfolgreich die muttergebundene Kälberaufzucht. Im Rahmen der KUH+DU Kampagne berichtet sie in einem Interview mit der Welttierschutzgesellschaft über diese Besonderheit.

„Ich wollte der Kuh die Beziehung zu ihrem Kalb zurückschenken."

Katharina Tölle: „Frau Knösel, Sie betreiben seit Jahren die muttergebundene Aufzucht, d.h. die Kälber werden für eine längere Zeit von ihren Müttern aufgezogen und nicht am Tag der Geburt von ihnen getrennt, wie es auf den meisten Milchbetrieben der Fall ist. Wie kam es dazu?"

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Foto: Michael Olbrich-Majer

Mechthild Knösel: „Ich hatte schon lange die Idee, das zu machen. Ich wollte der Kuh die Beziehung zu ihrem Kalb zurückschenken. Ich wollte ihr das zurückzugeben, was ihr zusteht. Deshalb kam für mich auch die ammengebundene Aufzucht nicht infrage. Mir ist es wichtig, dass die Mutter ihr Kalb aufziehen darf, denn sie kann es von uns allen am besten. Das macht die Kuh glücklich, und das macht mich auch glücklich."

Katharina Tölle: „Wie lange bleiben denn die Kälber bei den Müttern?"

Mechthild Knösel: „Gerade in den ersten Wochen sind Kälber sehr labil. Daher bleiben bei mir Mutter und Kalb in den ersten drei Lebenswochen die ganze Zeit zusammen. Das Kalb kann dann trinken, so oft und so viel es will, und sich gesund entwickeln. Nach den drei Wochen ist es dann stabil, und die Kuh wird wieder für ein paar Stunden zur Herde gelassen. Die folgenden drei Monate wird das Kalb dann zwei Mal am Tag für jeweils eine Stunde zur Mutter gelassen. Es saugt nur zehn Minuten, dann ist es satt. Danach haben Kuh und Kalb Zeit zum Schmusen und Schlecken. Und dann ist es auch wieder gut: Das Tor geht auf und die Kuh geht raus. Es gibt kein Theater."

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Katharina Tölle: „Die Kälber sind dann also alle in einer Gruppe und kommen gleichzeitig zwei Mal am Tag zu ihren Müttern?"

Mechthild Knösel: „Genau. Immer vor dem Melken der Kühe werden die Kälber zu ihnen gelassen. Alles geschieht in der Gruppe. Die Gruppe ist vom ersten bis zum vierten Monat bunt durcheinander gewürfelt. Erst nach vier Monaten trenne ich die Kälber nach Geschlecht und Alter in verschiedene Gruppen auf. Und die Mädels, die zeitgleich zur Welt gekommen sind, bleiben weiterhin zusammen. Später bekommen sie auch zeitgleich ihr erstes Kalb, säugen gemeinsam und werden gemeinsam gemolken. Das ist toll!"

„Für mich ist die muttergebundene Aufzucht wesentlich für eine artgerechte Tierhaltung."

Katharina Tölle: „Wie groß ist denn der Trennungsschmerz, wenn das Kalb dann gar nicht mehr zur Mutter kommt?"

Mechthild Knösel: „Die Kälber zeigen dabei so gut wie keinen Trennungsschmerz. Für die Kühe ist der Schmerz sehr individuell. Es gibt Kühe die leiden leise, andere leiden laut, und es gibt alles dazwischen. Das Ärgste, was mal passiert, dass mal eine Kuh eine Nacht durchschreit. Das ist aber nicht die Regel. Und für mich ist die muttergebundene Aufzucht wesentlich für eine artgerechte Tierhaltung. Auch wenn die Mütter kurze Zeit leiden, möchte ich ihnen diese Bindung nicht vorenthalten. Und durch die muttergebundene Aufzucht ist der Kreis geschlossen. Die Kälber, die so aufgewachsen sind, machen es dann selbst als Mutter schon besser. Sie sind ruhiger, so als wüssten sie, wie es läuft. Außerdem gibt es bei mir keine abrupte Trennung, sondern sie werden stufenweise voneinander entwöhnt."

Katharina Tölle: „Wie läuft das ab?"

Mechthild Knösel: „Nach drei Monaten wird zuerst die Mutter über fünf Tage entwöhnt und darf in dieser Zeit nur noch einmal am Tag zum Kalb. Das Kalb nimmt dann die zweite Mahlzeit bei einer „Amme" ein. Wobei die Amme aber selbst Mutter eines Kalbes ist und dieses sowieso säugt."

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Foto: Mechthild Knösel

Katharina Tölle: „Und die Amme lässt das zu, auch wenn ihr eigenes Kalb da ist?"

Mechthild Knösel: „Das eigene Kalb bekommt den besten Platz, ein anderes darf aber auch trinken. Die Kälber sind von Anfang an sehr flexibel und orientieren sich schnell um."

„Die Kälber sind weniger gestresst und aktiver, sie sind sozial kompetenter und lernen viel von der Mutter."

Katharina Tölle: „Warum betreiben nur so wenige Landwirte die muttergebundene Aufzucht?"

Mechthild Knösel: „Man weiß zu wenig darüber. Die Forschung dazu steckt noch in den Kinderschuhen. Als ich meine Meisterarbeit gemacht habe, habe ich Verschiedenes ausprobiert. Ich hatte drei Gruppen: eine ammen- und eine muttergebundene Gruppe und eine Gruppe, die mit dem Eimer aufgezogen wurde. Das Resultat: Das Wachstum und die Gesundheit bei den muttergebundenen Kälbern hat alles getoppt. Bei der Aufzucht mit dem Eimer hingegen gab es viele gesundheitliche Probleme, die Kälber hatten sehr viel Durchfall."

Katharina Tölle: „Welche weiteren Vorteile gibt es?"

Mechthild Knösel: „Die Kälber trinken über die drei Monate hinweg im Schnitt zehn Liter Milch am Tag, was in jedem Verhältnis steht. Die Kälber sind weniger gestresst und aktiver, sie sind sozial kompetenter und lernen viel von der Mutter. Sie sind gesund und fühlen sich gut. Beim Absetzen wiegen sie 200 kg und sind super stark. Die Kühe wiederum haben weniger Fruchtbarkeitsstörungen."

Katharina Tölle: „Bedeutet es mehr Arbeit für den Landwirt?"

Mechthild Knösel: „Nein. Im Gegenteil. Der Zeitaufwand ist sehr gering. Die Aufzucht bedarf weniger Arbeitszeit. Es ist einfacher, als 20 Milcheimer aufzuhängen. Auch die Managementaufgaben sind gering. Man institutionalisiert das einmal, und dann klappt das auch mit den Lehrlingen gut, wenn ich mal weg bin. Man braucht nur den Platz, wo sich Mütter und Kälber treffen können."

Katharina Tölle: „Was ist noch wichtig dabei, wenn die muttergebundene Aufzucht umsetzen möchte?"

Mechthild Knösel: „Der Wille, es machen zu wollen. Wenn man es richtig will und erkannt hat, dass es eine gute Sache ist, funktioniert es einwandfrei! Danach kommt ganz lange nichts. Und schließlich muss man nahe am Tier dran sein, was für mich aber klar ist. Das ist ein Selbstläufer, man schaut sowieso nach den Tieren. Es gehört zur normalen Tierbeobachtung. Man muss nicht viel gucken, alle müssen ihren Platz beim Saugen finden."

„Was definitiv fehlt, ist eine Beratung zu dem Thema."

Katharina Tölle: „Sind Sie in Kontakt mit Landwirten, die an der Form der Aufzucht interessiert sind?"

Mechthild Knösel: „Ja. Ich bekomme viele Anfragen, sogar auch aus dem Ausland. Ich habe auch schon mal zwei Seminare dazu auf meinem Hof veranstaltet. Da haben wir auch Exkursionen zu anderen Höfen mit muttergebundener Aufzucht in der Region durchgeführt. Es kamen Landwirte aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, die das anschließend bei sich umgesetzt haben."

Katharina Tölle: „Das klingt gut. Wie kann die muttergebundene Aufzucht stärker verbreitet werden?"

Mechthild Knösel: „Was definitiv fehlt, ist eine Beratung zu dem Thema und eine Person, die das durchführen kann. Der Beratungsaufwand ist sehr groß, die Organisation der Seminare erfordert Zeit und man muss sich jedes Mal aus dem Hofbetrieb ausklinken. Mir allein fehlen dafür die Ressourcen. Es müssen richtige Strukturen dazu aufgebaut werden."

>> KUH+DU Kampagne

>> bundesweite Hofliste zur alternativen Kälberaufzucht

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