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Wie ein Schlaganfall mein Leben zum Positiven veränderte

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Ich übernahm die Firma meines Vaters, als er an Parkinson erkrankte. Noch während meines Studiums leitete ich das gesamte Büro seiner Baufirma.

Meine Tochter war damals gerade alt genug, um in den Kindergarten zu gehen. Kind, Job und Studium unter einen Hut zu bringen, war als alleinerziehende Mutter nicht gerade leicht.

Die Arbeit meines Vater interessierte mich nie sonderlich. Meine große Aufmerksamkeit galt immer der Malerei. Als Jugendliche konnte ich Stunden und Tage damit verbringen, Gemälde zu malen und zu zeichnen - ganz zum Leid meines Vaters:

"Künstlerin ist doch kein Beruf, das bringt dir kein Brot ins Haus. Lern lieber etwas richtiges, mit dem sich später Geld verdienen lässt".

Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn ich nach der Schule komplett in unser Familienunternehmen eingestiegen wäre. Als die Parkinson-Erkrankung ihn zu stark einschränkte, folgte ich seinem Wunsch und begann, die Firma zu leiten.

Mit der Zeit vergrößerte sich das Unternehmen und ich gründete eine GmbH. Zehn Jahre lang gab ich mich ganz dem Traum meines Vaters hin.

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Die Firma entwickelte sich hervorragend und nach einigen Jahren konnte ich stolz von mir behaupten, die Chefin von fünfzig Angestellten zu sein - als alleinerziehende Mutter in der von Männern dominierten Baubranche eine Seltenheit.

Doch natürlich lastete auch eine ganze Menge Druck auf mir. In schweren Zeiten half mir ein Gedanke dabei, nicht alles hinzuschmeißen: "Wenn ich später genug Geld angespart habe, dann gründe ich ein Atelier und verwirkliche meine eigenen Träume". Wahrscheinlich hat jeder Mensch so eine Hoffnung, die ihn am Leben erhält.

Der große Schock

Während das Unternehmen immer größere Aufträge an Land zog, entfernte ich mich Stück für Stück davon, meine Träume zu verwirklichen. Ich nahm meine persönlichen Ziele nicht richtig ernst und hatte kaum Zeit für meine Tochter und meine Familie.

Dann kam der große Schock: Ein Auftraggeber zahlte das Unternehmen nicht aus. Eine ganze Mannschaft an Angestellten wartete darauf, ausgezahlt zu werden, obwohl die Firma für den Auftrag kein Geld sehen würde.

Jeder ersparte Cent der Firma ging an meine Arbeiter. Ich wollte niemanden über den Tisch ziehen, nur weil ich über den Tisch gezogen worden war. Monatelang schlug ich mich mit Rechnungen und Mahnungen rum - bis mich eines Tages wortwörtlich der Schlag traf.

Die Diagnose lautete Schaganfall. Bei dieser Durchblutungsstörung im Gehirn können so viele Gehirnzellen absterben, dass Betroffene dadurch bleibende Schäden wie Lähmungen oder Sprachstörungen davontragen können. 80 Prozent der Geschädigten sind Menschen über 60 Jahre. Nicht so in meinem Fall.

Ich war noch jung, hielt mich immer für sehr fit und belastbar. Doch plötzlich war ich psychisch und körperlich am Ende. Die Diagnose versetzte mich in einen solchen Schock, dass ich plötzlich alles in Frage stellte, sogar das Leben selbst. Meine Träume vom Künstler-Atelier und der eigenen Galerie schienen unrealistischer als je zuvor.

Wieso sollte ich weitermachen? Wieso sollte ich nicht aufgeben? Um letztendlich noch einen Schlaganfall zu erleiden? Um viel zu früh zu sterben, ohne jemals so gelebt zu haben, wie ich es mir immer erhofft habe?

So kann es nicht weitergehen

Mein ganzes Leben hatte sich bis dahin fast ausschließlich um Zahlen gedreht - und als ich versuchte, mich nach dem Schlaganfall wieder den Aufgaben in der Firma zu widmen, machte mir meine Tochter ein für alle mal klar, dass es so nicht weitergehen könnte:

"Nicht nur, dass ich dich die letzten Jahre kaum zu Gesicht bekomme habe, nein. Ich hätte dich fast für immer verloren und jetzt willst du einfach so weiter machen, wie zuvor?"

Das hatte gesessen. Endlich begriff ich, dass es so nicht mehr weitergehen könnte. Ich entschied mich, das Unternehmen stillzulegen und die Karriere als Geschäftsfrau an den Nagel zu hängen - ein für alle mal.

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Ich verbrachte sehr viel Zeit mit meiner Familie und fing wieder an, zu malen. Die Malerei brachte mir wieder Lebensenergie und gab mir die Möglichkeit, zu mir selbst zu finden, wieder glücklich zu werden.

Doch nur Hobby-Malerin zu sein, genügte mir nicht. Der Ehrgeiz aus meiner Zeit als Geschäftsführerin trieb mich an und so eröffnete ich im August 2016 mein eigenes Kunst-Atelier.

Mittlerweile ist daraus ein Treffpunkt für Künstler geworden. Ein Ort, an dem man seine Erfahrungen und Leidenschaften austauscht und ich gleichzeitig meine Arbeiten ausstelle.

Ohne meinen Schlaganfall wäre dieser Traum wahrscheinlich nie wahr geworden. Er hat mir eine wichtige Lektion gelernt: Wenn man immer "später" sein Ding machen will, dann verliert man seine Ziele aus den Augen.

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Man sollte sich von niemanden einreden lassen dass die eigenen Träume oder wünsche Schwachsinn seien. Schwachsinn ist etwas nicht auszuprobieren, dass dir auf dem Herzen liegt.

Wenn man schon den Fehler macht sich dieser Gesellschaft anzupassen, dann hoffe ich für jeden, dass er irgendwann aufwacht und daran arbeitet, glücklich zu sein! Denn wer kann heutzutage schon behaupten er sei glücklich? Und überhaupt: Welche Bedeutung hat das Wort "später" schon, wenn es morgen schon vorbei sein kann?

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Unter "Katharina's Art" könnt ihr weitere Bilder der Autorin auf Facebook und auf Instagram sehen.

(jz)

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