BLOG

Liebe Xavier-Naidoo-Fans, ich glaube, auch ihr habt den Verstand verloren

28/04/2017 19:33 CEST | Aktualisiert 29/04/2017 22:25 CEST

Liebe Xavier Naidoo-Fans, liebe Wutbürger,

Ich finde Xavier Naidoos neuen Song "Marionetten" schrecklich. Der Sänger benutzt darin Pegida-Vokabular, ruft zum Sturm mit Mistgabeln auf den Bundestag auf und verbreitet Verschwörungstheorien (siehe Video oben).

Jemand wie Naidoo, der unser demokratisches System offenbar abschaffen will, sollte nicht von so vielen TV-Sendern und Medien hofiert werden. Erst vor drei Wochen moderierte Naidoo den renommierten Musikpreis Echo.

Ich finde das problematisch.

Das habe ich auch in einem Artikel beschrieben.

Ich wollte mit meiner Kritik eine Diskussion anstoßen.

Aber, wie ich in den vergangenen Tagen gelernt habe, habt ihr, liebe Xavier Naidoo-Fans, kein Interesse an dieser Diskussion.

Ich wurde von Euch aufs Übelste beschimpft - in E-Mails, in Facebook-Nachrichten und sogar auf meinem privaten Facebook-Profil.

So wie ihr reagiert, bleibt mir nur ein Schluss: Genauso wie euer geliebter Sänger seid ihr wohl von allen demokratischen Geistern verlassen.

"Minderbemittelte Schundschreiberin"

Als Teil der "linksversifften Lügenpresse" bezeichnet zu werden, bin ich als Journalistin schon gewohnt. Aber der wahnsinnig kreative Name "Presstituierte" war mir neu.

Außerdem bin ich für euch eine "minderbemittelte Schundschreiberin" oder wahlweise ein "irrer durchgeknallter Vollpfosten". Viele von euch forderten auch, ich solle aus Deutschland herausgeworfen werden.

Die Drohungen, mich diesbezüglich bei "mehreren Stellen zu melden" kamen von verschiedenen Lesern hinterher.

Der Vorwurf einer Leserin, der an Absurdität kaum zu überbieten ist, lautete, dass ich mit meinem Artikel dafür sorge, dass "Männer uns Frauen das Mitspracherecht wegnehmen". Sie glaubte anscheinend, dass Männer Frauen gerade erst angefangen haben, uns Frauen ernst zu nehmen - und ich diese Errungenschaft mit meinem Text kaputtmachen würde.

Natürlich kam noch viel mehr Schwachsinn im braunen Verschwörer-Gewand - aber alles aufzuzählen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Kunstfreiheit ja, Pressefreiheit nein

Liebe Xavier-Naidoo-Fans, ihr werft mir vor, mein Artikel sei ein Angriff auf die Meinungsfreiheit. Und die gilt, wenn man euch Glauben schenkt, "insbesondere für Künstler".

Aha - Künstler dürfen ihre Meinung frei herausposaunen? Journalisten dürfen das, wenn es nach euch geht, offenbar nicht.

Mein Artikel war ein Kommentar. Also eine Meinungsäußerung. Meine Meinung ist: Das, was Xavier Naidoo in seinem neuen Lied von sich gibt ist demokratiefeindlich. Und ich bin nun einmal ein Fan der Demokratie.

Ich finde es nicht richtig, von uns gewählte Abgeordnete als "Volksverräter" zu bezeichnen, wie Naidoo das tut.

Ihr messt mit euren Vorwürfen deshalb mit zweierlei Maß und dreht euch dabei die Grundrechte so hin, wie es euch passt: Kunstfreiheit ja, Pressefreiheit nein. Wer als Journalist eine andere Meinung hat als ihr, solle das Land verlassen. Oder besser vielleicht auch mit Mistgabeln aufgespießt werden?

Ich werde meine Meinung weiter aufschreiben

Liebe Xavier-Naidoo-Fans, wenn ein Künstler, den das öffentlich-rechtliche Fernsehen fördert, Vokabular nutzt, das Bewegungen wie Pegida oder Parteien wie die AfD gebrauchen, um die Demokratie einzuschränken, dann kann einem das schon sauer aufstoßen.

Wenn eine Person, die offensichtlich jeglichen Bezug zur politischen Realität verloren hat, eine öffentlich wirksame Veranstaltung wie den Echo moderiert, dann darf mich das aufregen. Und diese Meinung sollte ich auch äußern dürfen, oder?

Meine Meinung mag euch nicht gefallen - das muss sie auch nicht. Und: Natürlich können und müssen wir sogar über diese Meinung diskutieren. Ich würde mich darüber freuen. Aber Drohungen und Einschüchterungen sind eben kein guter Anfang für eine Diskussion.

Ich werde meine Meinung weiter aufschreiben - egal, ob ihr mich von eurem Idol Xavier Naidoo inspiriert mit Mistgabeln aus Deutschland jagen wollt oder nicht.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

Sponsored by Trentino