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Ich wurde vergewaltigt - das hat das Trauma aus meinem Leben gemacht

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RAPE
AlexLinch via Getty Images
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"Kennen Sie das, wenn Sie Ihre Hand anschauen, aber die gehört irgendwie nicht zu Ihnen?" Das ist das Erste, was Professor H. fragt, als ich ihn kennenlerne.

Ich sehe Professor H. zum ersten Mal. Aber er hat mich schon oft gesehen. Er hat mich beobachtet. Aus dem Fenster seines Büros, in der Kantine, beim Laufen.

Ich bin seit zwei Wochen in einer psychosomatischen Klinik und mache eine Therapie. Denn ich lebe mit einer chronischen posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Professor H. ist der Traumaspezialist der Klinik.

Der Grund, wieso ich ihn kennenlerne, weshalb ich überhaupt an diesem Ort bin, liegt damals 7 Jahre zurück.

Mit 18 Jahren bin ich vergewaltigt worden. Vor meiner Haustür, nachts um halb zwölf. Auf einmal stand ein fremder Mann hinter mir, drückte ein Messer gegen meinen Hals und sagte: "Zieh dich aus oder ich stech dich ab!"

Ich wusste nicht, dass es mich Jahre später einholt

Am nächsten Tag ging ich zur Polizei. Ich wollte das eigentlich nicht, aber meine Mutter bestand darauf. Ich wollte diesem Menschen nicht noch mehr Platz in meinem Leben einräumen. Ich wollte einfach nur, dass mein Leben weitergeht wie bisher - und vergessen.

Obwohl ich mit Experten sprach, hat mir niemand gesagt, dass ich mir sofort Hilfe holen soll, auch wenn ich in dem Moment dachte, ich komme damit schon irgendwie alleine zurecht. Natürlich war mir klar, dass so ein Ereignis nicht einfach so wegzustecken ist. Aber es war mir nicht klar, was es schlussendlich alles mit meiner Psyche angestellt hat. Dass es mich einholen würde - auch Jahre später.

Und irgendwann so viel Raum einnehmen würde, dass ich nicht mehr richtig leben kann.

Ich hatte irgendwann Übung im Verdrängen

Tatsächlich war mein Leben schon einen Tag nach der Vergewaltigung nicht mehr so wie früher.

Ich hatte nicht einfach nur mehr Angst oder habe mich schlecht gefühlt. Ich habe den Täter auf Hausdächern gesehen, er hat mich verhöhnt - natürlich war er nicht da. Obwohl er es hätte sein können - die Polizei hat ihn nie gefasst. Und ich bin mir sicher, selbst wenn er im Knast gewesen wäre, hätte sich an meiner Angst nichts geändert.

Ich habe keine Luft mehr bekommen und mein Herz pochte bis zum Anschlag, wenn ich in der S-Bahn eine Stimme gehört habe, die ähnlich klang wie seine. Ich ertrug es nicht, wenn auf der Straße irgendjemand hinter mir ging.

Das waren die Tage danach. Irgendwann wurde es dann besser - ich hatte mehr Übung im Verdrängen.

Im Nachhinein sehe ich aber, dass ich schon bald Flashbacks bekommen habe.

Jegliche Art von Messern löste Panikattacken aus

In Flashbacks fühlen sich die Betroffenen wieder in die traumatische Situation zurückversetzt - die Erinnerungen lassen sich nicht verdrängen, sie sind in einem Teil des Gedächtnisses gespeichert, den man nicht kontrollieren kann. Ausgelöst werden die Flashbacks durch Trigger.

Das waren in meinem Fall zum Beispiel eine Stimme, die ähnlich klang wie die des Täters, ein bestimmter Geruch, eine Hand, die so ähnlich aussah wie die, die mich begrapscht hatte - und ganz besonders jegliche Art von Messern.

Mehr zum Thema: Ich wurde vergewaltigt - und meine Therapeuten gaben mir die Schuld

Ich bekam Panikattacken, wenn ein Mensch ein großes Taschenmesser oder gar ein Klappmesser dabei hatte. Sogar, wenn ich die Bilder im Fernsehen sah. Auch Küchenmesser waren ein großes Problem - ich mied sie, wo es nur ging. War nervös, wenn ich eines in der Hand hatte, oder noch schlimmer, wenn irgendjemand anderer eines in meiner Gegenwart benutzte. Egal, ob ich dem Menschen vertraute oder nicht.

Es war ein schleichender Prozess

Diese Trigger sind typisch für eine PTBS. Eigentlich ist eine PTBS wie ein Chamäleon. Sie kommt in ganz unterschiedlichen Ausprägungen daher, mit einer Vielzahl an Symptomen, die im Laufe der Zeit immer schlimmer werden können.

Es war ein schleichender Prozess, der mich schließlich in die Klinik gebracht hat. Einer, von dem ich gar nicht mehr genau weiß, wann oder womit er begonnen hat.

Ich aß immer weniger, teilweise mehrere Tage am Stück gar nichts. Das machte ich nicht, weil ich mich zu dick fand. Ich habe mir furchtbare Vorwürfe gemacht, weil ich mich nicht gewehrt habe. Und mich mit Nahrungsentzug selbst bestraft.

Viele Arten von selbstverletzendem und selbstzerstörerischem Verhalten gehören zu einer PTBS. Ich habe nicht nur aufgehört zu essen, ich kratzte mir meine Arme und Beine blutig, schlug meinen Kopf gegen die Wand, verbrannte mich am Herd absichtlich.

Erst nur hin und wieder. Irgendwann, kurz bevor ich in die Klinik kam, waren meine Arme so voller Wunden, dass ich mich nicht mehr traute, ohne lange Ärmel das Haus zu verlassen - es war damals August.

Irgendwann war ich nicht mehr die Person, die mich im Spiegel ansah

Ein häufiges Symptom einer PTBS ist das, was Professor H. in seiner ersten Frage an mich geschildert hat. Der Betroffene fühlt keine Verbindung mehr zu seinem Körper. Dissoziieren heißt das.

Auch das Dissoziieren fing harmlos an. Zum Beispiel damit, dass ich kurze Zeit meine Hand nicht mehr als meine eigene empfunden habe. Irgendwann war ich nicht mehr der Mensch, den ich im Spiegel sah. Und dann, als es am schlimmsten wurde, sah ich mich komplett von außen. So, als seien meine Gedanken und Empfindungen getrennt von meinem Körper.

Und so hatte das Kratzen noch eine zweite Funktion: Um zu spüren, dass ich doch noch in meinem Körper bin, habe ich mich gekratzt. Das hilft nicht nur für den Moment. Die Wunden brennen schließlich Tage lang. Und Schmerzen haben die Verbindung meiner Psyche zu meinem Körper wieder hergestellt.

Ich hatte Angst, wahnsinnig zu werden - das war ein schreckliches Gefühl.

Ich hatte Angst, dass ich irgendwann vom Balkon springe

Ich habe den Vergewaltiger immer mal wieder irgendwo gesehen. Die Halluzinationen wurden unerträglich. Auf dem vollen Odeonsplatz, in der U-Bahn, auf dem Balkon - der Typ war überall. Manchmal still, manchmal verhöhnte er mich, manchmal hörte ich nur seine Stimme.

Irgendwann war ich nicht mehr ich selbst. Ich zog mich komplett zurück, ich ließ niemanden an mich heran, ich hatte Angst vor mir selber. Auch Angst davor, dass ich irgendwann einfach vom Balkon springe.

Dann habe ich meine Therapie begonnen.

Das Aufarbeiten des Traumas war sehr schmerzhaft. Ich musste zum Beispiel die ganze Geschichte aufschreiben, so detailliert, wie ich mich erinnern konnte. Und das Geschriebene jeden Tag laut lesen. So kann man das traumatische Ereignis aus dem Teil des Gedächtnisses holen, den man nicht kontrollieren kann. Es wird dann zu einer schlimmen, aber kontrollierbaren Erinnerung.

Ich habe mir nie wieder Vorwürfe gemacht

Ich habe geschafft, das Erlebnis zu einem großen Teil zu verarbeiten und werde auch nicht mehr von Schuldgefühlen geplagt, die mich jahrelang zerfressen haben.

Die Schuld, dass ich mich nicht gewehrt habe. Denn viele Menschen haben mir genau das vorgeworfen.

Professor H. hat den Spieß umgedreht. Weil er auch viel mit Sexualstraftätern gearbeitet hat, konnte er mir die Sicht des Täters schildern. Und die Lebensgefahr, in der ich mich befand, als ein vor Adrenalin und Erregung zitternder Mann eine 20-Zentimeter-Klinge an meinen Hals presste.

Seit diesem Tag habe ich mir nie wieder Vorwürfe gemacht, dass ich mich nicht gewehrt habe. Nicht nur dafür bin ich ihm und allen anderen Therapeuten unendlich dankbar.

Es ist nicht leicht, über derart schlimme Erfahrungen zu sprechen. Frauen, denen Ähnliches passiert ist, können sich jederzeit und kostenfrei an die Hotline des karitativen Vereins "Weisser Ring" unter 116 006 wenden. Der bundesweit tätige Opferverein unterstützt Menschen, die Opfer von Gewalt wurden.

Mehr zum Thema: Dieses Bild sollten alle kennen, die denken, dass Frauen an einer Vergewaltigung selbst schuld sind

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

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