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Darum brauche ich keinen Selbstverteidigungskurs, um mich vor Übergriffen zu schützen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KATHISCHNEIER
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Alles Mögliche müssen Frauen heutzutage tun, um sich vor sexueller Gewalt zu schützen. Zumindest wenn sie anderen viel klügeren Frauen, Medien, Politikern, Experten, Aktivisten und Polizisten glauben.

Ein paar der "gut gemeinten" Tipps gefällig? Keinen kurzen Rock, keinen tiefen Ausschnitt, nachts nicht mehr in dunklen Gassen unterwegs sein, auf gar keinen Fall angetrunken mit einem Fremden nach Hause gehen oder in sein Auto steigen, das Haus nicht mehr ohne Pfefferspray verlassen.

Und jetzt kommt nach all den Verboten auch eine Forderung, was wir aktiv tun müssen: Selbstverteidigung lernen.

An alle Frauen: Macht was ihr wollt! Lasst euch eure lang und hart erarbeitete Freiheit nicht nehmen - sonst können wir die Emanzipation gleich begraben.

Die Forderung nach verpflichtendem Selbstverteidigungsunterricht ist absurd

In dieser Woche erschien ein Text der jungen Aktivistin Stefanie Schiller bei der Huffington Post.

Sie fordert darin alle Frauen auf, Selbstverteidigung zu lernen. Ihre These: Frauen sind in Deutschland nicht mehr sicher.

Um dagegen etwas zu tun, hat sie eine Petition gestartet, in der sie Selbstverteidigung zur Pflicht im Schulunterricht machen will. Nur für Mädchen wohlgemerkt.

Diese Forderung ist genau so absurd, wie den Parisern jetzt zu empfehlen, die Wohnung nicht mehr zu verlassen.

Schließlich gab es in jüngster Zeit zwei Terroranschläge in Frankreichs Hauptstadt - die Pariser scheinen also genau wie Frauen, in Schillers Ansicht, eine besonders gefährdete Gruppe zu sein.

Diese Forderung wirft uns Jahrzehnte zurück

Würde irgendein unfassbar kluger Experte so eine wahnwitzige Forderung stellen, käme sofort ein Aufschrei. Nein!

Wir können uns doch unsere lang erarbeitete Freiheit nicht von Terroristen nehmen lassen. Jetzt gehen wir erst recht raus! Wir zeigen ihnen, dass sie uns nicht einschüchtern können.

Mehr zum Thema: Ein wütender Brief an die Frauen, die Opfer von Sexismus verhöhnen

Aber Frauen? Oh nein, die haben zwar lange für ihre Emanzipation gekämpft, es sich lang und hart erarbeitet, kurze Röcke tragen und Sex mit fremden Männern haben zu dürfen und genau den Sport zu lernen, den sie wollen - sei das Fußball, Kunstturnen oder eben Kampfsport.

Trotzdem, wir müssen uns jetzt schützen, wir müssen etwas tun, um nicht vergewaltigt zu werden? Das wirft uns um Jahrzehnte in der Emanzipation zurück.

Ich sage nicht, dass eine Frau nicht lernen soll, sich selber zu verteidigen. Wenn sie Spaß daran hat und sich sicherer fühlt - gerne. Auch wenn ich daran zweifle, dass es im Ernstfall etwas bringt. Niemand den ich kenne, dem etwas Derartiges passiert ist, hätte auch nur im Geringsten daran gedacht sich zu wehren. Angst lähmt.

Und die Angst, die Frau Schiller beschreibt, hat sie draußen. Vor Fremden. Nicht mit einem Vertrauten in einer Wohnung. Die Fremden kommen aber mit Waffen, in Gruppen. Da muss man schon Krav Maga auf Mossad-Niveau können, um sich zu wehren.

Der erste Schritt zum Victim Blaming

Und was kommt, wenn Selbstverteidigung zum Schutz gefordert ist und ich aber keine Lust habe, das zu lernen? Wenn ein Dieb mein Auto stiehlt und ich es nicht abgeschlossen habe, bin ich schuld. Keine Versicherung der Welt zahlt.

Aber was wenn ich als Frau keine Lust habe, auf die klugen Tipps der selbsternannten Experten zu hören? Trage ich dann auch eine Teilschuld?

Genau das vermitteln diese Forderungen, egal welche. Sie rauben uns die Freiheit, entscheiden zu können wie wir wollen. Und sie sind nicht zuletzt der erste Schritt zu dem, was für jedes Opfer sexuellen Missbrauchs nach diesem schrecklichen Erlebnis noch als bitteres "Zuckerl" oben drauf kommt: Victim Blaming, das Opfer zumindest ein bisschen verantwortlich zu machen für das, was passiert ist.

Schillers These, dass sich Frauen in Deutschland nicht mehr sicher fühlen können ist großer Quatsch. Es gibt keine verlässlichen Zahlen zur Entwicklung sexueller Gewalt in Deutschland. Und erst recht keine Statistik, die einen Anstieg zeigt.

Auch wenn es zu mehr Anzeigen kommt, heißt das lange noch nicht, dass die Delikte mehr werden. Es heißt nur, dass mehr Frauen anzeigen. Und das ist auch gut so.

Gegen sexuelle Gewalt hilft nur, den Sexismus zu bekämpfen

Natürlich: Sexuelle Gewalt ist ein riesengroßes Problem. Egal ob die Anzahl der Vorfälle zunimmt oder nicht. Und es ist auch klar, dass etwas dagegen getan werden muss.

Eine Maßnahme wäre es, Sexismus zu bekämpfen. Wenn Frauen als Objekte dargestellt werden, sei es in Werbung, Medien oder von der Gesellschaft, sinkt die Hemmschwelle für sexuelle Übergriffe.

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Mit einem Objekt kann man schließlich machen was man will. Man muss sexuelle Übergriffe im Kleinen bekämpfen. Den Alltagssexismus im Büro, die anzügliche Bemerkung vom Chef oder den Klaps auf den Po vom Kollegen. In jeder Schulklasse sitzt laut Statistik mindestens ein Kind, das Missbrauchsopfer geworden ist. Täter sind Gleichaltrige, Familie oder sogar Lehrer. Das Einzige, was man tun kann ist, alle in die Pflicht zu nehmen und so viel Aufmerksamkeit wie möglich für dieses Thema zu schaffen. Und das so früh wie möglich.

Wenn man wirklich ein Unterrichtsfach fordert, dann doch bitte Aufklärung über Sexismus und Gleichberechtigung - für Jungs und Mädchen.

Schillers Wunsch ist sexistisch und antifeministisch

Schillers Forderung ist schließlich nur sexistisch und antifeministisch. Sie stellt Mädchen und Jungen, Frauen und Männer nicht gleich. Sie sagt, dass Frauen unterlegen sind. Sie unterstellt, Jungs würden nicht Opfer von Gewalt werden.

Egal ob man Selbstverteidigung kann oder nicht. Ob man einen kurzen Rock trägt oder eine Jeans. Ob man betrunken mit einem Fremden nach Hause oder abends nüchtern die eigene Haustür aufschließt - Vergewaltigungen können immer passieren.

Es gibt keinen wirksamen Schutz. Das einzige was wir tun können, ist die Angst nicht unser Leben bestimmen zu lassen und die nächste Generation aufzuklären. In der Hoffnung, dass sie es besser macht.

Stephen Hawking nennt die größten Gefahren für die Menschheit

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