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Wie Medien über Flüchtlinge und sexuelle Gewalt berichten halte ich für unverantwortlich - es verhöhnt vergewaltigte Frauen

22/09/2017 18:35 CEST | Aktualisiert 22/09/2017 21:18 CEST
KatarzynaBialasiewicz via Getty Images

Liebe Frau Heidenreich,

ich habe Ihren jüngsten Kommentar in der "Süddeutschen Zeitung" mit Befremden gelesen.

Sie fordern darin, dass wir intensiver über Frauenrechte sprechen sollten - denn durch Flüchtlinge sei die lang erkämpfte Freiheit der Frauen in Gefahr.

Befremdlich fand ich Ihren Text nicht etwa, weil er Ängste schürt. Das sieht man öfter dieser Tage.

Sondern, weil Sie gerade jetzt fordern, über Frauenrechte zu sprechen. Hintergrund: Die zunehmende Angst vor Übergriffen von Flüchtlingen auf Frauen in Deutschland.

Ihr Text klingt so, als sei bislang alles bestens gewesen. Als käme das Problem sexueller Gewalt gegen Frauen in Deutschland erst seit zwei Jahren auf.

Ewig lang war sexuelle Gewalt ein Tabuthema

Sie verhöhnen damit alle Opfer, die soetwas schon erleben mussten. Die Frauen, denen jahrelang niemand zugehört hat, deren Schicksal mitunter kleingeredet wurde. Ich habe all das am eigenen Leib erlebt.

Schon in der Schule fanden es ein paar Jungs lustig, mich immer wieder in die Ecke zu drängen, mich zu begrapschen, ihre Hände in meine Hose und unter meinen Rock zu schieben. Immer und immer wieder. Interessiert hat das damals niemanden wirklich - weder Mitschüler, Mitschülerinnen oder Lehrer.

Vor der Kölner Silvesternacht hat das Thema kaum jemanden interessiert

Als ich dann mit 18 Jahren - nicht weit von meiner Haustür - von einem fremden Mann vergewaltigt wurde, wollte mir zunächst kaum jemand glauben.

Es schwang immer der Zweifel mit: "So etwas passiert doch nur im Fernsehen." Auch die Polizei hat mir nach einem stundenlangen Verhör gesagt: "Sag mal, stimmt das jetzt, was du mir da erzählt hast oder flunkerst du mich eigentlich nur an?"

Und das alles passierte schon vor geraumer Zeit. Ich bin jetzt 32.

Sexuelle Gewalt an Frauen ist immer ein Thema. Es war immer ein Thema. Nur offenbar für Sie nicht, Frau Heidenreich.

Ein bisschen in Schutz nehmen muss ich Sie - das Thema hat vor der Kölner Silvesternacht Journalisten nur dann interessiert, wenn ein prominenter Mann der Vergewaltigung beschuldigt wurde.

Würde man mir heute glauben?

"Wenn Frauen heute einer größeren Gruppe von männlichen Geflüchteten begegnen, ist da immer wieder dieses Gefühl der Bedrohung", steht in Ihrem Text.

Jetzt auf einmal sollen wir darüber reden, dass Frauen sich in gewissen Situationen bedroht fühlen?

Jetzt auf einmal ist es ein Thema?

Würde man mir jetzt, fast auf den Tag 14 Jahre später, glauben? Würde man mir auch glauben, wenn der Verdächtige so gar nicht nach Flüchtling ausgesehen hat?

Diese Scheinheiligkeit macht mich wütend.

Mehr zum Thema: Liebe "Bild"! Eure erfundene Story über sexlüsterne Flüchtlinge zeigt, dass es euch nicht um Wahrheit geht

Hermann schürt offenbar bewusst Angst

Kürzlich stellte der bayerische Innenminister Joachim Hermann neue gestiegene Zahlen über Vergewaltigungsanzeigen in Bayern vor. Wahrscheinlich war dem CSU-Mann sogar klar, was er damit anrichtet. Dass er Angst schürt. Wahrscheinlich war es sogar kalkulierte Stimmungsmache, so kurz vor der Wahl.

Denn in der Regel werden Polizeistatistiken nicht einfach so mitten im Jahr veröffentlicht. Hermann musste die Zahl nur Tage nach der Veröffentlichung sogar nach unten korrigieren.

Natürlich müssen wir diskutieren

Bei alledem habe ich vor allem einen Eindruck: Niemandem geht es wirklich um die Rechte der Frauen in Deutschland. Wenn das so wäre, dann hätten Sie nicht jahrelang die Augen verschlossen, dann würden Sie zum Beispiel auch sehen, dass 25 Prozent der deutschen Männer laut einer EU-Studie Vergewaltigungen unter bestimmten Voraussetzungen ok finden.

Natürlich ist es schlimm, wenn sich Frauen unsicher fühlen, und es gab auch Fälle, in denen Flüchtlinge übergriffig wurden. Und wenn diese Zahlen zunehmen, ist das ein Grund, über Zusammenhänge zu reden.

"Vielen Frauen ist mulmig", schreiben Sie. "Sie fürchten, durch ihr Auftreten falsche Signale auszusenden."

Wenn ich anderen Menschen von meiner Vergewaltigung erzähle, ist eine der ersten Fragen allzu oft: Was hattest Du an?

Nochmal: vor 14 Jahren - lange vor der Flüchtlingskrise.

Frauen hatten schon lange Grund genug, sich unsicher zu fühlen

Sexuelle Gewalt ist für Abertausende von uns ein Thema - Medien haben es nur selten aufgegriffen. Und - auch wenn sich das jetzt furchtbar anhört - Frauen hatten schon vor zehn Jahren Grund genug, sich auf deutschen Straßen unsicher zu fühlen.

Auch auf Straßen in einem gutbürgerlichen Viertel am Münchner Stadtrand.

Sie schreiben, es habe lange gedauert, bis Frauen "selbst entscheiden konnten, wie frei sie leben wollen, wo sie arbeiten und mit wem sie zusammen sein wollen. Zu diesem Lebensgefühl gehört auch, abends allein ohne Angst unterwegs sein zu können."

Ich weiß nicht, in welcher Welt Sie leben, aber in meiner haben viele Frauen mitunter Angst, wenn sie nachts allein unterwegs sind. Und das - wirklich - nicht erst seit zwei Jahren.

Jetzt wird auf einmal eine Welle gemacht

Der Grund, weshalb sich mehr Frauen auf einmal unsicher fühlen, so erkläre ich es mir, sind die vielen Berichte.

Vergewaltigungen auf Schulhöfen, in Schlafzimmern, auf Straßen oder in Clubs haben die Medien bislang wenig interessiert - jetzt reiten sie die Welle.

Nun fühlen sich die Frauen, die Sie, Frau Heidenreich, schützen wollen, noch unsicherer. Und sie verbinden diese Unsicherheit mit Flüchtlingen.

Nun bekommt unsere Angst vor sexueller Gewalt also endlich Aufmerksamkeit. Leider, so wirkt es jedenfalls, weil es dieses Mal nicht um den deutschen Mann geht, sondern den bösen Ausländer.

Mehr zum Thema: Flüchtlinge und sexuelle Übergriffe: Wo ist der Zusammenhang?

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