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Liebe Frauen, hört auf zu lügen, wenn Männer euch anmachen

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mihailomilovanovic via Getty Images
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Ich sitze im Bus, bin auf dem Heimweg. Es ist dunkel. Ich komme aus der Arbeit - Spätschicht. Ein junger Mann schaut mich die ganze Zeit an. Als ich an meiner Haltestelle ankomme, steigt er mit mir aus.

"Du bist mir aufgefallen und ich finde dich sehr hübsch. Hast du Lust, mit mir mal einen Kaffee trinken zu gehen?", sagt er, als wir nebeneinander an der Ampel stehen.

Er ist nett, höflich. "Es tut mir leid, ich habe einen Freund", antworte ich. Und merke, wie erleichtert ich bin, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht lügen muss. Denn diese Antwort ist meine Standard-Antwort, wenn mich ein Mann nicht interessiert - egal, ob ich einen Freund habe oder nicht.

Ich gehe also guten Gewissens - ich habe ja schließlich die Wahrheit gesagt - nach Hause. Der Mann akzeptiert die höfliche Abfuhr. Alles richtig gemacht, denke ich mir.

Aber stimmt das wirklich?

Selbst wenn ich zu diesem Zeitpunkt nicht in einer Beziehung gewesen wäre - ich hätte trotzdem kein Interesse an ihm gehabt. Wieso kann ich das nicht einfach so sagen?

Männer akzeptieren einen anderen Mann mehr als den Wunsch von Frauen

Ich bin nicht allein mit meiner "Sorry, ich haben einen Freund"-Ausrede. Fast alle Frauen, die ich kenne, nutzen den Satz. Quasi als Standard-Korb auf eine Anmache von einem Mann, der sie nicht interessiert.

Die meisten Männer akzeptieren das. Lassen uns in Ruhe, respektieren, das wir schon "vergeben" sind. Wir "gehören" einem anderen Mann. Und dem kommt Mann schließlich nicht ins Gehege.

Offenbar akzeptieren Männer das leichter, als zu respektieren, wenn Frauen einfach kein Interesse an ihnen haben. Denn: Viele Männer hören nicht auf zu graben, wenn Frauen einfach nur "Nein" sagen. Sie denken anscheinend, man könnte Frauen immer irgendwie rumkriegen.

Ist ein Partner meine einzige Berechtigung, kein Interesse zu haben?

Was passieren kann, wenn wir einfach nur "Nein" sagen, hat meine Kollegin Uschi Jonas kürzlich aufgeschrieben. Der Mann beschimpfte sie wüst. Sie sei "keine richtige Frau". Auch ich habe gerade erst Ähnliches erlebt. Der Mann kam trotz lautem und deutlichem "Nein" immer näher. Er hörte erst auf, als ein weiterer Mann dazukam.

Wenn Frauen einen Partner vorschieben, ist die Chance, dass es nicht soweit kommt, zumindest größer. Denn den betrügt die brave Partnerin natürlich nicht. Das wird dann auch oft mit "wenigstens bist du treu" honoriert.

Aber ich frage mich: Wie irre ist es eigentlich, dass nicht nur die Männer sondern auch wir Frauen einen Partner vorschieben, wenn wir schlicht kein Interesse an einem Mann haben?

Ist es denn wirklich meine einzige Berechtigung, wenn ich mit jemandem keinen Sex haben will, dass ich damit einen anderen Menschen betrügen würde?

Auf lange Sicht richten wir Schaden an

Wir sind so sozialisiert, dass es offenbar nicht in Ordnung ist, einen Mann abzulehnen, weil er für uns uninteressant ist. Dass wir unseren Wert und die Wünsche, die wir haben dürfen, über einen Mann definieren. Damit zementieren wir selber antiquierte Rollenbilder, die wir doch eigentlich loswerden wollen.

Natürlich - wir schaffen uns damit vielleicht einen dieser lästigen, kein Nein akzeptierenden geifernden Typen leichter vom Hals.

Für den Moment kann das gut sein - auf lange Sicht jedoch richten wir Schaden an, wenn wir uns an Lügen bedienen müssen. Und selbst wenn es keine Lüge ist: Sind wir wirklich eine Begründung schuldig, wenn uns jemand auf der Straße, im Supermarkt oder im Club anspricht, den wir nicht wollen?

Nein, finde ich.

Wir machen uns selbst klein mit unserer Ausrede

Wir werden Geschlechter-Klischees niemals aus den Köpfen bekommen, wenn wir uns ihnen unterordnen. Wir machen uns klein, wenn wir lügen müssen, wenn wir einen imaginären oder auch nicht imaginären Freund vorschieben und ihn selbst als wichtiger hinstellen als unser eigenes Interesse, als unsere eigenen Wünsche.

Nicht wir sind schuld, wenn uns ein Mann nach einem "Nein, kein Interesse" nicht in Ruhe lässt. Sondern die Männer sind es. Männer müssen endlich akzeptieren, dass an dem grauenvollen und gefährlichen Vorurteil, dass Frauen immer das Gegenteil von dem was sie sagen, wollen, nichts dran ist.

Und wir Frauen können das unterstützen. Indem wir in Zukunft, wenn uns ein Mann, den wir nicht wollen, irgendwo anspricht einfach sagen: "Nein, ich habe kein Interesse".

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