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Das passiert im Gehirn von Kindern, wenn wir sie loben

16/11/2017 12:22 CET | Aktualisiert 29/11/2017 16:22 CET
Juanmonino via Getty Images

"Kinder brauchen Lob", hören Eltern immer wieder, und in manchen Ratgebern wird den Lesern sogar die Frage gestellt: "Wie oft haben Sie Ihr Kind heute schon gelobt?"

Ja, Kinder brauchen ein starkes Selbstbewusstsein, um gut durchs Leben zu kommen und Herausforderungen zu meistern. Aber was bewirkt häufiges Loben eigentlich tatsächlich, was geschieht, wenn wir unsere Kinder loben, so wie wir einen Hund kraulen, wenn er brav war?

Wenn Kinder Belohnungen für ein bestimmtes Verhalten oder eine erbrachte Leistung erhalten, ist dies aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht sinnvoll. Belohnungen

• sind ein Misstrauensvotum für das Kind - Botschaft: Du kannst es nicht ohne. Ich traue es dir nicht zu;

• halten das Kind unselbstständig - Botschaft: Nur durch ein Signal von außen erreichst du etwas;

• sind Motivation von außen - Botschaft: Du hast selbst keinen Antrieb, um etwas zu erreichen.

Stellen Sie sich vor, Ihr Mann oder Ihre Frau würde Sie jedes Mal, wenn Sie etwas "richtig" oder "gut" gemacht haben, belohnen: Nach dem Kochen, Aufräumen oder Putzen gibt es jedes Mal ein Sternchen. Und bei fünf Sternchen einen Blumenstrauß.

Klingt gar nicht so schlecht? Was jedoch passiert: Die Beziehung wird unpersönlich, das alltägliche Miteinander verkommt zum Tauschgeschäft. Kinder stellen sich schnell auf diese Form der Beziehung ein und fragen: "Was bekomme ich dafür, wenn ich den Tisch abwische, wenn ich dir einen Gefallen tue ...?" Das heißt, sie erwarten für alles, was sie tun, eine Belohnung oder eine Gegenleistung.

Wenn wir Kinder loben und belohnen, kommt der "innere Motor" der Kinder ins Stocken, und es entsteht eine fragwürdige emotionale Abhängigkeit, die das Kind unselbstständig hält und daran hindert, eigene Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen.

Kinder streben nach Verantwortung und Selbstständigkeit

Wenn wir ein Kind zum Beispiel belohnen, weil es im Haushalt hilft, vermitteln wir ihm die Botschaft: "Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass wir uns gegenseitig helfen." Doch Kinder streben nach Verantwortung und Selbstständigkeit. Sie wollen sich nicht wegen uns alleine anziehen, nicht für uns Fahrradfahren lernen, sondern weil sie es aus sich heraus wollen, weil sie selbstständig werden und wie andere Kinder sein möchten.

Wenn ein Kind in seiner Entwicklung für bestimmte Schritte bereit ist, wird es diese auch tun und beispielsweise trocken werden. Wir sollten sein eigenes inneres Bedürfnis danach nicht durch Belohnung des von uns erwünschten Verhaltens oder durch elterliche Bestechung ersticken oder manipulieren.

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Eine Gefahr besteht zudem darin, dass sich bei einem Kind durch beständiges Loben und Belohnen die Einstellung bilden kann, es müsse nichts tun, wenn es keine Belohnung dafür gibt. Ein Eigentor für die Eltern und fatal für die Kinder.

Denn die persönliche, emotionale Beziehungsebene tritt im Zuge dessen immer mehr in den Hintergrund. Kinder werden so also nicht nur in ihrer Entwicklung zur Selbstständigkeit gehemmt, sondern laufen Gefahr, durch diese Erfahrungen in anderen Beziehungen (etwa zu Mitschülern oder Sportfreunden) eher berechnend und strategisch zu agieren statt hilfsbereit und empathisch.

Was Belohnungssysteme im Gehirn bewirken

Beim Lernen und wenn wir Erfahrungen in der Welt machen, belohnt sich das Gehirn für jeden Erfolg selbst. Ein spannendes Phänomen, dem die Forscher weltweit auf der Spur sind.

Wenn dieses Belohnungssystem im Gehirn - eine bestimmte Region des Mittelhirns - besonders angesprochen wird, werden die Nervenzellen dort aktiviert und schütten den Botenstoff Dopamin aus.

Immer wenn wir etwas erreicht haben, findet in unserem Gehirn eine Dopaminausschüttung statt, die uns ein Glücksgefühl verschafft: die Freude über den Erfolg. Und weil sich das so gut anfühlt, verlangen die Hirnzellen nach mehr Erfolg, mehr Dopamin.

Der eigene innere Antrieb, etwas erreichen zu wollen, und die Art und Weise der Motivation spielen hier - gerade auch in der Entwicklung von Kindern - eine wichtige Rolle.

Die Erfahrung zeigt nämlich, dass Erfolge, die an eine Belohnung (etwa an Süßigkeiten) geknüpft sind - also durch eine Motivation von außen entstanden sind -, nur eine sehr kurzfristige Dopaminausschüttung herbeiführen und wenig nachhaltig sind.

Wenn jedoch der Erfolg aus der eigenen inneren Motivation heraus entstanden ist, ist die Freude tiefer, und das Gefühl wird insgesamt als nachhaltiger erlebt. So speist sich das Selbstwertgefühl aus genau diesem eigenmotivierten Erfolg, verankert sich tief im Gehirn und lässt Menschen innerlich wachsen.

Die Entwicklungspsychologie geht davon aus, dass Kinder von sich aus selbstständig werden und aus sich heraus selbst handeln wollen. Sie tragen also den Motor für ihre Entwicklung in sich und benötigen keine Motivation von außen.

Das Verführerische an Belohnungsmaßnahmen und -systemen ist allerdings, dass sie wie die Androhung von Strafen und Konsequenzen häufig funktionieren. Ich kann gut verstehen, dass Eltern vorsichtshalber lieber kontrollieren, und ich weiß, wie schwer es ist, loszulassen und in die Fähigkeiten seiner Kinder zu vertrauen.

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Häufig werden wir von außen auch noch dazu angehalten, unsere Kinder intensiver zu überwachen und noch besser zu überprüfen. Es genügt schon ein Elternabend oder die Bitte des Lehrers, mehr darauf zu achten, dass das vollständige Arbeitsmaterial im Schulranzen ist und die Hausaufgaben ordentlich gemacht sind.

Das Selbstwertgefühl kann nicht gesund wachsen

Schon reagieren wir mit strafenden oder die Kinder vermeintlich stärkenden Erziehungsmethoden, um die "Sache in den Griff" zu bekommen. Doch sowohl Kontrolle als auch Belohnung verschaffen uns Eltern nur kurzfristig ein gutes Gefühl - auf Kosten der Beziehung.

Unser Vertrauen ist für Kinder und ihre Entwicklung in jeder Hinsicht besser. Denn wenn wir unsere Kinder kontrollieren und belohnen, agieren sie irgendwann nicht mehr aus sich selbst heraus. Ihr eigener "Entwicklungsmotor" gerät ins Stocken, sie verlassen sich mehr und mehr auf den "Außenmotor", auf Motivation von außen.

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Eigene Impulse werden aufgegeben und verkümmern. Außerdem bewegen wir uns mit dem System "Kontrolle oder Belohnung" rein auf der Verhaltensebene. Der Wert und die Persönlichkeit des Menschen geraten in den Hintergrund. Es werden also nicht nur Eigenständigkeit und Selbstmotivation beeinträchtigt, auch das Selbstvertrauen und das so wichtige Selbstwertgefühl können nicht gesund wachsen.

Belohnungen sind ein manipulativer Umgang mit Kindern und letztlich eine Form der Bestrafung. Denn lassen wir die Belohnung weg, kommt das einer Strafe gleich.

Wenn wir nun das oben Dargestellte berücksichtigen, wird deutlich, dass ein strafender, sanktionierender Umgang nicht nur die Beziehung zu unseren Kindern vergiftet, sondern auch deren Entwicklung beeinflusst und beeinträchtigt. Viele Eltern möchten es meiner Erfahrung nach daher anders machen. Und viele wagen den Aufbruch - es lohnt sich.

Der Beitrag ist ein Auszug aus Kindheit ohne Strafen. Neue wertschätzende Wege für Eltern, die es anders machen wollen von Katharina Saalfrank.

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