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Warum meine Tochter ihr Spielzeug nicht teilen muss

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CHILDREN ANGRY
Liderina via Getty Images
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Ich sitze auf dem Spielplatz bei uns um die Ecke. Meine zweieinhalbjährige Tochter spielt im Sand - neben ihr steht ihr Tretroller. Sie hat ihn zu Weihnachten bekommen.

Wenn wir das Haus verlassen, nimmt sie ihn immer mit. Mittlerweile kann sie richtig gut fahren. Der Roller ist zu ihrem Lieblingsspielzeug geworden.

Das Tor geht auf. Eine Mutter aus unserer Kinderkrippe kommt mit ihrem Sohn hinzu. Die Kinder kennen sich schon seit einem Jahr. Sie setzen sich zu uns, packen ihre Förmchen, Schaufeln und Eimer aus und die Kinder fangen an, Sandkuchen zu backen.

Levin entdeckt den Roller meiner Tochter, stellt sich drauf und will losfahren. Meine Tochter sieht das und bekommt einen Wutanfall. „Mein Roller - ich will das nicht", schreit sie und weint. Sie versucht, ihm den Roller aus der Hand zu reißen.

Ich sage ihr, dass er sich den Roller ja nur einmal kurz ausleihen will und ihn sicher gleich zurückbringt. Doch ich merke: Sie will ihn auf keinen Fall hergeben.

Ich finde, du kannst deine Spielsachen ruhig teilen

Levins Mutter versucht, auf meine Tochter einzureden. „Er will dir doch den Roller nicht wegnehmen, er will ihn sich doch nur mal ausleihen", sagt sie. „Außerdem darfst du mit unseren Sachen doch auch immer spielen. Ich finde, du kannst deine Sachen ruhig auch teilen."

Auch ich versuche meine Tochter zu überzeugen, dass sie ihren Roller teilen soll. Doch währenddessen frage ich mich: Warum zwinge ich eigentlich meine Tochter dazu, etwas zu teilen, dass sie einfach nicht teilen will? Muss sie wirklich alles teilen? Nein!

Mehr zum Thema: Ein Hirnforscher erklärt, was Kinder mehr als alles andere von ihren Eltern brauchen

Forscher geben mir in dieser Ansicht Recht. Schon 2012 hat Nikolaus Steinbeis im Rahmen einer Studie des Leipziger Max-Planck-Instituts (MPI) für Kognitions- und Neurowissenschaften herausgefunden, dass Kinder erst mit zunehmendem Alter bereit sind zu teilen.

Ihr Gehirn ist vorher noch nicht ausreichend entwickelt - genau genommen der präfrontale Kortex, eine Hirnregion, die für die Verhaltenskontrolle zuständig ist.

Erst im Kindergartenalter entsteht überhaupt die Bereitschaft zu teilen. Doch sogar in der Grundschule fällt es vielen Kindern noch schwer - und das ist ganz normal. Dieses Verhalten hat nichts mit Egoismus zu tun.

Erst im Grundschulalter können über die Hälfte der Kinder teilen

Die Wissenschaftler Ernst Fehr, Helen Bernhard und Bettina Rockenbach von der Universität Zürich kamen sogar noch zu genaueren Ergebnissen.

Die meisten Kinder zwischen drei und vier Jahren verhalten sich überwiegend egoistisch - nur 20 Prozent waren in ihrer Untersuchung zum Teilen bereit. Im Altern von sieben bis acht Jahren waren das schon 60 Prozent. Trotzdem: Selbst im Grundschulalter teilen längst nicht alle bereitwillig.

Warum machen wir Eltern dann eigentlich immer so einen Stress, wenn unser Kind seine Schaufel, seinen Eimer oder eben seinen Roller nicht teilen will? Und das mit zwei oder drei Jahren?

Das wahre Problem sind doch eigentlich wir Eltern. Wir haben Angst, dass andere denken, unser Kind sei asozial. Hat keinen Sinn für ein Miteinander. Ist schlecht erzogen. Kann nicht teilen.

Wir mischen uns ständig in die Konflikte unserer Kinder ein, denken irgendetwas regeln zu müssen. Und wenn unser Kind etwas tut, das wir nicht als sozial erachten, dann müssen wir sofort eingreifen. Ermahnen, erziehen, erklären.

Ob das was bringt? Ich glaube nicht. Ein Verhalten erzwingen - das funktioniert nicht. Kinder lernen nicht, indem wir sie unter Druck setzen. Sie lernen nur, wenn wir ihnen das gewünschte Verhalten vorleben.

"Vorleben ist besser als vorlabern", sagt auch der Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge bei einem Vortrag an einer Schule zum Thema "Kommunikation zwischen Eltern und Kindern".

Mein Kind muss nicht Bitte und Danke sagen

Mit Bitte und Danke sagen, ist es genauso. Wenn ich als Mutter Bitte und Danke sage, dann wird das mein Kind früher oder später auch tun. Es immer zu zwingen, sich für ein Bonbon zu bedanken, finde ich total unsinnig.

Mehr zum Thema: Ich zwinge meine Kinder nicht, Bitte und Danke zu sagen

Entweder sie sagen Danke, weil sie es von selbst wollen, oder sie sagen es eben nicht. Und so ist es auch mit dem Teilen. Wenn sie etwas nicht teilen wollen, dann muss das Gegenüber diese Entscheidung auch akzeptieren und damit klarkommen. Und das tun Kinder erstaunlich gut.

Denn meistens erledigen sich die Konflikte zwischen ihnen von selbst. Sogar viel schneller, als wenn wir uns ständig einmischen.

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„Falls du es nicht ertragen kannst, wenn die Kinder Konflikte haben, versuche, die Szenerie zu verlassen", sagt der renommierte Familientherapeut Jesper Juul. Oft werden Streitigkeiten zwischen Kindern nur so groß, weil wir Erwachsenen sie nicht aushalten und schlichten wollen. Doch das ist meist kontraproduktiv. Außerdem müssen Kinder lernen, alleine Konflikte zu bewältigen.

Natürlich gibt es auch Grenzen. Und jedes Elternteil hat andere. Wenn meine Tochter haut und beißt, würde ich sie immer zur Seite nehmen und ihr erklären, dass das nicht in Ordnung ist. Doch zum Teilen will ich sie nie wieder überreden.

Als ich das nächste Mal mit ihr auf dem Spielplatz war und ein anderes Kind ihren Roller nehmen wollte, mischte ich mich nicht ein. Auch die andere Mutter war relativ zurückhaltend und gelassen.

Nach kurzem Gerangel gingen die beiden auseinander. Sie hatten den Konflikt alleine gelöst. Ohne Weinen oder Wutanfall.

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