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Liebe Mama, ich hatte ja keine Ahnung

14/08/2015 11:55 CEST | Aktualisiert 14/08/2016 11:12 CEST
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Liebe Mama,

wir hatten schon immer ein besonderes Verhältnis. Mutter und Tochter eben. Du warst eine Mama, wie sie im Bilderbuch steht. Und ich ein richtiges Mamakind.

Ich dachte immer, dass ich weiß, wie sehr du mich liebst und was du für mich getan hast. Doch ich hatte keine Ahnung.

Seit knapp einem Jahr bin ich selbst Mama einer Tochter. Und seitdem verstehe ich einiges besser.

Liebe Mama,

wir haben viele Jahre lange jede Nacht nebeneinander geschlafen, eng umschlugen. Du hast mich beruhigt und getröstet, wenn ich nicht schlafen konnte. Und mit mir sogar Spiele gespielt, wenn ich nicht müde war. So viele Nächte hast du mir deine Energie und Liebe geschenkt.

Jetzt weiß ich, was es bedeutet, für sein Kind jede Nacht da zu sein.

Du hast mir geholfen, Laufen zu lernen, hast tausende Mal mit mir Verstecken gespielt, bist mit mir Wandern gegangen, hast mir Schwimmen beigebracht, hast mich ermutigt in die Schule zu gehen. Du hast mir Mut gemacht, die Welt zu erkunden.

Jetzt weiß ich, wie viel Liebe und Freude man empfindet, sein Kind wachsen zu sehen und es dabei zu begleiten.

Du hast mir immer deine volle Aufmerksamkeit geschenkt, mir immer zugehört. Nie warst du genervt. Nie war es zu viel. Du warst immer da und bist es noch heute.

Jetzt weiß ich, dass es sehr viel abverlangt, 24 Stunden lang die ganze Aufmerksamkeit auf dieses kleine und später große Wesen zu richten.

Du hast für deine Beziehung zu Papa gekämpft, auch wenn es dir oft die allerletzte Kraft gekostet hat. Du hast das auch für uns gemacht. Deine Kinder.

Jetzt weiß ich, wie viel Kraft es kosten kann, seine Beziehung am laufen zu halten, wenn man Kinder hat.

Du hast alle meine Lebensphasen mit mir geteilt, warst stark, als ich ein schrecklich pubertierendes Mädchen war. Von heute auf morgen wollte ich deine Nähe nicht mehr. Die Vorstellung, dass meine Tochter eines Tages keine Lust mehr auf mich hat, bricht mir jetzt schon das Herz. Ich habe es dir nicht immer leicht gemacht, doch du warst mein Anker, mein Fels in der Brandung. Hast dich nicht beirren lassen. Hast gegeben, auch wenn du nichts bekommen hast.

Jetzt weiß ich, was für ein Kraftakt es ist, wenn man selbst der Fels in der Brandung für seine Kinder sein muss.

Du hast mir immer zugehört, auch wenn ich nur Mist erzählt habe und dachte, dass ich die Weisheit mit dem Löffel gefressen habe. Du hast mir trotzdem Respekt und Toleranz geschenkt.

Jetzt weiß ich, dass es hart wird, in Diskussionen mit meinem pubertierenden Kind ruhig zu bleiben.

Du hast mich in die weite Welt geschickt, mich unterstützt als ich mit 18 mit dem Rucksack nach Australien wollte. Auch wenn du mich beim Abschied am liebsten festgehalten hättest, hast du mich ermutigt weiter zu gehen und die Welt zu erkunden. Zuhause hast du mich schrecklich vermisst, aber hast es dir keine Sekunde anmerken lassen.

Jetzt weiß ich, wie schwer es sein muss, sein Kind ziehen zu lassen. Das Kind, das du jahrelang umsorgt hast. Das Kind, das du so abgöttisch liebst, dass keine Worte reichen.

Du hast mich immer geliebt und wirst mich immer lieben.

Jetzt weiß ich, was Liebe ist. Liebe zum eigenen Kind kann man nicht beschreiben. Man kann es auch nicht nachempfinden, solange man nicht selbst Mama ist.

Wahrscheinlich wird auch meine Tochter irgendwann Mama sein. Und erst dann wird sie wissen, wie sehr ich sie liebe.

Liebe Mama, danke für all das und noch viel mehr.

Deine Tochter

Die Autorin betreibt Kathis Blog.


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