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Was kostet der Kirchenaustritt?

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Ich werde noch in dieser Woche aus der Kirche austreten. Diese Entscheidung zu treffen war nicht einfach. Nicht etwa aus religi├Âsen Gr├╝nden, sondern aus ganz praktischen ├ťberlegungen heraus. In Sachen Kirchenaustritt bin ich in guter Gesellschaft. In Deutschland ist die Zahl der Kirchenmitglieder seit den F├╝nfzigerjahren von 90 Prozent auf derzeit 58,8 Prozent gesunken. Doch wer denkt, mit der Kirchensteuer entziehe man der Kirche die finanzielle Unterst├╝tzung, der irrt. Das Schweigen der Politik zu den Sonderrechten der Kirchen muss gebrochen werden.

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Der zweitgr├Â├čte Arbeitgeber Deutschlands genie├čt Sonderrechte

Fakt ist: Wer aus der Kirche austritt, muss sich im Jahr 2014 nach Christus immer noch Gedanken ├╝ber die berufliche Zukunft machen. Denn mit einer Millionen Angestellten sind die gro├čen Kirchen nach dem Staat zweitgr├Â├čter Arbeitgeber in Deutschland. Bei vielen Taufen erwachsener Menschen spielt mittlerweile die Berufswahl eine tragende Rolle. Die passende Kirchenmitgliedschaft ist besonders in Schulen und Kinderg├Ąrten noch immer ein wichtiges Einstellungskriterium. Ganz offen kann die Kirche Bewerber ablehnen, die geschieden sind und sich in einer neuen Partnerschaft befinden oder in anderer Hinsicht nicht nach kirchlichen Moralvorstellungen leben.

Bei dem Arbeitsrecht der Besch├Ąftigten bei kirchlichen Tr├Ągern h├Ârt die N├Ąchstenliebe auf. Erst dank intensiver Anstrengungen von ver.di gibt es bei einigen Einrichtungen der Diakonie seit Neuestem echte Tarifvertr├Ąge mit Beteiligung von Gewerkschaften. Mittlerweile gilt das Streikverbot nicht mehr vollst├Ąndig und die Besch├Ąftigten der Kirchen d├╝rfen zumindest eingeschr├Ąnkt protestieren. Das sind alles Reformen, die durch Gewerkschaften und Gerichte erstritten wurden. Die auf antikem Recht beruhenden Sonderregelungen werden in der Politik fraktions├╝bergreifend nicht anger├╝hrt - man will es sich nicht mit den Kirchen verderben. Doch wer aus der Kirche austritt, um ein Zeichen gegen die Besch├Ąftigungspolitik der Kirchen zu setzen, wird wahrscheinlich nicht geh├Ârt werden.

Schule und Kita: Nachteile f├╝r angehende Eltern wegen Austritt

Besonders f├╝r angehende Eltern stellt der Kirchenaustritt eine schwerwiegende Entscheidung dar. Die Kirche ├╝bernimmt zahlreiche staatliche Aufgaben in der Bildung. Das Steuersystem beg├╝nstigt Einrichtungen in kirchlicher Tr├Ągerschaft, wodurch trotz sinkender Mitgliederzahlen der Kirchen der Anteil der kirchlichen Betreuungseinrichtungen hoch bleibt und sogar steigt. Auf meiner Grundschule hatten der katholische und evangelische Teil getrennt Pause.

In der ├Âffentlichen Wahrnehmung bezahlen die Kirchen diese sozialen Einrichtungen, Schulen und Kinderg├Ąrten. Das Meiste zahlt jedoch der Staat ├╝ber Steuereinnahmen, an denen alle B├╝rger beteiligt sind, unabh├Ąngig von deren Religion oder eben Religionslosigkeit. Der Anteil der Kirchen betr├Ągt je nach Tr├Ąger im Schnitt maximal 10 Prozent. Meist ist es noch weniger. Egal ob Pflege, Schule oder Kindergarten: Der Gro├čteil der Einnahmen kommt nicht aus der Kirchensteuer, sondern aus Steuern, die von der Allgemeinheit bezahlt werden.

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Ginge es hier um eine Unternehmensbeteiligung, m├╝sste der Staat das Sagen haben. Hat er aber nicht. Obwohl der Lohn von Krankenschwestern und Lehrern aus Steuergeldern finanziert wird, gibt die Kirche die Regeln f├╝r Arbeitsrecht und Religionsanteil im Unterricht vor. ├ťber die Aufnahme von Kindern f├╝r die begehrten Kindergartenpl├Ątze entscheiden die Tr├Ąger autonom. Trotz Kirchenaustritt finanziere ich also weiterhin kirchliche Tr├Ąger, auch wenn ich f├╝r meine Kinder konfessionslose Kitas und Kinderg├Ąrten bevorzugen w├╝rde. Und unter Umst├Ąnden ist es eines Tages von Nachteil, ausgetreten zu sein.

Nach dem Kindergarten geht das Spiel f├╝r Eltern von vorne los. Nicht immer ist eine konfessionslose Schule in Reichweite. Der Trend geht zur kirchlichen Tr├Ągerschaft. Meist hat dies steuerliche Gr├╝nde, denn die gro├čen Kirchen sind als K├Ârperschaften des ├Âffentlichen Rechts steuerlich deutlich besser gestellt als andere Schultr├Ąger. Wegen des besonderen kirchlichen Arbeitsrechts k├Ânnen sie Lohnkosten vergleichsweise gering halten und betreiben damit einen wenig christlichen Wettbewerb.

Auch bei Schulen mit kirchlichen Tr├Ągern wird ebenso wie bei Kinderg├Ąrten der L├Âwenanteil meist ├╝ber staatliche Zusch├╝sse, also durch Steuern, bestritten. Vom Steuerzahler finanziert wird auch der schulische Religionsunterricht in konfessionslosen Schulen. Trotz Kirchenaustritt bezahle ich daher weiterhin via Steuern zahlreiche konfessionsgebundene Schulen und den Religionsunterricht, den ich selbst seinerzeit zugunsten von Mathe-Zusatzunterricht abgew├Ąhlt habe.

Die verschleppte Trennung von Kirche und Staat kostet Milliarden

Wer im Zuge der Debatte um Tebartz-van Elst in der Hoffnung ausgetreten ist, der Kirche so die finanzielle Unterst├╝tzung zu entziehen, irrte leider. Das Gehalt hoher kirchlicher W├╝rdentr├Ąger zahlen wir trotz Kirchenaustritt durch Steuern weiter. Es gelten jahrhundertealte ÔÇ×Ausgleichszahlungen". Insgesamt zahlte der Staat allein 2009 mehr als 400 Mio. Euro f├╝r die Geh├Ąlter von Bisch├Âfen und anderen kirchlichen W├╝rdentr├Ągern. Diese Sonderzahlungen gehen auf alte Vertr├Ąge zwischen Staat und Kirche aus dem 19. Jahrhundert zur├╝ck. Es ist eine Art Abfindung, die seit Generationen fortgef├╝hrt wird. Der Auftrag, diese alten Vertr├Ąge durch die Landesgesetzgebung abzul├Âsen, der aus der Weimarer Verfassung unter Artikel 140 in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ├╝bernommen wurde, wartet noch heute, fast 100 Jahre sp├Ąter, auf seine Umsetzung. Die verschleppte Trennung von Kirche und Staat kostet den Steuerzahler Milliarden. Egal ob man Kirchenmitglied ist oder nicht: Bischofsgeh├Ąlter werden weiter aus dem Staatss├Ąckel, also von jedem mitfinanziert.

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Wir k├Ânnen nicht austreten, so lange der Staat es nicht tut

Der Kirchenaustritt ist in den meisten Bundesl├Ąndern nicht kostenlos. In Niedersachsen beispielsweise kostet die K├╝ndigung dieses unm├╝ndig geschlossenen Vertrags 25 Euro. Trotz Austritt bleiben viele Fragen offen. Warum finanziert der Staat immer noch Bischofsgeh├Ąlter und die religi├Âsen Ausbildungen? Warum gibt in sozialen Einrichtungen der Kirchen nicht das allgemeine Arbeitsrecht die Regeln vor? Warum f├Ârdert das Steuerrecht heute ├╝berhaupt noch die zunehmende Delegation staatlicher Aufgaben an Kirchen - trotz des rapiden Schwundes bei den Mitgliederzahlen? Bei vielen wichtigen Aufgaben wie Bildung und Pflege stellt sich die Frage, warum die Religion ├╝berhaupt mit im Spiel sein muss. Ich m├Âchte sp├Ąter nicht auf ein Altersheim in kirchlicher Tr├Ągerschaft angewiesen sein.

Allein wegen des schlechteren Arbeitsrechts, das f├╝r die Menschen gilt, die mich einmal pflegen werden. Ich habe meine Gr├╝nde, aus der Kirche auszutreten. Viele andere haben ihre Gr├╝nde, in der Kirche zu bleiben. Doch den Verflechtungen zwischen Kirche und Staat kann sich keiner entziehen. Jeder ist frei an das zu glauben, was er will. Aber ich habe nicht die freie Wahl, der Organisation Kirche meine Unterst├╝tzung entziehen zu k├Ânnen. Bis Religion Privatsache und nicht mehr Teil des Staatsauftrages ist, steht uns noch ein langer Weg bevor. Mit einem Kirchenaustritt ist es im Jahr 2014 nach Christus leider nicht getan. Es ist und bleibt eine politische Frage.

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