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Marburger Konzentrationstraining: Das kann es bewirken

23/11/2015 15:14 CET | Aktualisiert 23/11/2016 11:12 CET
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Die Autoren des Marburger Konzentrationstrainings (MKT) Krowatschek, Krowatschek und Reid (2011) benennen als Zielgruppe ihres Verfahrens nicht explizit Kinder und Jugendliche mit der klinischen Diagnose einer Aufmerksamkeitsstörung.

Vielmehr richtet sich das Training an alle Kinder, die durch einen planlosen und oberflächlichen Arbeitsstil auffallen. Die Autoren unterteilen ihr Trainingsprogramm in unterschiedliche Ausführungen je nach Alter in Trainings für Kindergarten- und Vorschulkinder, für Schulkinder und speziell für Jugendliche.

Ausgelegt ist das Programm als Gruppentraining für bis zu fünf Kinder bzw. Jugendliche, kann aber auch als Einzelintervention durchgeführt werden.

Arbeit mit der Selbstinstruktion

In sechs bis acht Trainingseinheiten wird methodisch mit der Selbstinstruktion gearbeitet, indem stufenweise die Selbstkontrolle durch verinnerlichte verhaltenssteuernde Anweisungen erlernt wird (Hänig, 2010; Hahnefeld & Heuschen, 2009).

Zusätzlich gibt es regelmäßig Elterntrainings, sowie häusliche Aufgaben für die Kinder in Form von Übungsblättern. Das Besondere an diesem Programm ist der Einsatz von videografiertem Material, welches die Eltern zwischen dem ersten und zweiten Elternabend aufnehmen sollen.

Gezeigt werden soll dabei die Eltern-Kind-Interaktion während einer typischen Hausaufgabensituation (Hänig, 2010). Zielsetzungen des Marburger Konzentrationstrainings sind:

Erhöhung der Selbststeuerung und Selbstständigkeit,

Planvolles systematisches Bearbeiten von Aufgaben,

Methode: inneres Sprechen (vermindert träges Wissen),

instabiles Leistungsverhalten verbessert sich,

einfache Aufgaben = Motivation wird gefördert,

reflexiver Arbeitsstil statt impulsivem Vorgehen,

vernünftiger Umgang mit Fehlern,

Verbesserung der Leistungsmotivation,

Zutrauen in eigenes Können,

Stärkung der Eltern,

Verbesserung der Eltern-Kind-Interaktion.

Es werden folgende Methoden eingesetzt:

Verbale Selbstinstruktion,

Übungen für Feinmotorik,

Wahrnehmung,

Merk- und Denkfähigkeit sowie Arbeits- und Langzeitgedächtnis,

Regeln durch Gruppeninteraktion,

Techniken der Verhaltensmodifikation

Weitere Methoden stammen aus der kognitiven Verhaltenstherapie und beziehen sich auf positive Verstärkung, Loben (auch bei Kleinigkeiten), Verstärkerpläne (Token-System), Ignorieren mit positivem Modell und Time-out (zwei Ermahnungen, dann Auszeit). Die verbale Selbstinstruktion ist zentral im Programm von Krowatschek und Kollegen (2011).

Die Vermittlung der Methode verläuft in fünf Schritten:

1. Modell-Lernen (der Trainer führt vor, indem er eine Aufgabe bewältigt und sich laut selbst instruiert)

2. Fremdsteuerung (die Kinder bewältigen die Aufgabe und der Trainer diktiert die Aufgabenbearbeitung)

3. lautes Denken (die Kinder führen allein Aufgabe durch und sprechen dabei laut, was sie machen)

4. leise Selbstinstruktion (Die Kinder flüstern ihre Selbstinstruktion)

5. inneres Sprechen oder Selbstinstruktion (die Kinder denken ihre Selbstinstruktion).

Die Übungen dazu nennen sich „Strichmuster fortsetzen" und „Konzentriert geht's wie geschmiert" und finden sich in jeder Einheit.

Die Stunden des MKT sind hinsichtlich ihrer Durchführung immer gleich strukturiert und die einzelnen Themen finden entweder im Stuhlkreis, frei im Raum oder am Tisch statt:

Dynamische Übung (Spiel) und Entspannung,

Übungen zum inneren Sprechen I („Strichmuster fortsetzen"),

Übungen zur Förderung der Wahrnehmung und Merkfähigkeit (beispielsweise Kim-Spiel),

Übungen zum inneren Sprechen II („Konzentriert gehts wie geschmiert") und

freies Spiel.

Wissenschaftliche Belege

Das Marburger Konzentrationstraining wird seit 1990 wissenschaftlich begleitet und in Zusammenarbeit mit dem Psychologischen Institut der Phillips-Universität Marburg evaluiert. Die bisher evaluierten Forschungsprojekte konnten insgesamt positive Ergebnisse bezüglich der Selbststeuerung und des Leistungsverhaltens der mit dem MKT trainierten Kinder zeigen (Krowatschek, Krowatschek, und Reid, 2011).

Insgesamt sind die im Folgenden aufgeführten Ergebnisse aber mit Vorsicht zu interpretieren, denn es gibt bisher nur eine Studie, die mit einer Kontrollgruppe durchgeführt wurde.

Da diese eine grundlegende Bedingung für wissenschaftliche Gütekriterien ist, können an dieser Stelle lediglich Ergebnisse der Studien dargestellt werden, ohne Bezug auf Reliabilität, Validität oder Objektivität.

Bei den Studien handelt es sich in erster Linie um unveröffentlichte Diplomarbeiten, deren Ergebnisse im Manual von Krowatschek und Kollegen (2011) zu finden sind.

Gita Krowatschek, die gemeinsam mit Dieter Krowatschek und Caroline Reid das Marburger Konzentrationstraining entwickelte, untersuchte ihr Programm in ihrer Diplomarbeit und konnte deutliche Veränderungen bezüglich der Gesamt­auffälligkeit und des Leistungsverhaltens der trainierten Kinder nachweisen.

Insgesamt zeigten die Kinder positive Veränderungen hinsichtlich der emotionalen Situation und nach Elternangaben reduzierte sich die Gesamtauffälligkeit bei 77 % der trainierten Kinder. Das Leistungsverhalten dieser Kinder stabilisierte sich bei 83 % und es gab eine Abnahme der emotionalen Labilität bei 66 % der genannten Kinder.

Allerdings blieben trotz dieser hohen Zahlen die Kinder mit Schwierigkeiten im Vergleich zu nicht problematischen Kindern auffällig (Krowatschek et al., 2011).

In einer Arbeit von Maike Claes konnte gezeigt werden, dass Kinder, die mit dem Marburger Konzentrationstraining arbeiten, auch positive Entwicklungen in der Hausaufgabensituation zeigen. Nach dem Training arbeiten die Kinder zielgerichteter und selbstständiger.

Darüber hinaus veränderte sich das emotionale Klima während der Erledigung der Hausaufgaben (Krowatschek et al., 2011).

Eine Versorgungsstudie zum Marburger Konzentrationstraining bei Grundschulkindern mit Symptomen einer Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung stammt von Hahnefeld und Heuschen (2009).

In dieser Studie zeigten sich eine signifikante Verringerung der Symptome der Unaufmerksamkeit und zusätzlich eine erhöhte Selbstständigkeit in der Hausaufgabensituation (Hahnefeld & Heuschen, 2009).

Die Autoren beschäftigten sich unter anderem in ihrer Studie mit der Frage, ob das MKT als relativ kurze, niederschwellige und ökonomische Intervention eine gute längerfristige Generalisierung der Effekte auf den Alltag zulässt.

Tatsächlich zeigte sich, dass die durch das Training bewirkten Besserungen auch über den Zeitraum der Intervention bestehen blieben und das Training von Kind und Bezugspersonen hinsichtlich unterschiedlicher Lebensbereiche als sehr positiv beschrieben wurde (Hahnefeld & Heuschen, 2009).

Mit einer Stichprobe von n = 99 für einen Prä-post-Vergleich und mit n = 40 in einem Follow-up konnten sie die Wirksamkeit einer insgesamt sechswöchigen Kurzintervention mit dem Schwerpunkt der Vermittlung von Selbstinstruktionstechniken nachweisen.

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