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Was ich den zwei Frauen mit Kopftuch sagen will, die auf meine dreijährige Tochter aufpassen

06/12/2017 16:03 CET | Aktualisiert 07/12/2017 12:23 CET
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Ich bin schockiert. Seit zwei Monaten arbeitet ihr, Mina* und Yara*, in dem Kindergarten meiner Tochter. Doch erst jetzt habe ich erfahren, warum ihr bei uns seid.

Ihr tragt Kopftuch, denn ihr seid Musliminnen. Ihr macht eine Ausbildung zur Kinderpflegerin. Freitag ist euer Praktikumstag, den ihr in unserer Kita verbringt.

Die Kinder fanden euch sofort toll. Ich habe gehört, dass die Mädchen auch Kopftücher tragen wollten, als sie euch zum ersten Mal sahen. Ihr habt ihnen dann Tücher um den Kopf gelegt und die Kinder konnten sich im Spiegel bewundern.

Obwohl ihr nur einmal pro Woche da seid, konnte sich meine dreijährige Tochter eure Namen gleich merken. Ich weiß, dass sie euch richtig gerne mag.

Ich weiß, wie grausam Menschen sein können

Sie hat keine Vorurteile. Sie versteht noch nicht, was Fremdenfeindlichkeit bedeutet. Sie kann sich noch nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die euch wegen des Kopftuchs nicht mögen oder sogar beschimpfen.

Aber ich kann es mir vorstellen. Ich weiß, wie grausam Menschen sein können. Dennoch war ich schockiert, als ich hörte, was ihr hinter euch habt.

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Bevor ihr verzweifelt bei uns in der Einrichtung angerufen habt, hattet ihr euch bei einem Kindergarten beworben, der mehrere Standorte in München hat. "Ich habe bei Frau Gruber*, der Leitung, angerufen und gefragt, ob noch Praktikumsplätze frei sind", erzählst du mir, Mina.

"Frau Gruber sagte, dass noch viele Plätze frei seien und dass wir ihr noch an diesem Tag unseren Lebenslauf zuschicken sollten", erzählst du. Für euch habe es sich so angehört, als ob ihr die Stelle schon in der Tasche hättet und nur noch Formalien zu klären seien.

Ständig wurdet ihr vertröstet

Am Ende des Gesprächs habe sie gesagt, dass sie sich umgehend bei euch melden würden.

Doch sie meldete sich nicht.

Nachdem ihr mehrmals angerufen hattet, ging Frau Gruber endlich ans Telefon. Sie sagte, dass sie die Unterlagen erst einmal in Ruhe ansehen müsse und sich dann bei euch melden würde, erzählt ihr mir.

Danach habt ihr jeden Tag versucht, eine Antwort zu bekommen. Ohne Erfolg. Ihr wurdet ständig vertröstet.

"Haben Sie ein Problem mit Kopftüchern?"

Nach vielen Tagen hat man euch dann gesagt, dass es keinen Platz mehr gebe, dass die Einrichtung die letzten Praktikumsplätze am Freitag an andere Bewerber vergeben habe.

Ihr konntet das nicht glauben.

"Bis zu diesem Zeitpunkt hatte nur Mina Kontakt mit der Leitung", erzählst du, Yara, mir. "Frau Gruber kannte die Stimme von mir nicht. Deswegen nahm ich das Telefon in die Hand und rief bei ihr an."

Yara meldete sich mit deutschem Namen und in perfektem Deutsch. Sie sagte ihr, dass sie auf der Suche nach einem Praktikumsplatz sei.

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"Frau Gruber antwortete mir sehr freundlich, dass es noch ausreichend Plätze gebe und ich mich gerne bewerben könne", erzählst du.

Weil dich die unterschiedlichen Aussagen stutzig machten, hast du Frau Gruber gefragt, ob sie ein Problem mit Kopftüchern habe.

Bis Frau Gruber mit einem unsicheren "Nein" antwortete, verstrichen einige Momente. Und während dieser stillen Momente wurde euch klar, dass euer Kopftuch der Grund ist, warum ihr den Praktikumsplatz nicht bekommen habt.

Ich schäme mich für meine Mitbürger

Die Frage "Haben Sie ein Problem mit Kopftüchern?" habt ihr seither bei jeder Bewerbung gestellt. Dabei musstet ihr erfahren, dass Frau Gruber nicht die Einzige ist, die etwas dagegen hat.

Eines Tages klingelte dann bei uns in der Einrichtung das Telefon. Unsere Erzieherin Anna* hob ab. Auch Anna habt ihr dieselbe Frage gestellt wie allen anderen. Doch sie versuchte euch nicht mit faulen Ausreden loszuwerden. Sie fragte euch, wann ihr zum Vorstellungsgespräch kommen könnt.

Dass ihr solch eine Frage stellen müsst, bevor ihr überhaupt sagen könnt, wer ihr seid, finde ich erbärmlich. Und ich schäme mich für meine Mitbürger. Ich schäme mich für Menschen wie Frau Gruber.

Leider ist sie kein Einzelfall.

Ihr habt mir auch erzählt, dass ihr regelmäßig in der U-Bahn wegen eures Kopftuchs angegangen werdet. Dass fremde Menschen sogar das Tuch anfassen und sagen "Was willst du denn damit?".

Ihr habt mir auch von eurer ausländerfeindlichen Realschullehrerin erzählt, die immer zu euch gesagt hat, was der Teppich auf euren Köpfen denn solle.

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Nach unserem Gespräch habe ich mich gefragt, wovor Frau Gruber Angst hatte.

Dass eine Muslima unseren Kindern Geschichten vorliest? Dass sie erzählt, warum sie ein Kopftuch trägt? Dass sie erklärt, warum sie jeden Tag dreimal betet?

Unsere Kinder sollen doch zu weltoffenen Menschen werden

Genau das brauchen wir doch. Wir brauchen mehr Verständigung, mehr Austausch. Nur so können aus unseren Kindern weltoffene Erwachsene werden.

Auch wenn euer Weg zu uns schmerzvoll war, bin ich sehr froh, dass ihr schlussendlich zu uns gekommen seid. Ich freue mich, dass meine Tochter jeden Freitag bei euch ist. Und ich hoffe, dass ihr ihr noch viel über eure Religion, eurer Land und euer Leben erzählt.

Ihr seid eine große Bereicherung.

*Namen von der Redaktion geändert

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(lk)

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