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Die Kinderärztin stellte mir eine simple Frage - jetzt zweifle ich, ob ich immer eine gute Mutter bin

21/11/2017 14:24 CET | Aktualisiert 21/11/2017 14:24 CET
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Ich bin schon wieder auf dem Weg nach draußen. Erst als die Tür zur Kinderarztpraxis hinter mir zufällt, realisiere ich, was ich da gerade gesagt habe - und bekomme ein unglaublich schlechtes Gewissen.

Meine Tochter ist krank. Es ist nichts Schlimmes - eine Bindehautentzündung. So kann sie allerdings nicht in den Kindergarten, denn die Krankheit ist sehr ansteckend.

Schon vor einigen Tagen ging es mit einer Erkältung los und gestern merkte ich, dass ihre Augen entzündet waren. Deswegen rief ich heute Morgen meine Kollegin an und sagte ihr, dass ich erst nachmittags ins Büro würde kommen können.

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Kurz darauf sitze ich mit meiner Tochter im Wartezimmer beim Kinderarzt. Als wir an der Reihe sind, bestätigt sich mein Verdacht. Ihre Bindehaut sei entzündet und sie könne erst wieder in den Kindergarten gehen, wenn alles abgeheilt sei, erklärt mir die Ärztin.

Auf dem Weg zur Apotheke beschleicht mich ein mulmiges Gefühl

Dann fragt sie mich: "Muss Ihre Tochter schnell wieder in den Kindergarten oder nicht?"

"Naja, ich muss eigentlich arbeiten", antworte ich. "Also wäre es schon gut, wenn sie bald wieder in den Kindergarten geht. Wieso?"

Darauf die Kinderärztin: "Gut, dann verschreibe ich Ihnen die antibiotischen Augentropfen, dann wird sie in ungefähr 24 Stunden wieder fit sein."

"Und was ist die andere Variante?", frage ich.

"Warten, bis es von selbst weg geht, aber das dauert in der Regel länger", erklärt sie. "Und womöglich kommen Sie dann auch nach drei Tagen wieder und brauchen die Tropfen trotzdem, weil es ohne nicht klappt."

Ich entscheide mich für die Augentropfen und lasse mir ein Rezept ausstellen.

Auf dem Weg zur Apotheke beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Was mache ich hier eigentlich? Meiner Tochter ein antibiotisches Medikament verabreichen, nur damit sie wieder schnell 'funktionstüchtig' ist? Damit ich zurück ins Büro kann?

Meine Tochter steht an erster Stelle, höre ich mich oft sagen

Ja, mein Job ist mir wichtig. Ich arbeite gerne. Ich will, dass meine Kollegen sich auf mich verlassen können. Und dass keiner denkt, ich würde meinen Job nicht ernst nehmen. Deswegen war auch mein erster Gedanke: Hoffentlich falle ich nicht zu lange aus.

Doch ist das nicht pervers? Ein Kind mit Medikamenten 'vollpumpen', damit alles schnell wieder so ist wie immer? Damit das System nicht ins Stocken gerät?

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Meine Tochter steht an erster Stelle, höre ich mich oft sagen. Das würde jedoch bedeuten, dass ich ihr auch die Zeit gebe, in ihrem Tempo gesund zu werden.

Es würde bedeuten, dass ich das Telefon in die Hand nehme, meinen Arbeitgeber anrufe und sage: "Meine Tochter ist krank und ich weiß noch nicht, wie lange es dauert, bis ich wieder da sein kann."

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Besser klingt natürlich: "Ich kriege das schon hin und werde sehen, dass ich morgen wieder da bin."

Es gibt Grenzen

Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass ich gerade als Mutter und Teilzeit-Angestellte 120 Prozent geben will. Man ist ja sowieso immer die, die 'nur''bis mittags da ist. Und dann fällt man auch noch alle paar Wochen aus, weil das Kind krank ist. Es ist eine ständige Zerreißprobe zwischen Job und Kind.

Ich werde immer eine arbeitende Mutter sein und meine Kinder werden sich demnach auch immer ein wenig nach mir richten müssen. Das finde ich vollkommen in Ordnung. Aber es gibt Grenzen. Das wurde mir heute bewusst.

Die Augentropfen habe ich erst einmal in den Schrank gestellt.

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(lk)