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An meine Mutter: Ich habe Angst, dass ich nicht da sein kann, wenn du mich am meisten brauchst

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MUTTER TOCHTER
Katharina Hoch
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Liebe Mama,

ich bin tief beeindruckt. Jeden Tag setzt du dich dreimal ins Auto und fährst zu unserer 88-jährigen Oma. Deiner Mutter.

Morgens hilfst du ihr aus dem Bett, ziehst sie an und machst ihr das Frühstück. Mittags kochst du für sie, unterhältst dich mit ihr oder machst einen kleinen Ausflug in den Schrebergarten.

Abends lässt du mit ihr den Tag Revue passieren, schmierst ihr ein Wurstbrot, machst ihr einen Tee, gibst ihr die Medikamente, wechselst ihre Verbände, duschst sie, begleitest sie auf die Toilette, ziehst ihr die Kleidung aus und hilfst ihr ins Bett.

Für mich bist du die absolute Powerfrau

Am nächsten Tag beginnt alles wieder von vorne. Und das seit vielen Jahren.

Neben der Betreuung und Pflege von Oma gehst du auch noch einige Stunden pro Woche arbeiten, obwohl du schon in Rente bist. Du kümmerst dich um Papa, um deine Enkelkinder und um deinen Schrebergarten. Du hast also wirklich einiges zu tun.

Ich frage mich, wie du das alles schaffst. Woher du diese nicht enden wollende Energie nimmst. Für mich bist du die absolute Powerfrau.

Aber auch deine Kraft hat einmal ein Ende.

Vor kurzem hast du mich angerufen und mir nebenbei erzählt, dass du nachts vom Krankenwagen abgeholt wurdest: Verdacht auf Herzinfarkt. Zum Glück hat sich der Verdacht nicht bestätigt.

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Aber der Vorfall hat mich zum Nachdenken gebracht. Was ist eigentlich, wenn dir einmal etwas passiert? Wenn du zum Pflegefall wirst?

Mein erster Impuls: Ich hole dich zu mir und pflege dich. Du bist schließlich meine Mama. Hast dich viele Jahre liebevoll um mich gekümmert. Hast mir all deine Liebe und Aufmerksamkeit gegeben.

Ich habe selbst eine kleine Familie, einen Beruf, Freunde

Du hast mich auch tausendmal an- und ausgezogen. Mich gefüttert, mir die Windeln gewechselt und mich ins Bett gebracht. Mir zum hundertsten Mal erklärt, dass man aufpassen muss, wenn man über die Straße geht. Mich in die Schule begleitet und mir bei den Hausaufgaben geholfen. Mir Mut gemacht, wenn ich Angst hatte oder verzweifelt war.

Genauso wie du für mich da warst und immer noch bist, will ich auch für dich da sein, wenn du mich brauchst.

Aber: Mama, ich habe Angst, dass ich das nicht so gut hinbekomme. Ich habe selbst eine kleine Familie, einen Beruf, Freunde. Und ich verreise gerne. Schon jetzt ist es manchmal schwer, alles unter einen Hut zu bekommen. Wie wird das, wenn du mich brauchst?

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Ich werde mein Leben ändern müssen. Vielleicht kann ich nicht mehr oder nur noch wenig arbeiten. Vielleicht sehe ich meine Freunde dann nicht mehr so oft. Und Reisen? Die wird es dann erst einmal nicht mehr geben.

Die Vorstellung macht mir Angst

Am liebsten würde ich sagen, dass das überhaupt kein Problem für mich wäre. Dass ich das mit links machen werde, so wie du. Dass ich selbstverständlich alles hinten anstelle.

Doch die Vorstellung macht mir Angst.

Ich hoffe, du verzeihst mir, wenn ich nicht so aufopferungsvoll bin wie du.

Ich hoffe, du verzeihst mir, wenn ich mir jemanden zur Hilfe hole.

Ich hoffe, du verzeihst mir, wenn ich mich einmal nach etwas anderem sehne als jeden Tag dreimal zu dir zu fahren.

Ich hoffe, du verzeihst mir, wenn ich jammere, dass alles so anstrengend ist.

Liebe Mama, auch wenn ich manchmal Angst vor der Zeit habe, wenn ich die Starke sein werde und du die Schwache, weiß ich dennoch: Ich werde alles dafür tun, dir die Hilfe und Liebe zu geben, die du brauchst.

In Liebe,

deine Tochter.

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(lk)