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Katzenvideos, Zahngesundheit und extreme Armut

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EXTREME ARMUT
dpa
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Der 17. Oktober ist der internationale Tag für die Beseitigung der Armut. Wenn Sie das nicht wussten, ist das okay. Zwischen Weltkatzentag (8. August), dem Tag der Zahngesundheit (25. September) und dem Tag des deutschen Bieres (23. April), kann man den ein oder anderen "Welttag" durchaus mal vergessen.

Vielleicht vernachlässigen Sie aber doch lieber das Gedenken an die Zahngesundheit und merken sich das mit der Armut. Denn "internationale Tage des..." mögen mitunter nur Anlass zur Symbolpolitik sein, eine Gelegenheit, die Rede vom Vorjahr aus der Schublade zu holen und leicht zu verändern oder aber die sozialen Netzwerke mit lustigen Katzenvideos zu befüllen - manchmal aber, da sind sie auch ganz gut darin, uns an die wichtigen Dinge des Lebens zu erinnern.

Sei es die Freundschaft (30. Juli) oder aber das lange überfällige Versprechen, die Armut zu beenden.

Alte Versprechen und neue Hoffnungen

Der Internationale Tag für die Beseitigung der Armut ist jünger als das Versprechen, sie zu beenden. 1992 rief die UN-Generalversammlung diesen Tag aus. 24 Jahre ist das jetzt her. Der internationale Kampf gegen die Armut begann früher. Viel früher. Doch wenn alles nach Plan läuft, dann ist er in nur 14 Jahren erfolgreich beendet.

Bis 2030 - so haben es die Vereinten Nationen im vergangenen Herbst beschlossen - soll die Armut ein Ende haben. Und das ist gar nicht mal so unrealistisch. Oder sagen wir: wäre  - wenn alle mit anpacken.

Aber das hier soll kein deprimierender Text werden, der bloß an politische Versäumnisse und gebrochene Versprechen erinnert und den Zeigefinger hebt. Davon gibt es genug. Und die sind vielleicht auch der Grund, warum die Menschen das Ende der Armut für utopisch halten. Über 90 Prozent der Deutschen glauben (fälschlicherweise!) die weltweite Armut sei seit 1990 gleich geblieben oder gar angestiegen.

Dabei leben heute erstmals nur etwa 10% der Menschen weltweit unter der Armutsgrenze. So wenig wie noch nie. Jeder einzelne ist zu viel, aber es sind doch allein rund 200 Millionen weniger als noch 2012. Es passiert also Großartiges in dieser Welt.

Sie wird besser, viel besser und vor allen Dingen für viele besser - aber irgendwie bekommt es niemand mit. Zeit für ein bisschen verordnete Hoffnung also.

Und die ist nötig. Die politische Arbeit (auch die von Nichtregierungsorganisationen) lebt davon, für dringend notwendige Verbesserungen zu streiten, für positiven Wandel einzutreten und Probleme aufzuzeigen.

Dadurch bleibt manchmal wenig Raum und Zeit für Erfolgsgeschichten. Das verzerrt aber das Bild der Welt in unseren Köpfen und lässt die Welt schlechter aussehen als sie ist.

Von Erfolgen zu erzählen, heißt nicht, sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen und sich anschließend tatenlos zurückzulehnen, sondern vielmehr, einen Blick auf das Erreichte zu werfen, zu fragen: Was hat gut funktioniert und vor allem: warum? Wovon braucht es mehr, wovon weniger? Es bedeutet Geschichten zu schreiben und die Gesichter hinter diesen zu zeigen.

Mehr als ein Streit um Worte

Vielleicht ist das deshalb so schwierig, weil Armut sich so schwer darstellen lässt. Hunger, Wassermangel, schlechte Energieversorgung - all das ist Teil der Armut und all das lässt sich sprachlich, bildlich, ja fotografisch einfangen.

Aber die Armut selbst? Armut ist nicht nur schwer zu beschreiben und zu zeigen, sie ist sogar schwierig zu definieren. In Deutschland etwa unterscheidet sich bereits der Armutsbericht der Bundesregierung in seiner Konzeption von dem der Wohlfahrtsverbände. Auf internationaler Ebene ist für solche Definitionen die Weltbank zuständig.

Die löst Definitionsfragen vor allem monetär und hat im vergangenen Oktober eine Grenze von 1,90 US-Dollar pro Person und Tag als Indikator absoluter bzw. extremer Armut festgelegt. Diese sogenannte Armutsgrenze lag seit 2005 bei 1,25 US-Dollar pro Tag und Person - immer wieder angepasst seit 1979.

Die Debatte darum, was „Armut" ist, ist kein bloßer Streit um Worte, sondern Auseinandersetzung um politische Inhalte und Strategien. Die Deutungshoheit ist entscheidend - wer sie erlangt, legt fest, welche Probleme als solche wahrgenommen werden, welche Themen Priorität erlangen und welche Strategien sich aus den Herausforderungen ergeben.

Die Ärmsten der Armen im Fokus

Wir können und wir müssen diese Diskussion mitgestalten. Es geht nicht nur darum, was Armut ist (und ob eine monetäre Definition ausreicht), sondern auch darum, wer entscheidet, wer arm ist und wer nicht. Denn im Kampf gegen die Armut ist es nicht nur wichtig, dass etwas getan wird, sondern vor allem, wer erreicht wird.

Wenn Entwicklungspolitik wirklich als Hilfe zur Selbsthilfe verstanden wird, dann müssen doch vor allem die Ärmsten der Armen unterstützt werden - diejenigen, die in den am wenigsten entwickelten Ländern (least developed countries, LDCs) dieser Welt leben.

Deutschland tut viel. Es kann, es muss und es wird noch mehr tun. Die sogenannten least developed countries müssen im Fokus aller Bemühungen stehen, mindestens 50 Prozent der Gelder der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit (ODA) an die Menschen vor Ort gehen.

Denn dort sind die strukturellen Entwicklungshemmnisse besonders hoch - auch weil die Mehrheit dieser LDCs zur Kategorie der fragilen Staaten gehört und sich neben ökonomischen Herausforderungen auch sicherheitspolitischen Problemen gegenüber sieht.

Die Herausforderungen mögen groß sein. Das heißt doch aber auch, dass das Potential hier besonders groß ist.

Mit lauter Stimme

Mit den Millenniumszielen wollte die Weltgemeinschaft die Armut halbieren. Das ist gelungen! Die Nachhaltigen Entwicklungsziele fordern nun das Ende der Armut bis 2030. Möglich ist das. Wahrscheinlich? Ich sage: ja! Schließlich ist der Anteil der in extremer Armut lebenden Menschen in den letzten 20 Jahren um mehr als die Hälfte gesunken.

Am 17. Oktober ist also der internationale Tag für die Beseitigung der Armut. Zeit um, neben den Katzenvideos, die Erfolge im Kampf gegen die extreme Armut zu feiern, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken und gleichzeitig nicht nur, nicht zu vergessen, dass es noch viel zu tun gibt, sondern mit lauter Stimme zu handeln.

Werden Sie aktiv im Kampf gegen extreme Armut und fordern die europäischen Staats- und Regierungschefs dazu auf, mehr Gelder für die Unterstützung von Geflüchteten und Menschen in extremer Armut weltweit bereitzustellen (denn hier darf es kein Entweder Oder geben) und finden Sie heraus, warum Armut sexistisch ist. Mehr Informationen finden Sie unter www.one.org.

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