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Der Journalismus ist tot, lang lebe der Influencer

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Das, was man früher als einen gut recherchierten und pointierten Artikel eines Journalisten wahrgenommen hat, findet man in der Offline-Welt der Printzeitungen immer seltener. Artikel kann man mittlerweile in zwei Kategorien unterteilen: die mit regionalem Charakter (Veranstaltungen wie den Besuch des Bürgermeisters, Jahresversammlungen des Hasenzüchtervereins & Co.) und die überregionalen Artikel im Politik, Feuilleton und Wirtschaftsteil, die meist von Nachrichtenagenturen 1:1 übernommen werden.

Vor 10 Jahren hatte ich noch die SZ abonniert und gelegentlich die Zeit. Heute abonniere ich News-Portale, Blogs und Facebook-Seiten für meinen News-Feed. Blogger und andere Social Media Influencer ersetzen immer mehr die klassische Medienlandschaft.

Der Journalismus ist dem Influencer gewichen. Und der Text wird immer mehr vom Content abgelöst. Es wird nicht mehr geschrieben, sondern produziert, auf Keywords optimiert und Bilder designt. Den Siegeszug des Internets verdeutlich auch diese aktuelle Statistik der AWA:

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Journalismus ist ein vom Aussterben bedrohter Beruf

Von Zukunftsaussichten im Offline Bereich kann man kaum noch reden. Als studierter Germanist und mit 2 Jährigem Volontariat bei einer Print-Redaktion verdient man kaum mehr als den Mindestlohn und die Bezahlung von freien Journalisten ist eigentlich nur noch blanker Hohn.

Den Verlagen kann man dabei eigentlich kaum einen Vorwurf machen angesichts schwindender Abonnements und immer geringerer Auflagen. Als freie Journalistin bei einer regionalen Zeitung habe ich 2014 meine Texte noch auf Stundenbasis abgerechnet: Fahrtzeit, Termin, Schreiben eines 500 Wörter Artikels = 5 Stunden Aufwand bei 7 Euro pro Stunde.

Das schöne dran, ich konnte mir ein paar Konzerte umsonst anschauen, habe 5 Badeseen am einem Tag abgeklappert und viel zu bildliche Präsentationen über Darmkrebs gesehen. Yeah me!

Ein Texter leistet Akkordarbeit am Fließband

Wer als „Schreiberling" überhaupt noch Geld verdienen will, dem bleibt oft nichts anderes übrig als den Sprung zu wagen in den überfüllten Teich der Selbständigkeit im World Wide Web:
Zum Beispiel als Texter oder auch Übersetzer bei Textbroker Seiten zu Dumpingpreisen. Bei 1,3 - 7 Cent pro Wort, kann man sich ja vorstellen was netto für den Texter übrigbleibt, denn meist behalten die Broker eine Provision von über 30 Prozent.

Hier wird im Akkord anonymer Content produziert, der aber möglichst unique sein sollte. Diese Texte landen dann in irgendeiner Weise als Gastbeiträge auf Blogs oder als bezahlte PR Artikel auf verschiedenen Webseiten.

Auf der Seite der „Schreiberlinge" ist der Trend weg von Qualität hin zu Quantität zu beobachten, denn die Erstellung günstiger Texte im Auftrag geht meist auf Kosten der Zeit für Recherche und Stil, und damit am Ende auf die Qualität.

Auch auf der Auftraggeber Seite bemisst sich die Qualität des Textes nicht nach Stil, Recherche oder Informationswert, sondern in den Augen der SEOs nur darin, wie gut der Link eingebunden ist, welche Art von Link eingebunden wird, ob Linkjuice weitergegeben wird und wie die SEO-Werte der Linkquelle sind. Der Text und damit der Autor werden zweitranging. Das eigentlich Ziel: der PREMIUM-LINK.

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Will man tatsächlich kein anonymer Texter im virtuellen Getriebe sein, sondern seine Inhalte mit seinem Namen publizieren, bleibt eigentlich nur das Bloggen. Um damit aber Geld zu verdienen, braucht es langen Atem, eine Strategie, eine gute Konzeption und ein wenig SEO Know-how. Ich kann jedem nur empfehlen sich vor dem Start eines Blogs gründlich mit den folgenden Punkten auseinander zu setzen:

  • Analyse: Wettbewerbsanalyse, Content Analyse, SEO & Traffic Analyse, Keyword Recherche. Eine gute Beschreibung was man alles vorher bedenken sollte und welche Tools man dafür braucht, findet man übrigens hier.
  • Google Guidelines für Webmaster verinnerlichen, man will ja schließlich nicht abgestraft werden
  • SEO-Tipps von Online Marketing Experten holen, z.B. auf dem Blog von Moz
  • Gedanken zur Existenzgründung und der Steuer machen. Ein übersichtliches ABC-FAQ findet man übrigens hier.
  • Erst mit Content überzeugen, dann mit Links Geld verdienen z.B. mit dem Amazon Partner Programm oder über die Schaltung von Bannerwerbung, Sponsored Posts, etc.

Als Blogger möchte ich in erster Linie mit meinen Inhalten mit anderen Menschen erreichen. Werte wie Follower, Shares, Page Views und Unique Visitors sind zwar schön und gut (vor allem wenn man Geld mit seinem Hobby verdienen will), aber in erster Linie geht es einem Blogger um Selbstdarstellung.

Wenn ich nicht bereit bin einen persönlichen Teil von mir mit der virtuellen Welt zu teilen, dann sollte ich besser die Finger davon lassen. Wenn ich ein Buch rezensiere, mache ich das nicht, weil ich es vom Verlag kostenlos zugeschickt bekomme, sondern um anderen, die vielleicht das gleiche Genre mögen, die Kaufentscheidung zu erleichtern oder abzunehmen.

Dass ich für das Verfassen einer Rezension auf meinem Blog, bei Amazon oder Goodreads von den Verlagen kostenlose Leseexemplare teilweise Monate vor dem offiziellen Erscheinungsdatum bekomme, ist natürlich ein schöner Bonus. Es ist eine ganz eigene Art der Befriedigung, wenn meine Rezensionen auch nach einem Jahr noch Likes und Kommentare bekommen.

Blogs sind nicht nur Linkquelle für den Backlink sondern Markenbotschafter

Wer von Anfang an ein wenig Geld verdienen möchte kommt nicht umhin Firmen selbst anzuschreiben und um Proben und Produkte, Review Exemplare etc anzufragen. Eine interessante Inforgrafik zum Thema Wie viel verdienen Blogger in Deutschland hat die Seeding Alliance mit den Daten aus einer Bloggerumfrage erstellt. Auf dem Blog von selbstaendig-im-netz.de wird zwar regelmäßig ein Einnahmereport veröffentlicht, aber auch hier fehlen gerade die Angaben der großen Blogger.

Nehmen wir mal an der Blog steht, die ersten Besucher klicken sich durch meine Postings und ich habe mir schon ein kleines Netzwerk aufgebaut. Spätestens nach 6-12 Monaten werden Firmen und Linkbroker auf mich aufmerksam und schreiben mich an. Das geschieht mit mal mehr in vielen Fällen aber weniger Finesse.

In den Abteilungen sitzen nur wenige mit Kommunikationserfahrung. Meisten sagt der Titel schon alles: Junior SEO Manager oder Online Marketing Trainee. Sie messen Blogs meist nur als Linkquelle für den Backlink in Metriken und Nutzerzahlen. Für SEOs ist man selten mehr als eine virtuelle Ressource, die zur Steigerung der eigenen Sichtbarkeit und des Rankings dient.

Dass wir Blogger aber Markenbotschafter für die Unternehmen werden könnten, dass wir in unserer eigenen Nische Meinungsbildner sind, dass unser Content weit mehr „Unique" ist und wir sehr viel mehr Zeit und Leidenschaft in das Verfassen eines Blogbeitrags stecken, als ein Freier Texter es je für 35,- Euro könnte, das wird dabei von den meisten bequem übersehen.

Auf der anderen Seite müssen gerade Unternehmen umdenken, und SEO, PR und Social Media nicht separat voneinander betreiben. Denn nur in einer Kombination aus diesen drei kann man seine Zielgruppe dort erreichen, wo sie sich im Web aufhält.

Sowohl Blogger als auch Unternehmen sollten mal darüber nachdenken was SEO eigentlich bedeuten sollte: Search Experience Optimization. Wer einen erfolgreichen Blog aufbauen will, sollte es im Sinne seiner Zielgruppe aufbauen. Und die Zielgruppe ist niemals die Suchmaschine, sondern der Leser meines Contents.

Was mir gefällt, was mich anspricht, was mich begeistert, das wird auch jemand anderem am Ende gefallen. Und für Unternehmen gilt es zu lernen, dass man sich Backlinks verdienen muss, zum Beispiel durch eine überlegte Blogger Relations.



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