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"Wenn du nicht zahlst, ist dein Mann tot" - was ich bei meiner Arbeit mit Terroropfern im Irak erlebte

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REFUGEE VOLUNTEER IRAQ
Anadolu Agency via Getty Images
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Es ist ein komisches Gefühl, an Orten zu leben, von denen andere Menschen flüchten. Doch als Nothilfe-Koordinatorin für die SOS-Kinderdörfer ist das nunmal mein Job. Nach meinem letzten Einsatz in Syrien bin ich inzwischen im Nordirak tätig.

Dort baue ich ein SOS-Projekt auf, das unter anderem die Traumatherapien von Kindern und Familien umfasst, die Opfer der Terrormiliz Islamischer Staat wurden.

In dieser Region sind besonders Anhänger der jesidischen Religion von Mord, Sklaverei und Verfolgung bedroht. Denn die Jesiden haben einen Genozid hinter sich. Deshalb brauchen sie Hilfe.

Der IS hat Männer erschossen, kleine Jungen zu Kindersoldaten herangezüchtet und Mädchen und Frauen verschleppt, versklavt und vergewaltigt. Ihnen wurden sämtliche Gräueltaten angetan, die es gibt und man sich lieber nicht vorstellt.

Ich kümmere mich jetzt um die Jesiden, denen die Flucht vor dem IS gelang. Sie sind nun in der Region um Dohuk.

Angehörige werden verschleppt und ermordet

Mein SOS-Team und ich helfen hauptsächlich den Kindern und alleinerziehenden Müttern, die ihre Männer verloren haben. Sie klammern sich an die Hoffnung, dass sie irgendwann zurückkehren - meist vergebens.

In den meisten Fällen wurden die Angehörigen verschleppt oder ermordet und kommen nie zurück.

Oder noch schlimmer: Der IS schickt der Familie ein Foto eines entführten Familienmitgliedes und fordert Lösegeld. Geld, um den ihre Lieben freizukaufen, haben jedoch die Wenigsten.

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Sie haben alles verloren und müssen nun auch noch ihren Familie dem IS überlassen. Dann halten sie ein Foto des entführten Ehemanns in den Händen und wissen genau: sie können ihn nicht freikaufen.

Wenn du nicht zahlst, ist er tot. Das kann doch kein Mensch ertragen!

Wirklich zu helfen, ist da keine leichte Aufgabe. Hauptsächlich jedoch betreuen wir die traumatisierten Kindern. Dafür haben wir 24 Menschen aus dem Camp ausgewählt, die wir zu Traumatherapeuten ausgebildet haben.

Das Programm wurde von norwegischen Psychologen genau für solche Interventionen nach einer Katastrophe entwickelt. So kann schnell relativ vielen Kindern geholfen werden.

Du kannst nicht jedem helfen

Dieses Programm soll bewirken, dass die Kinder lernen, mit ihren Gefühlen und dem Erlebten umzugehen. Am Ende sollen sie wieder Herr über ihre Emotionen und Reaktionen werden!

Doch trotzdem - am Ende des Tages musst man immer wieder einsehen: Du kannst nicht jedem helfen. Das klingt hart und das ist es auch: Aber man muss lernen, zu akzeptieren, dass es eine Grenze des Machbaren gibt.

Ich war neulich bei einer Mutter, deren Kind bei uns im Programm ist. Der Junge erzählte mir seine Geschichte und sagte dann am Ende zu mir: "Ok, ich habe dir alles erzählt. Kannst du jetzt meinen Vater wieder zurück zu uns holen?"

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Aber ich konnte ihm natürlich keine falschen Hoffnungen machen.

Einige aus dem Team verkraften solche Geschichten und Erlebnisse selbst nicht gut. Wenn sie um Hilfe bitten, bekommen sie sie auch. Für mich ist es noch ohne psychologische Hilfe ertragbar. Und auch für meine Teamkollegen, die schon länger dabei sind, ist diese bittere Realität schon zum Alltag geworden.

Und der ist manchmal hart, unschön und vor allem kraftraubend.

Kraft, die ich wieder zurückbekommen, sobald ich den Erfolg und die Wirkung meiner Arbeit sehe. Wenn plötzlich 300 Kinder vor mir sitzen, denen geholfen werden kann, dann stehe ich manchmal nur da und denke mir: "Wow!"

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Es gibt da ein 19-jähriges Mädchen, das am ganzen Körper verbrannt wurde und andere Gräueltaten erleiden musste. Sie stand trotzdem voller Tatendrang vor mir und wollte etwas tun.

Allein nur die Verbrennung würde mich zum Aufgeben bringen - geschweige denn, was sie sonst noch durchleiden musste. Und dieses Mädchen kam aus eigenem Antrieb zu mir und will etwas tun. Wenn ich einem Menschen wie ihr dann helfen kann, dann gibt mir das wahnsinnig viel.

Deswegen mache ich diesen Job. Manchmal muss ich mich dann zwingen, aufzuhören - zumindest für einen halben Tag. Dann steige ich auf einen kleinen Berg in Dohuk, atme durch und versuche, zumindest für eine Weile, die Schicksale zu vergessen.

Der Text wurde von Vanessa Schwake aufgezeichnet. Das Beitragsbild zeigt eine Helferin der Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen im Nordirak.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

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