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6 Vorstellungen über Japan, die falsch sind

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Warst du in letzter Zeit mal in einem hippen Kleidungsgeschäft? Dann wirst du dir vielleicht das gleiche wie ich gedacht haben: Seit wann wird alles mit japanischen Zeichen bedruckt?

Auf der anderen Seite sind in Japan seit Jahren absurde deutsche oder englische Sprüche auf Taschen oder T-Shirts zu finden - vielleicht war es einfach an der Zeit für Rache? Oder begeht man einen kulturellen Fauxpas, wenn man ein Oberteil trägt auf dem auf Japanisch "Ich liebe Japan" steht?

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Japanische Streetwear

Sicherlich sollte es im künstlerischen Freiraum liegen, so gut wie alles auf Taschen drucken zu können, und trotzdem frage ich mich, warum gerade Japanisch die stylischste Möglichkeit geworden ist, einen Satz, den du nicht verstehst, auf deinem Oberteil zu präsentieren.

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© Urban Outfitters / "I liebe Japan" T-Shirt/

Von Japan inspirierte Produkte lassen sich gut vermarkten

Und dabei geht es nicht nur um die Fashionindustrie, auch Essen, Musik, Design und Pop-Kultur im Allgemeinen lassen sich von Japan und seiner Kultur inspirieren und nutzen die "Seltsamkeit" des Landes, um ihr Produkt zu vermarkten.

Durch die Promotion japanischer Produkte als "exotisch" oder "fremd", wird jedoch gleichzeitig für Außenstehende ein Bild vom Land erschaffen, das tiefer sitzt als ein T-Shirt-Druck. Wie zum Beispiel durch die "kawaii"-Kultur, die auch hier mittlerweile ein großer Erfolg ist und süße, kindliche, rosa Produkte als "typisch japanisch" erscheinen lässt. Jeder assoziiert mittlerweile Hello Kitty mit Japan.

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Sind das "typisch japanische" Donuts?

In einigen Fällen werden wohl beide Seiten von einer Vermarktung der japanischen "Niedlichkeit" profitieren (wir geben doch gerne unser Geld für Katzen-Donuts aus) und sicherlich ist die Vermarktung "des Komischen" nicht schlecht per se, aber es kann zum Problem werden, wenn die Wahrnehmung eines kompletten Landes auf einer Marketing-Strategie beruht.

Mehr zum Thema: Der verstörende Grund, warum eine halbe Million Japaner niemals ihre Häuser verlassen

Hier sind sechs der größten, vermarkteten Fehlvorstellungen über Japan, die das Land in einem falschen Licht darstellen.

1. Japan ist voll mit Robotern und leuchtet Nachts

Der Blick auf Shibuya oder Dotonburi kann auf jeden Fall beeindruckend sein. Genau so, wie jede andere Großstadt mit Menschenmassen und Wolkenkratzern ein überwältigendes Bild bietet.

In Hollywood wird Japan gerne als das Land der Zukunft dargestellt. Irgendetwas über Katakana auf einer neon-pinken Leuchtreklame fühlt sich einfach so viel extravaganter und futuristischer an als alles andere. Japans progressive Technologie und Fortschrittlichkeit wird als stilistisches Mittel genutzt, um eine Sci-Fi Atmosphäre zu schaffen, die sich gleichzeitig nicht zu weit-her-geholt anfühlt.

Trotzdem haben Leute angefangen zu glauben, dass Japans Bevölkerung zur Hälfte aus Robotern besteht, die abgefahrene Future-Cocktails direkt ans fliegende Auto servieren.
Wenn in Wirklichkeit ein Großteil Japans, außerhalb der Innenstädte, sich eher ziemlich altmodisch anfühlt. Häuser sind oft aus Holz und Touristen werden enttäuscht sein bei vielen Sightseeing-Spots keine sprechenden Toiletten, sondern Plumpsklos zu finden.

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Das ist auch Japan.

2. In Tokyo fühlt man sich wie eine Sardine in der Dose

Eines der größten Klischees über Japan ist, dass es so voll sei, dass Polizisten Menschen in die Züge quetschen müssten. Tatsächlich habe ich das noch nie gesehen.

Natürlich ist es voll und eng in Tokyos Innenstadt, aber genau so fühlt man sich an einem Samstag auf dem Kudamm. Wer schon mal in einer richtigen Millionenstadt war, den wird auch Shinjuku nicht mehr überraschen. Es ist eng, aber man kann noch seine Arme bewegen und wenn man Glück hat, findet man sogar einen Sitzplatz in der U-Bahn.

Tokyo ist eine der teuersten Städte der Welt. Daher sind viele Leute darauf angewiesen außerhalb des Stadtzentrums zu wohnen, wodurch die öffentlichen Verkehrsmittel und Straßen zur Rushhour schon mal komplett überfüllt sein können.

Aber das bedeutet nicht gleich, dass alte Männer dich belästigen, unter deinen Rock fotografieren und dann dein Portemonnaie klauen werden, wenn du nicht vorsichtig bist.
Ich würde sogar behaupten, dass es keine Großstadt gibt, in der ich mich so sicher gefühlt habe wie in Tokyo.

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3. Japanisches Essen ist seltsam

Touristen geben nach dem Asien-Urlaub gerne damit an, welche Widerwärtigkeiten sie sich alle einverleibt haben, in der Hoffnung damit klar zu machen, was für "krasse" Erfahrungen sie gemacht haben.

Die Herausforderung eine einzelne Natto-Bohne zu essen, obwohl sie so eklig aussah und roch, verdient quasi einen Preis. Rohe Eier, Walfleisch, lebender Oktopus und tödlicher Kugelfisch sind nur ein paar der unendlichen japanischen Absurditäten, die "die Japaner halt essen". Abgesehen von Sushi.

Natürlich ist das nicht wahr. In Japan gibt es die gleichen Foodtrends wie bei uns: Smoothie-Bars und Hipster-Cafés boomen, jeder Supermarkt verkauft Fried Chicken und manchmal findet man sogar Nutella und Milka im Süßigkeitenregal.

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Katsudon: ist einfach ein Schnitzel auf Reis.

Und selbst die traditionelle Küche Japans ist oft näher an unserer als man denkt. Es gibt viele Kartoffel Gerichte, gegrilltes Fleisch und Sandwiches.

Die westliche Küche hat insbesondere nach dem 2. Weltkrieg unter der amerikanischen Besetzung starken Einzug in den Alltag gefunden. Viele essen mittlerweile Toast zum Frühstück statt dem japanischen Frühstück, das aus Reis, Miso-Suppe und kleinen Beilagen besteht. Wer hat auch noch Zeit früh morgens zu kochen?

Genau wie es bei uns an jeder Ecke ein angesagtes Sushi oder Ramen Restaurant gibt, ist Japan voll mit italienischen Pizzerien, Tapas-Bars und Burger-Läden. Wer also keine rohen Fisch mag, muss auf keinen Fall verhungern.

4. Animes gucken nur Freaks

Wir sind alle mit Comics und Zeichentrick Serien aufgewachsen. Lustige Taschenbücher, Lucky Luke, Disney Filme, oder die Simpsons sind teil unserer Kindheit und ganz sicher nicht seltsam. Und es wird auch sicher niemand verurteilt, der auch jetzt noch gerne Superhelden Filme guckt. Trotzdem gilt man als größter Freak, wenn man öffentlich zugibt Animes zu gucken oder Mangas zu lesen.

"Anime" bedeutet "animiert" auf Japanisch und ist nichts anderes als die japanische Version unserer Zeichentrickfilme. Natürlich gibt es Unterschiede im Zeichenstil und Inhalt, aber im Grunde sind beide Kindergeschichten, die Erwachsene genau so mögen.

Die meisten Animes sind nicht ins Deutsche oder Englische synchronisiert, weshalb viele Animes auf Japanisch mit Untertiteln gucken. Wenn man die Sprache nicht versteht, kann das schnell lustig oder befremdlich klingen, besonders wenn es so scheint, als würden die Charaktere mit extrem hohen Stimmen sprechen und jeden Satz brüllen.

Aber bevor jemand sagt, das sei so "abgefahren": Erinnert sich noch jemand an Happy Tree Friends? Oder Darkwin Duck? Rockos modernes Leben? DAS ist verrückt.

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Rockos modernes Leben: irgendwie nicht ganz „normal"

Der Glaube, dass japanische Pop Kultur extrem komisch ist, wird oft sogar noch unterstützt, um Produkte als "exotisch" verkaufen zu können. Anstatt die vielen Parallelen zwischen unseren Fernsehserien zu erklären, wird eine Kultur auf Videos von tanzenden Schulmädchen reduziert.

Dabei gibt es viel mehr, als die klassische Anime und "kawaii"-Kultur. Berühmte Künstler wie Fashiondesigner Issey Miyake, der Architekt Kengo Kuma oder die Künstlerin hinter den berühmten psychedelischen Pünktchen-Skulpturen, Yayoi Kusama, werden erst weit nach J-Pop Stars wie Kyary Pamyu Pamyu erwähnt.

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Kusama's Kürbis auf der Kunst-Insel Naoshima.

Hier noch ein paar moderne, nicht-Pop Empfehlungen:

  • Bücher: "Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt" von Haruki Murakami (der aus gutem Grund schon sehr bekannt ist), "Was vom Tage übrig blieb" von Kazuo Ishiguro oder "The Changeling" von Kenzaburo Oe.
  • Filme: "Love Exposure" (sehr abgefahren, aber genial), "Die letzten Glühwürmchen" (ein politischer und tiefgehender Anime) oder "Eureka" (sehr berührend, in Cannes nominiert)
  • Musik: für Fans von Rock und Hardcore: Envy, Number Girl and Eastern Youth sind großartige japanische Rockbands

5. Die Japaner sind alle Klone

Der Drang zu generalisieren ist im Allgemeinen ganz überwältigend. Und so existieren natürlich über jede Nationalität ihre Klischees, die zu ganz falschen Auffassungen führen können.

Besonders das Vorurteil, dass Japaner alle gleich aussehen, hat mich immer amüsiert. Ich habe noch nie mehr Diversität, Mut und Kreativität gesehen, wenn es um den Kleidungsstil geht, als in Japan. Secondhand Läden platzen förmlich vor verrückten Teilen aus vergangenen Jahrzehnten, Gothic-Stores reihen sich an Shops für Lolita-Fashion und daneben findet man eine Boutique mit High-End Stücken direkt vom Laufsteg.

Wo man in Deutschland oft in zwei Kategorien (Hipster oder Fashion-Opfer) eingeteilt wird, existieren in Japan viele Szenen nebeneinander, die alle ihren eigenen Trends und Subkulturen folgen. Ein Nachmittag in Harajuku und man fühlt sich in seinem H&M-Outfit furchtbar underdressed. Es gibt zahlreiche Blogs, die die Streetfashion Szene in Tokyo festhalten.

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© Tokyofashion.com / Tokyo Streetfashion Fotos/

Japan hat mir ein neues Verständnis davon gegeben, was es heißt sich so anzuziehen wie man will.

6. Immer am arbeiten und keiner springt aus der Reihe

Es gibt die so-genannte Salaryman in Japan, die täglich im Büro Überstunden machen, Nachts in Capsule-Hotels schlafen müssen, weil sie den letzten Zug nach Hause verpasst haben und einen Haufen Geld, aber kein Leben haben.

Und es gibt die, die da nicht mitmachen wollen. Alternative Konzepte werden immer mehr und erfolgreicher und genau wie bei uns, gibt es Leute, die sich zusammen gefunden haben, um etwas zu verändern.

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Bio-Bauern, die Cafés in Kyoto mit Reis und Gemüse versorgen.

Gerade in den großen Städten, in denen Schnelllebigkeit und Stress zum Alltag gehören, entstehen Gegenbewegungen, die sich mehr Bewusstsein und Nachhaltigkeit wünschen. Nachhaltiger Konsum wird immer mehr zum Thema und Bio-Bauern und Café-Besitzer bilden zum Beispiel in Kyoto eine Kommune, in der sich gegenseitig unterstützt wird.

Man muss sich also nicht dem Druck der japanischen Arbeitswelt beugen. Es gibt genug Aussteiger, Freiberufler und Freidenker, wie bei uns.

Wenn eine ganze Nation als homogen angesehen wird

Japans Politik fördert seit langer Zeit das Bild Japans als "einzigartiges Land". Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Idee, dass Japan eine sozial und kulturell einheitliche und einmalige Einheit ist, durch den Nihonjinron Diskurs in der Literatur popularisiert.

Als Folge der langen Abgrenzung von internationalen Einflüssen, die sowohl geographisch, als auch politisch bedingt war, schien Japan als "rein" und "anders" verglichen mit anderen Ländern. Die einmalige Sprache, Religion und die „typisch japanische Denkweise, die nur Japaner verstehen können" erschufen ein Gefühl der Gemeinschaft und Stärke.

Auch wenn Japan seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs viele ausländische Einflüsse aufgenommen hat, bleibt das Bild Japans als "unverständliches Land" teilweise bestehen. Für viele Touristen scheint dieser "komische" und "unverständliche" Aspekt des Landes ein Grund zu sein, das Land bereisen und kennen lernen zu wollen. Dabei sollte man nur im Hinterkopf behalten, dass man nicht auf einen anderen Planeten reist.

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Lesenswert:

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