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Wie uns ein Musical zeigt, dass Aids nicht „Out" werden darf

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Über die Aktualität von HIV und die Möglichkeiten im Kampf gegen das Virus

Laut der Tageszeitung The Guardian muss man das Musical The Book Of Mormon gesehen haben, bevor man stirbt. In der Tat hat die Show ihre Zuschauer (bisher nur in New York und London) im Sturm erobert. Und das nicht nur, weil sie urkomisch und die Musik verdammt eingängig ist, sondern weil sie satirisch mit einer gern vergessenen Realität konfrontiert: der Brutalität von Aids.

Elder Price und Elder Cunningham sind Mormonen. Lange dafür ausgebildet, ihre Religion in die Welt zu tragen und Menschen zu bekehren, werden sie für ihren ersten Einsatz ins ostafrikanische Uganda geschickt. Doch schon bei ihrer Ankunft dort werden die beiden mit der harten Realität vor Ort konfrontiert.

Die Handlanger eines örtlichen Warlords berauben die Missionare unter vorgehaltenen Waffen ihres Gepäcks, die Dorfbewohner leiden unter Armut, Hunger, Kriminalität und Aids und haben den Glauben an Gott längst verloren.

In bester Musical-Tradition entledigen sie sich der Verzweiflung und Resignation angesichts ihres Schicksals mit einem schmissigen Lied -Hasa Diga Eebowai (Fick dich Gott!) - in dem die Dorfbewohner nacheinander mit ihrer tragischsten Eigenschaft vorgestellt werden: ihrer Aids-Infektion.

Das Publikum krümmt sich vor Lachen. Noch. Doch als in der nächsten Szene der lokale Warlord die Bühne stürmt und einen Mann, der gegen ihn aufbegehrt, vor den Augen der Zuschauer mit einem Kopfschuss exekutiert, breiten sich Entsetzen und eine Erkenntnis im Publikum aus: The Book Of Mormon ist keine seichte und leichtverdauliche Unterhaltung.

Das Stück richtet unseren Blick auf die Dinge, die wir gern verdrängen und die wir wieder unter dem Teppich hervorkehren sollten. Denn dass wir selbst nicht unmittelbar betroffen sind, heißt nicht, dass uns dieses Problem nichts angeht.

Dem Killer in die Augen schauen

Aids ist das beste Beispiel dafür, wie gleichgültig wir Themen gegenüber werden können, die uns zwar bewusst sind, die uns aber schlicht nicht mehr schocken. Während der Arbeiten an diesem Artikel fragte mich eine Kollegin, warum ich mich gerade mit diesem ausgelutschten Thema beschäftige. Gebe es darüber noch etwas Neues zu berichten?

Es scheint fast, als sei die Thematisierung des HI-Virus, dem laut UNAIDS seit Ausbruch der Epidemie ca. 36 Millionen Menschen erlegen sind und mit dem weitere fast 37 Millionen Menschen weltweit infiziert sind, mittlerweile „out".

Dabei sind laut dem CIA Factbook World in Gebieten, in denen das Virus weit verbreitet ist wie z.B. im südlichen Afrika, teilweise mehr als 25 Prozent der Bevölkerung HIV positiv. In Deutschland entspräche dies ca. 22 Millionen Menschen, also der Bevölkerung Bayerns und Baden-Württembergs zusammen.

Dabei sind Frauen besonders stark betroffen: 74 Prozent aller HIV-Neuinfektionen unter Heranwachsenden (15-19 Jahre) in Subsahara-Afrika entfallen auf Mädchen. Gleichzeitig steckten sich in der Region jede Woche 12.500 Frauen aller Altersgruppen neu mit HIV an.

Insbesondere sexuelle Gewalt kann das Risiko einer Infektion um bis zu 50 Prozent steigern - dies ist umso erschreckender, bedenkt man, dass in manchen Regionen fast die Hälfte der heranwachsenden Mädchen angibt, zu ihrer ersten sexuellen Erfahrung gezwungen worden zu sein.

Diese und weitere interessante Fakten und Informationen können im Bericht „Armut ist sexistisch!" der Organisation ONE nachgelesen werden. Darüber müssen wir reden!

UNAIDS, der Globale Fonds und die Finanzierungslücke

Vom 08. bis 10. Juni kommen Vertreter von Regierungen und Organisationen anlässlich eines hochrangigen UNAIDS-Treffens in New York zusammen, um bisherige Erfolge zu evaluieren und neue Strategien zur Bekämpfung von HIV/Aids zu entwickeln.

Auf der Agenda steht gewiss auch die Konferenz zur Auffüllung des Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria am 16. September diesen Jahres in Kanada. Programme, die aus diesem Fonds finanziert werden, retteten seit 2002 bereits fast 8 Millionen Menschen das Leben - das entspricht ca. der Bevölkerung ganz Niedersachsens.

Und doch muss der Fonds um seine Refinanzierung kämpfen. Deutschland beispielsweise hat seine Finanzierungszusagen seit 2008 nicht erhöht. Dabei könnten Schätzungen zufolge durch die Arbeit des Globalen Fonds bis zu acht Millionen Leben gerettet werden.

Das Risiko der Mutter-Kind-Übertragung von HIV könnte dank der heutigen Methoden beispielsweise auf unter fünf Prozent gedrückt werden. Die Organisation ONE fordert deshalb - u.a. im Rahmen einer Aktion der ONE-Jugendbotschafter vor dem Entwicklungsministerium - eine Erhöhung der Beiträge Deutschlands um 50 Prozent auf 300 Millionen Euro.

UNAIDS-Generalsekretär Michel Sidibé sprach angesichts sinkender Einnahmen des Fonds bereits von einem drohenden „HIV Nightmare", da das Unterbrechen der Behandlung der Krankheit die Bildung von Resistenzen zur Folge haben kann, die die langfristige Bekämpfung des Virus beträchtlich erschweren könnten.

Das Ziel von UNAIDS ist es jedoch, das Virus bis zum Jahr 2030 auszumerzen: „keine neuen HIV-Infektionen, keine Diskriminierung, keine HIV-/Aids-Tode" lautet die Devise. Ambitioniert aber möglich. Doch nur wer sein Ziel kennt, kann auch einen Weg dorthin finden. Und auch wenn es manchmal erst ein Musical braucht um uns daran zu erinnern: Wir dürfen nie aufhören, darüber zu sprechen.

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