BLOG

Wenn du das liest, bist du nicht gebrochen

22/11/2017 17:50 CET | Aktualisiert 22/11/2017 17:50 CET
SrdjanPav via Getty Images

Mein Vater hat mich im im Alter von drei bis sechzehn Jahren grausam missbraucht. Was ich erleben musste, sollte kein dreijähriges Mädchen erleben. Trotzdem hat mich das nicht gebrochen.

Keine Sorge. Das wird nicht eine dieser "Ich hatte all diese Kindheitstraumata, aber ich hab sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht überstanden"-Geschichten: Das ist es nicht.

Es ist eine Geschichte davon, wie ich daran zerbrach und wie ich daran arbeite, mich langsam wieder aufzurappeln.

Gewehrläufe, Vergewaltigungen

Ich habe einige Traumata erlitten. Ich hab öfter in den Lauf eines Gewehres gesehen, als ich mich daran erinnern kann. Ich wurde von zwei verschiedenen Männern vergewaltigt. Ich habe obdachlos auf den Straßen von Los Angeles gelebt. Bei mir wurde Lupus diagnostiziert (eine Rheuma-Art, d. Red.).

Egal was passierte, ich habe mich zusammengerissen und weitergemacht. Ich habe mich in Richtung meines Ziels bewegt, bis ich endlich meinen Master-Abschluss hatte.

Weil ich als Kind missbraucht wurde, möchte ich anderen Kindern helfen. Deshalb habe ich einen Job im Bereich der Kinderrechte angenommen. Es hat mehr als 20 Jahre gedauert, dorthin zu gelangen.

Letztes Jahr traf es mich dann besonders hart

Letztes Jahr traf mich dann alles auf einmal. Meine Schwiegermutter starb, ich hatte einen Lupus-Schub, der immer schlimmer wurde und Trump wurde Präsident.

Ich erwähne Trump nicht, um politisch zu wirken. Bei seiner Wahl machte ich mir Sorgen wegen der Kinder. Ich war besorgt, was mit den Flüchtlingskindern passieren würde. Ich sorgte mich um das Pflegefamilien-System und internationale Kinder-Themen.

Mehr zum Thema: "Es ist absurd und geradezu obszön, wie weit verbreitet es ist" - Opfer von Kindesmissbrauch erzählen ihre Geschichten

Außerdem gab es einen ein Bericht über Mädchen, die in einer Betreuungseinrichtung in Zentralamerika in einem Feuer verbrannten. Das machte mich zutiefst traurig, denn sie hatten das Feuer selbst gelegt, um einer Umgebung voll Missbrauch zu entfliehen.

Recherchen rissen alte Wunden wieder auf

Als ich eines Tages in der Arbeit einen Fehler machte, war mein Chef war äußerst unzufrieden mit mir. Aufgrund meines Lupus-Schubes und deren Medikamenten, die ich zu dieser Zeit nehmen musste, konnte ich nicht rational denken.

Ich habe versucht, mich umzubringen. Die Ärzte sagten, dass ich unter posttraumatischem Stress leide, aufgrund des Missbrauchs, den ich während der Kindheit durchleben musste.

Die Recherche über Missbrauch in der Kinderbetreuung forderte jetzt ihren Tribut. Ich war völlig niedergeschlagen. Ich hatte so viel Zeit damit verbracht, an einen Punkt zu gelangen, von dem aus ich Kindern helfen konnte. Und jetzt realisierte ich, dass ich das nicht konnte.

Ich wollte sterben. Ich fühlte mich nutzlos.

Die Welt ist im Moment schwierig für mich

Ich verbrachte eineinhalb Monate im Krankenhaus, wo die Ärzte meine Lupus-Medikation anpassten, mich mit Antidepressiva behandelten und mir zahlreiche Therapien verschrieben.

Als ich dort war, lernte ich, dass abwarten und gesund werden das Beste ist, was ich für die Welt tun kann. Und das habe ich gemacht. Ich bin immer noch dabei, mich zu erholen.

Die Welt ist im Moment ein schwieriger Ort für mich. Ich musste lernen, mit starken Angstattacken umzugehen. Manchmal, wenn ich die Nachrichten lese, muss ich mich selbst umarmen und mich hin und her wiegen. Mit der Zeit kommt das aber immer seltener vor.

Es gibt nur wenige Menschen, bei denen ich mich wohl fühle. Freundschaften fallen mir schwer. Obwohl ich viele Leute kenne und viele Freunde auf Facebook habe, glaube ich, dass nur sehr wenige dieser Leute mich tatsächlich mögen. Das Gefühl ist ebenso Teil meines posttraumatischen Stresses. Ich erhalte eine kognitive Verhaltenstherapie, um zwischenmenschliche Beziehungen besser einschätzen zu können.

Das Schreiben hilft mit bei meiner Genesung

Indem ich das alles aufschreibe, möchte ich deutlich machen, dass du nicht wirklich gebrochen bist, solange du am Leben bist. Du kannst dich immer noch erholen und einen Weg finden, weiterzumachen. Morgen muss keine Wiederholung von gestern sein.

Nur weil ich gerade nicht im Bereich der Kinderrechte arbeiten kann, heißt das nicht, dass es immer so sein wird. Vielleicht muss ich einen anderen Bereich finden. Vielleicht muss ich auch ein neues Arbeitsfeld finden.

In der Arbeit geht es nicht um Alles oder Nichts. Wenn du das Gefühl hast, das sei bei dir sehr wohl so, solltest du über deinen Job nachdenken. Es gibt Wichtigeres auf der Welt. Selbst wenn du in einem Bereich arbeitest, der Leben rettet.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png

Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

Als ich im Krankenhaus war, habe ich viele Gedichte geschrieben. Die Ärzte und Therapeuten sagten mir, dass ich einzigartig kreativ bin. Sie haben mich dazu ermutigt, viel Zeit mit dem schreiben zu verbringen. Sie glauben, dass das Schreiben der beste Weg zu meiner Genesung ist.

Ich glaube, sie haben Recht. Ich habe ein neues Leben im Verfassen von Geschichten und Poesie entdeckt.

Nichts ist unheilbar. Ich glaube, dass Menschen fast alles überstehen können.

Manchmal brauchen sie dabei Hilfe. Meine Familie war eine große Unterstützung. Die Ärzte, die mich behandelt haben, waren einfach nur großartig. Ich bin mir sicher, wenn ich nicht ins Krankenhaus gegangen wäre, würde ich jetzt nicht hier sitzen und diesen Artikel schreiben.

Wenn du leidest, kann ich dir die Hilfe von Experten nicht genug ans Herz legen. Sie haben mir das Leben gerettet.

Der Beitrag erschien zuerst auf medium.com und wurde von Johanna Gill aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet.

Mehr zum Thema: Sexueller Kindesmissbrauch - interessiert es denn niemanden?

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

Sponsored by Trentino