BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Kate Allatt Headshot

"Im eigenen Sarg aufgewacht": Ich lag im Koma, habe jedoch alles mitbekommen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Ich bin aus meinem künstlichen Koma aufgewacht und habe mich schnell wieder bei vollem Bewusstsein gefühlt. Gefühlt. Dabei lag ich ganze zwei Wochen im Wachkoma.

  • Die wichtigsten Infos des Textes seht ihr zusammengefasst auch im Video oben

Ich war immer noch die lustige Kate, für jeden Spaß zu haben, jedoch ziemlich bewusstlos - ein Zustand, in dem ich all meine Gedanken und alles, was um mich herum passierte, mitbekam - nur war ich komplett unfähig, irgendetwas von mir zu geben. Ich glaube, so fühlt es sich an, wenn man in seinem eigenen Sarg aufwacht.

Ich war nicht tot, ich befand mich nicht einmal im tiefen Stadium des Wachkomas. Ich hatte einen schweren Schlaganfall erlitten und nun wurde bei mir Locked-in-Syndrom diagnostiziert. Genau wie bei 20 bis 40 Prozent der eigentlichen Wachkomapatienten, war das falsch.

Ich stand mitten im Leben

Ich begriff nicht, wie mir das alles passieren konnte. Ich war eine 39 Jahre alte Mutter, legte beim Joggen schon mal 70 Meilen in der Woche zurück und ich trainierte gerade für eine Kilimanjaro-Besteigung, die ich mir für meinen 40. Geburtstag vorgenommen hatte.

Meine Gedanken kreisten 24 Stunden, sieben Tage die Woche und ich hatte schreckliche Angst. Angst, dass mein Mann die Maschinen ausschalten würde. Außerdem war mir schrecklich langweilig, ich konnte nachts nicht schlafen - weil ich aus Langeweile eh den ganzen Tag nichts anderes tat - und ich hatte Halluzinationen, vor denen mich keiner gewarnt hatte.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

An einem Tag hatte ich verdammte Angst zu sterben, am nächsten Tag wollte ich am liebsten selber die Maschinen abstellen.

Ich spürte, wie Hände meinen leblosen Körper massierten, aber mein Gehirn war komplett machtlos, meinen Körper zu bewegen. Sehr oft hörte ich, wie die Ärzte geschäftig in meinem Zimmer arbeiteten und versuchten, im Bett nebenan ein anderes geliebtes Familienmitglied zu retten.

Ich hörte Menschen sterben

Ich werde niemals vergessen, wie die Angehörigen weinten - aus Trauer, Schmerz und Kummer. Ich wusste dann sofort, dass der Tod wieder um sich gegriffen hatte. Ich hatte vorher noch nie eine Leiche gesehen und der Gedanke daran verstörte mich zutiefst.

Der Gedanke, so früh zu sterben und meine kleinen Kinder mutterlos zurückzulassen folterte mich. Die Angst, von meinen drei Lieben, India (10), Harvey (8) und Woody (5), getrennt zu werden, war qualvoll und allumfassend.

Ich wollte sie unbedingt sehen und trösten, obwohl es mir körperlich einfach nicht möglich war. Als sie mich besuchten - zwei Wochen nach meinem Schlaganfall - durften sie sich nicht einmal neben mich auf das Bett legen. Aus Sicherheitsgründen.

Nach acht Monaten im Krankenhaus entließ ich mich selbst, in einem Rollstuhl, doppelt inkontinent und ohne Stimme. Ich musste einfach zuhause bei meinen Kindern sein. Der Weg aus dem Krankenhaus war dann der längste, den ich seit meinem Hirnschlag zurückgelegt hatte.

Mehr zum Thema: Ich rettete einem schwerverletzten Mann das Leben - und überwand somit meine Depression

Zuhause arbeitete ich mit einem Physiotherapeuten - jeden einzelnen Tag. Mein Ziel: Am ersten Jahrestag meines Schlaganfalls wollte ich wieder laufen können. Nach sechs Wochen brauchte ich keinen Rollstuhl mehr und konnte mit Krücken laufen.

Nochmal sechs Wochen später und einen Tag vor dem sich jährenden Unfall lief ich das erste Mal völlig ohne Hilfe. Und damit nicht genug . 21 Monate nach dem Schlaganfall nahm ich an einem Marathon teil.

Nun helfe ich anderen

Meine Geschichte öffentlich zu machen um anderen zu helfen, war meine Leidenschaft, seitdem vor sieben Jahren bei mir die "Bombe explodiert" ist. Ich wurde zur Stimme von weniger gesunden Menschen und gründete 2011 eine weltweite Wohltätigkeitsorganisation im Kampf gegen den Schlaganfall.

Ich biete Patientenbesuche und Verteidigung an und forsche selbst, um den meiner Meinung nach verletzlichsten Menschen unserer Gesellschaft zu helfen. Ich nenne mich selbst eine Schlaganfall-Aktivistin.

Letztendlich ist Kommunikation ein grundlegendes Menschenrecht. Jeder Schlaganfall ist individuell unterschiedlich, genauso wie die Folgen auf unseren Körper und wie wir damit umgehen.

Erfolg ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Rückschläge, Ausdauer, Opfer, Disziplin, harte Arbeit und Enttäuschung waren meine ständigen Begleiter in den letzten sieben Jahren. Heute versuche ich lediglich, die beste Version meiner selbst zu sein und meine neue "Unperfektheit" zu akzeptieren.

Mehr zum Thema: Die schwere Entscheidung einer Mutter, welches ihrer Babys überleben darf

Leidenschaftlich helfe ich nun denen, die weniger Glück haben, die verlassen wurden, die unsichtbar und stimmlos sind. Entweder liebt oder hasst man mich, aber ich versuche lieber, etwas zu bewegen und eventuell zu scheitern, als es gar nicht erst zu wagen.

Der Beitrag erschien zuerst bei der Huffington Post UK und wurde von Franziska Kiefl übersetzt.

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.