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Kassem Eid Headshot

Ich habe eine Giftgasattacke in Syrien überlebt

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GHOUTA
Getty
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Es ist etwa 5 Uhr morgens, als die Alarmsirenen mich aus dem Schlaf reißen. Sekunden später erschüttern Raketeneinschläge die Erde.

Ich kann nicht mehr atmen. Meine Brust steht in Flammen, jeder Teil meines Körpers droht vor Schmerz zu bersten. Ich schlage mir auf die Brust, hart, wieder und wieder, bis ich nach mehreren Versuchen endlich wieder einen Atemzug tun kann. Es brennt in der Lunge, es tut höllisch weh.

Ich schreie: "Aufwachen! Gasattacke!"

Dann höre ich die Schreie der Nachbarin, sie schlägt gegen die Tür, trägt ihre Kinder unter dem Arm. Beide sind grün und blau angelaufen, Schaum dringt aus ihrem Mund. Sie schaut ihnen hilflos beim Ersticken zu.

Wir rennen auf die Straße. Dutzende Männer und Frauen winden sich auf dem Boden. Sie erbrechen weißen Schaum, ihre Augen sind glasig, ihre Blicke ein schrecklicher Ausdruck des Terrors. Sie machen furchterregende Geräusche, während sie versuchen zu atmen und ersticken.

Die Ärzte glauben, dass ich tot bin

Im Straßendreck liegt ein kleiner Junge. Er ist rot, gelb und blau. Seine Kehle zittert, er kann nicht atmen. Ich reiße ihm das T-Shirt vom Leib, versuche ihm Luft in die Lungen zu pusten. Ich versuche, den weißen Schaum aus ihm herauszupumpen. Ich schaffe es nicht.

Als wir im Krankenhaus ankommen - es ist ein einfacher Raum in einem Keller, viele der Mediziner haben nicht mal die Uni abgeschlossen -, wiegt der Junge schwer in meinen Armen.

Überall ersticken Menschen. Ich kann den Jungen nicht mehr tragen, die Welt verschwimmt vor meinen Augen. Mein Herz setzt aus und ich werde ohnmächtig.

ghouta_gas Opfer der Giftgasattacke vom 21. August 2013

Die Ärzte glauben, dass ich tot bin. Doch ich wache auf, mein Freund Ahmad hält mich in den Armen. Der Boden ist nass, kalt und blutverschmiert.

Ein Doktor überschüttet mich mit Wasser und setzt mir eine Spritze. Ich gewinne an Stärke, verlasse das Krankenhaus. Draußen regnen weiter die Bomben auf die Stadt nieder.

Ein Jahr vor dem Angriff beginnt die Belagerung

Das war am 21. August 2013, in meiner Heimatstadt Moadhamiyeh, einem Vorort von Damaskus - es war der bisher größte Giftgasangriff im Syrienkrieg. Damals starben bis zu 1000 Menschen - niemand weiß das so genau.

Ich habe damals nur mit Glück überlebt. Jetzt will ich, dass alle Menschen im Westen meine Geschichte kennen, um die Brutalität zu verstehen, mit der Assad gegen sein Volk vorgeht. Dass sie den Grund verstehen, warum es mit Assad keine friedliche Zukunft in meinem Land gibt.

Zwei Jahre vor dem Angriff, im März 2011, findet in unserer Stadt die erste Demonstration gegen das Assad-Regime statt. Vor der Revolution studierte ich, um Englisch-Übersetzer zu werden.

Ein Jahr vor dem Angriff beginnt die Belagerung. Das Regime bombardiert uns jeden Tag, jeder, der in die Stadt kommen oder sie verlassen will, wird umgebracht. Ich arbeitete damals mit dem Stadtrat zusammen, wir versuchten Hilfsgüter für die Bevölkerung zu besorgen und mit internationalen Organisationen und Regierungen Kontakt aufzunehmen.

Am Abend vor dem Angriff erzählt mir ein Freund, dass es im Osten der Stadt einen Giftgas-Anschlag des Regimes gegeben habe. Nur wenige Stunden später trifft es uns.

Erst 2014 wirft die UN Assad Kriegsverbrechen vor

Später kommen die UN-Inspekteure. Sie nehmen Proben, messen die Einschlagswinkel der Geschosse und befragen uns zu dem Angriff. Vor Ort wollen sie uns nicht sagen, was passiert ist.

Aber in ihrem Report an den UN-Sicherheitsrat steht, dass die Raketen im vom Regime kontrollierten Damaskus abgeschossen wurden. Und er bestätigt: Es war ein Chemiewaffen-Angriff.

un UN-Inspektoren in Syrien im Oktober 2013

Erst 2014 werfen die Vereinigten Nationen Assad explizit vor, sein Volk mit Giftgas zu ermorden.

Jetzt hat Assad es wieder getan, diesmal in Khan Scheichun. Als ich die Bilder der Attacke sah, übermannte mich die Wut. All die schrecklichen Bilder kamen zurück, von all dem, was ich erlebt hatte - all dem, was ich überlebt hatte.

Solange Assad an der Macht ist, kann ich nicht in meine Heimat zurück

Assad muss endlich zur Verantwortung gezogen werden. Seit sechs Jahren tötet er hunderttausende Syrer. Es darf nicht mehr zugelassen werden, dass er sein Volk angreift.

Mehr zum Thema: Liebe Staatschefs, Ihnen dürfen diese Bilder nicht egal sein. Handeln Sie endlich!

Die USA, Frankreich, Deutschland, Italien, die ganze internationale Gemeinschaft: Sie müssen zusammen Assad das Handwerk legen. Wir können nicht warten, bis weitere 500.000 Menschen ermordet worden sind.

Wegen meines Engagements als Aktivist erhalte ich Morddrohungen von Freunden des Regimes, aber auch aus Russland, dem Iran und sogar vom IS.

Jetzt lebe ich in Deutschland, doch die Behörden können mir keine Sicherheit versprechen. Wie die meisten Flüchtlinge will ich in meine Heimat zurück. Doch solange Assad an der Macht bleibt, ist das nicht möglich.

Dieser Text wurde von Josh Groeneveld aufgezeichnet.

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